Analyse

Natalie Ricklis Kalkül

Die SVP-Politikerin hat sich nach ihrem Burn-out zurückgemeldet. Aber ihre massgeschneiderte PR-Strategie geht zu weit.

Ihre Rückkehr ist genau orchestriert: Natalie Ricklis Auftritt in der SRF-Sendung «Puls».

Ihre Rückkehr ist genau orchestriert: Natalie Ricklis Auftritt in der SRF-Sendung «Puls». Bild: Screenshot SRF

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Die Frau hat Mut – und weiss ihn zu gebrauchen. Gestern erzählte sie im Fernsehen freimütig von ihrem Zusammenbruch vor fünf Monaten. «Ich konnte keine Freude mehr entwickeln, selbst wenn ich etwas Privates gemacht hatte.» Symptome wie wochenlange Schlaflosigkeit nahm sie nicht ernst – bis sie stundenlang nur noch weinend dasass und nicht mehr weiterwusste.

In einem Zeitungsinterview sprach sie auch von der psychologischen «Abwärtsspirale», in die sie geraten sei, und über die Behandlung in der Privatklinik Hohenegg in Meilen, wo sie lernte abzuschalten und auch einmal einen Jass zu klopfen. Heute fühlt sich die Nationalrätin wieder fit genug, um auf die politische Bühne zurückzukehren.

Berührende Geständnisse

Die intimen Geständnisse aus dem Mund der 36-jährigen Politikerin sind berührend. Besonders auch, weil ihre eigene Partei sonst nicht mit Häme spart, wenn es um «psychogene Erkrankungen» geht, und vor der «schrankenlosen Pathologisierung des Menschen» warnt. Man mag es Natalie Rickli einfach gönnen, dass sie ihre schwere Erschöpfung therapeutisch bewältigen konnte und nun – um ein paar Erfahrungen reicher und scheinbar geläutert – ihre Arbeit wieder aufnehmen darf. Da verbietet sich umgekehrt jede Häme. Die Reaktionen auf die Lebenszeichen Ricklis waren weitgehend positiv, auch von Leuten, die ihr sonst politisch spinnefeind sind.

Kein Zweifel, Ricklis Comeback ist sorgsam orchestriert. Ein Interview gewährte sie dem «SonntagsBlick». Dieser hatte ihre Karriere schon vorher mit auffälliger Sympathie begleitet. Zudem kann er als auflagenstärkster Sonntagstitel auch die breiteste Wirkung garantieren.

Widersprüchliche Haltung zu SRF

Den zweiten Einblick in Ricklis Krankengeschichte durfte das Schweizer Fernsehen tun, nicht in einem Live-Interview, sondern weichgefiltert in einer Reportage des Gesundheitsmagazins «Puls». Dabei ist es überhaupt kein Widerspruch, dass Rickli ausgerechnet den Sender wählte, dessen Finanzierung sie am liebsten halbieren würde. Denn auch hier durfte sie auf das grösstmögliche Publikum hoffen.

Da war also nicht nur Mut, sondern auch viel Kalkül dabei. Anders hätte sie das Comeback auch kaum bewältigen können. Wäre sie einfach im Nationalratssaal wieder aufgetaucht – der Medienrummel wäre erdrückend gewesen. So aber konnte sie genau dann und dort über ihr Burn-out sprechen, wo sie das Ergebnis so gut unter Kontrolle hatte wie ihren streng gekämmten blonden Scheitel.

Krankheit instrumentalisiert

Gut möglich, dass Rickli ihre Rückkehr damit aber gar zu sehr kalkuliert hat. Leichthin überging sie in den Interviews «Schicksalsschläge und Krankheiten im persönlichen Umfeld». Da muss mehr dahinterstecken, als sie zuzugeben bereit ist.

Dafür nannte sie als Hauptauslöser ihrer Erschöpfung «die Tatsache, dass demokratische Volksentscheide nicht umgesetzt werden». Damit stellt Rickli ihre tiefe persönliche Krise in einen politischen Zusammenhang. Die Botschaft: Dass in der Politik nicht alles so läuft, wie ich und die SVP wollen, macht mich elendiglich krank.

Rickli darf auf Mitgefühl hoffen, echtes Mitgefühl, wenn sie eine Krise durchläuft. Wenn sie ihren existenziellen Tiefpunkt aber auf maximale Wirkung hin instrumentalisiert, verrät sie die menschliche Dimension ihres Schicksals an die Ränkespiele der Parteipolitik.

Erstellt: 05.02.2013, 08:51 Uhr

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