Neue Fluggeräte am Schweizer Himmel sorgen für Kritik

Bisher verbotene ultraleichte Fluggeräte dürfen ab 2015 auch in der Schweiz starten. Der Entscheid des Bundesrats wird kritisiert – aus unterschiedlichen Gründen.

Der Trike ist ein Deltasegler mit Propeller und Fahrgestell. Foto: Superbass, Wikimedia

Der Trike ist ein Deltasegler mit Propeller und Fahrgestell. Foto: Superbass, Wikimedia

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Oben ein Deltasegel, hinten ein Propeller, dazwischen ein luftiges Cockpit und unten ein Fahrgestell mit drei Rädern. Das Fluggerät heisst Trike und ist in der Schweiz bisher nicht zugelassen. Oben ein Rotor, hinten ein Propeller und dazwischen ein mehr oder weniger offenes Cockpit. Das ist ein Gyrokopter, bisher ebenfalls nicht zugelassen. Er gleicht einem Helikopter, sein Rotor wird aber nur durch den Fahrtwind angetrieben. Beide Flugzeuge gehören zur Gruppe der Ultraleichten. Im Ausland sind Trikes und Gyros beliebte Sportflugzeuge. In Frankreich sieht man öfters den Wegweiser «ULM», der zu einer Wiese führt, die den «ultralégers motorisés» als Piste dient. Am deutschen Ufer des Bodensees drehen Gyros mit und ohne Passagiere ihre Aussichtsrunden.

Auch in der Schweiz werden beide Kategorien nun zugelassen. Mit einer Teilrevision der Luftfahrtverordnung, die am 1. Oktober in Kraft getreten ist, hat dies der Bundesrat erlaubt. Gleichzeitig zugelassen werden Motoren für Deltasegler. Trikes und Deltasegler dürfen nur elektrisch angetrieben werden, Gyro­kop­ter auch mit Verbrennungsmotoren. Für Trikes und Gyros gilt zudem Flugplatzpflicht. Sie dürfen nicht auf freiem Feld starten oder landen.

Bundesrat im Hörtest

Die Zulassung hat eine lange Geschichte. 1984 nahm der Bundesrat das Verbot in die Verordnung auf. Die «Vermeidung zusätzlicher unerwünschter Umweltbelastungen» war die Begründung. Der Bundesrat liess sich auf dem Berner Flughafen davon überzeugen, dass die kleinen Flugzeuge Lärm machen. Seither scheiterten mehrere Vorstösse für eine Lockerung des Verbots. Erst 2012 änderte sich der Tonfall: In der Antwort auf eine Anfrage von Yannick Buttet (CVP, VS) räumte der Bundesrat ein, die technische Entwicklung insbesondere beim Elektroantrieb habe wesentliche Fortschritte gemacht. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) sei daran, die Zulassung neuer Luftfahrzeugkategorien zu prüfen. Besonders gefördert werden sollen die Elektroflieger.

2013 feierten die Befürworter der neuen Flugzeuge einen juristischen Sieg am Beispiel eines Trikes. Das Bundesgericht befand, das Bazl sei gar nicht berechtigt, dessen Zulassung abzulehnen. Als ausführendes Amt sei es in der Hierarchie zu tief angesiedelt. Auf internationales Recht abstützen konnte sich das Bazl nicht, denn die Ultraleichtfliegerei ist den Staaten überlassen, die sie unterschiedlich regeln. In Deutschland gelten die Ultraleichten gar nicht als Flugzeuge, sondern als Luftsportgeräte.

Deshalb soll nun eine Revision der Luftfahrtverordnung Klarheit schaffen. Seit dem 1. Oktober sind neue Grundsätze in Kraft, ab nächstem Jahr können auch Trikes, Gyrokopter und motorisierte Deltasegler zugelassen werden. Die Folgen sind noch unklar. Pro Natura etwa ist skeptisch. Die Naturschutzorganisation hatte beantragt, auf die Lockerung der Vorschriften zu verzichten. Die Änderung bringe eine Mehrbelastung von Mensch und Umwelt. Ob die Teilrevision dazu führt, dass Piloten in bisher ungestörte Zonen eindringen, werde erst die Erfahrung zeigen. Pro Natura werde die Entwicklung verfolgen, sagt Pressesprecher Roland Schuler.

Keine Elektrogleitschirme

Ebenfalls nicht vollkommen zufrieden sind die Luftsportler. Weiterhin nicht zugelassen sind nämlich Motoren für Gleitschirme, selbst wenn es Elektromotoren sind. Das sei nicht verständlich, sagt Yves Burkhardt, Generalsekretär des Aero-Clubs der Schweiz. «Wir unterstützen den Schweizer Hängegleiterverband, damit dieser Entscheid korrigiert werden kann. Elektrogleitschirme stellen eine sinnvolle Ergänzung und eine umweltfreundliche Alternative im System der Leichtaviatik dar.»

Besonders kritisch sieht Pro Natura die Gyrokopter mit Verbrennungsmotor, diese seien «inakzeptabel» laut. Die Gyros, viel billiger und zudem einfacher zu pilotieren als Helikopter, finden seit einigen Jahren wachsenden Anklang. Ein deutscher Hersteller, nach eigenen Angaben Marktführer, liefert jeden Tag ein Gerät aus, mehr als 1000 hat er bereits verkauft. Flugschulen und Rundflug­anbieter gibt es auch an der deutsch-schweizerischen Grenze.

Ob sie nun in die Schweiz ausschwärmen werden, lässt sich noch nicht ab­sehen. Unweit der Grenze liegt etwa der Flugplatz Birrfeld AG, der im ganzen Land meistbenützte. Flugplatzchef Roger Trüb erwartet keinen Grossandrang deutscher und schweizerischer Gyros oder Trikes. Man werde abwarten.

Dass plötzlich viel mehr Ultraleichtflugzeuge in der Luft sein werden, glaubt auch Aero-Club-Generalsekretär Burkhardt nicht: «Einen Boom wird es mit Sicherheit nicht geben. Die Ausbildung ist anspruchsvoll, und die Beschaffung solcher Fluggeräte setzt entsprechendes Kapital voraus.» Pro Natura dagegen fürchtet, die an sich willkommenen leichteren und leiseren Flugzeuge würden nicht bisherige ersetzen – sondern den Himmel zusätzlich bevölkern.

Zürich und Genf sind tabu

Trikes und Gyrokopter werden auf den Flugplätzen eine neue Benutzerkategorie sein. Die Flugsicherung werde sie auf den kontrollierten Flugplätzen genauso behandeln wie andere Sichtflüge, sagt Vladi Barrosa, Pressesprecher von Skyguide. Ob sich Probleme ergeben, wenn sich etwa ein langsames Trike in den Verkehrsfluss auf einem grösseren Flugplatz einordnen muss (nur Zürich und Genf sind tabu), werde man sehen. Erfahrungswerte hat Skyguide nicht. Von- seiten der Piloten sieht Yves Burkhardt vom Aero-Club keine Schwierigkeiten. Der Ausbildungsstand sei sehr gut. Und kleine Flugplätze seien ohnehin für den Verkehr mit Sportflugzeugen aller Art eingerichtet.

Erstellt: 12.10.2014, 20:34 Uhr

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