Nähe zu Fifa-Mitarbeiter wurde Chefermittler zum Verhängnis

Die Vorwürfe gegen den freigestellten Oliver Thormann waren von Anfang an dünn. Hat Bundesanwalt Michael Lauber überreagiert?

Football Leaks: Bundesanwalt Lauber verteidigt Treffen mit Infantino. (Video: SDA)

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Bei der Bundesanwaltschaft ist es nicht nur zu Treffen zwischen Bundesanwalt Michael Lauber und Fifa-Chef Gianni Infantino gekommen. Auch der kürzlich freigestellte Chef der Wirtschaftsermittlungen hatte sich mit einem Fifa-Vertreter zu mehreren Nachtessen getroffen. Zudem tauschten die beiden SMS-Nachrichten in persönlichem Ton aus.

Dies ist der Einstellungsverfügung zu entnehmen, die Sonderstaatsanwalt Ulrich Weder am 9. November erlassen hat. Weder hatte Vorwürfe der Amtsgeheimnisverletzung, der Begünstigung, der passiven Bestechung und der Vorteilsnahme gegen Olivier Thormann untersucht. Seine Untersuchung entkräftete die Vorwürfe aber vollständig. Deshalb stellte er das Verfahren ein.

In der Verfügung wird präzisiert, worum es ging. Offenbar hat ein nicht näher bezeichneter Informant Cornel Borbély, Mitglied der Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (AB-BA), Informationen über Thormann zugetragen. Der Chefermittler soll mit dem ehemaligen Chef des Rechtsdienst der Fifa einen lockeren Umgang gepflegt, ihn geduzt und zu Nachtessen eingeladen haben. Als der Fifa-Jurist seinen Posten verliess, habe Thormann geschrieben: «...wenn ich irgendwie von Hilfe sein kann…». Die Nähe von Thormann habe ihn «irritiert», sagte der Fifa-Jurist dazu später in seiner Einvernahme.

Verhängnisvolle Aktennotiz

Die Informationen veranlassten Borbély Bundesanwalt Michael Lauber zu informieren. Dieser verfasste am 9. Oktober - eineinhalb Wochen nach dem Gespräch mit Borbély - eine Aktennotiz und übergab sie seiner Aufsichtsbehörde, die dann Weder mit der Untersuchung beauftragte. Die Untersuchung durch den Sonderstaatsanwalt zeigt nun, dass die Notiz von Lauber offenbar Informationen enthielt, die Cornel Borbély nach eigenen Angaben gar nicht so gesagt hatte. Weder schreibt in der Verfügung, die Vorwürfe seien durch die polizeilichen Einvernahmen von Borbély, «jedenfalls teilweise entkräftet worden».

So stand in der Aktennotiz offenbar der Vorwurf, Thormann habe dem Fifa-Mitarbeiter Informationen über eine bevorstehende Hausdurchsuchung weitergeleitet. In der Einvernahme sagte Borbély aber, er «könne nicht bestätigen», gegenüber dem Bundesanwalt solche Angaben gemacht zu haben.

Vorwürfe übertrieben dargestellt?

Offenbar wurde Thormann in der Aktennotiz auch vorgeworfen, er habe versucht, sich Vorteile zu verschaffen. Dabei ging es um eine neue Fifa-Stiftung. Der Fifa-Chef-Jurist hatte dem Ermittler davon erzählt. Nun wurde Thormann vorgeworfen, er habe den Fifa-Juristen gefragt, ob er dort eine Anstellung bekomme, falls er dem Juristen Kraft seines Amtes Vorteile verschaffe. In der Einvernahme sagte AB-BA-Mitglied Borbély aber, dass er so etwas nie gehört habe. Auch der Fifa-Jurist sagte in der Einvernahme, Thormann habe im Gespräch über die Stiftung nie zum Ausdruck gebracht, dass er ihm Vorteile verschaffen würde.

Damit stellt sich die Frage, ob Bundesanwalt Lauber überreagiert oder in seiner Gesprächsnotiz die Vorwürfe gegen Thormann übertrieben dargestellt hat. Da die Vorwürfe möglicherweise strafrechtlich relevant gewesen seien, habe er keine andere Wahl gehabt, als sie abklären zu lassen, erklärte Lauber dazu heute Vormittag vor den Medien. Den Abgang von Thormann bedaure er. «Ich habe das überhaupt nicht gewollt», sagte Lauber. In der Gesamtbeurteilung der Lage sei der Weggang Thormanns aber sowohl für ihn selber, als auch für die laufenden Strafverfahren die beste Lösung gewesen.

Nötige Distanz hat gefehlt

Die Untersuchung von Weder entkräftete also alle strafrechtlichen Vorwürfe. Der Sonderstaatsanwalt kritisiert Thormann aber, weil ihm im Umgang mit dem Fifa-Juristen die nötige Distanz gefehlt habe. Es sei zwar immer wieder der Fifa-Mann gewesen, der bei Thormann um Gespräche nachsuchte. Doch es habe eine unklare Trennung zwischen beruflicher Aufgabenerfüllung und privaten-persönlichen Kontakten bestanden. Es gebe Anhaltspunkte, so Sonderstaatsanwalt Weder, dass Thormann «im Rahmen seiner amtlichen Tätigkeit die erforderliche Distanz, Objektivität, Neutralität und Unparteilichkeit» vermissen liess.

André Clerc, Anwalt von Thormann, sagt dazu: Die Frage einer angeblich fehlenden Distanz sei gar nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen. Es sei eine Einschätzung des Sonderstaatsanwalts, die er in seine Verfügung habe einfliessen lassen, ohne dass sich Thormann dazu je habe äussern können. «Ein SMS-Austausch ist naturgemäss eine eher formlose Art der Kommunikation. Wenn die Nachrichten zum Teil einen persönlichen Ton hatten, dann ist es Ausdruck einer gegenseitigen Wertschätzung in einem beruflich korrekten Rahmen, wie dies beide Männer in den Einvernahmen ausgesagt haben», sagt Clerc. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 21.11.2018, 19:29 Uhr

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