Neue Hightech-Waffe ist um Jahre verspätet – Kosten explodieren

Der Bund hat für 400 Millionen Franken einen Minenwerfer gekauft, der bis heute nicht funktioniert. Das Projekt verzögert sich um Jahre.

So kündigte die Ruag 2015 ihren neuen Minenwerfer an: Der Werbespot zur Ruag Cobra aus dem Jahr 2015. Video: Ruag

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Die Show steigt an einem Montag. Es ist der 23. Februar 2015, der zweite Tag der Idex in Abu Dhabi, der grössten Rüstungsmesse im Nahen Osten. Beim Pavillon des Schweizer Staatskonzerns Ruag verdeckt ein Rundumvorhang die Sicht auf eine Weltneuheit. Ruag-Manager Markus Zoller betritt die Bühne, auf Kommando fällt der Vorhang, und zum Vorschein kommt eine futuristische 2-Meter-Waffe, die aussieht, als hätte man einem Roboter aus den «Transformer»-Filmen eine Hand abgeschraubt. Es ist ein Minenwerfer, der 12-cm-Granaten auf einer bogenförmigen Flugbahn bis zu neun Kilometer weit feuern kann. Sogar der Name hat Hollywood-Format: «Cobra».

Die neue Waffe soll nicht nur ein Exportschlager werden. Unter dem offiziellen Namen «Mörser 16» ist die Cobra Teil eines eidgenössischen Rüstungsgeschäfts. 32 Stück will die Armee im Rüstungsprogramm 2016 beschaffen, montiert auf den Piranha-Radpanzer des Thurgauer Herstellers GDELS/Mowag. Der Fahrzeugbauer soll als Generalunternehmer amten, die Ruag die Cobra zuliefern. Kostenpunkt des Pakets mit allem Zubehör: 404 Millionen Franken, über ein Viertel des Rüstungsprogramms.

Zehn Monate nach Präsentation an der Idex unterzeichnen Ruag und Mowag einen Vertrag zur Lieferung eines Cobra-Prototyps. Zu diesem Zeitpunkt ist die neue Waffe noch bei keiner Streitkraft im Einsatz. Kein Problem, die Cobra sei «state of the art!», sagt Markus Zoller in Abu Dhabi. Die Waffe sei «ausgereift», heisst es im Ruag-Geschäftsbericht 2015. Als das Parlament 2016 den 404-Millionen-Kredit bewilligt, sind vor allem bürgerliche Sicherheitspolitiker überzeugt, dass die Armee den neuen Minenwerfer «dringend» benötigt.

Ausriss aus einem Vertrag zwischen dem Panzerhersteller GDELS/Mowag und der Ruag. Foto: PD

Dokumente und Aussagen von Insidern zeigen nun aber, dass die Beschaffung des Mörser 16 über vier Jahre nach der Show in Abu Dhabi noch immer im Prototypstatus feststeckt. Die Cobra ist derart verspätet, dass die Ruag bereits 2017 eine Strafzahlung leisten und mindestens 10 Millionen an Zusatzkosten verbuchen musste. Ein externer Auditor durchleuchtete das Projekt und schlug Alarm, man müsse weitere Millionenrückstellungen bilden. Und: Die Ingenieure kämpfen bis heute mit technischen Mängeln der Waffe.

Ruag und Mowag bestreiten die Verzögerungen und Probleme nicht, sprechen aber von «Kinderkrankheiten».

Vom Gripen-Flop profitiert

Der neue Minenwerfer war von Beginn weg umstritten, auch in VBS-Kreisen. Seine Geschichte ist an das Volks-Nein zum Kampfjet Gripen gekoppelt: Unmittelbar nach der Abstimmung im Mai 2014 weist der damalige Verteidigungsminister Ueli Maurer (SVP) seinen Stab an, andere Beschaffungen voranzutreiben. Sechs Wochen später fordern die Armeekader, den Kauf des neuen Minenwerfers schon 2016 statt erst 2017 zu realisieren. Fortan steht das Geschäft unter grossem Druck. Binnen weniger Monate prüfen die Experten des Bundesamts für Rüstung Armasuisse 14 Minenwerfer. Sie reduzieren die Auswahl auf zwei Modelle: erstens das finnische Modell Nemo, zweitens die Schweizer Kombo Mowag/Ruag. Obwohl sich die Führung des Heers zunächst «eindeutig» für die teurere finnische Lösung ausspricht, setzt sich am Ende die Cobra durch.

Ein gutes Jahr später, im Oktober 2017, ist aber klar, dass die Beschaffung nicht läuft wie gewünscht. Die Ruag hätte zu diesem Zeitpunkt längst einen Prototyp an die Mowag liefern müssen – aber die Cobra schiesst nicht, wie sie sollte. Nun setzen Vertreter der beiden Firmen eine Vereinbarung mit neuen Terminen auf, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Wegen des Verzugs muss der Staatskonzern eine Konventionalstrafe von 726'000 Franken an die Mowag zahlen. Mehr noch: «Aufgrund des bisherigen Projektverlaufs (...) sind der ENDKUNDE [Armasuisse] und der AUFTRAGGEBER [Mowag] momentan nicht bereit, einen Serienvertrag zu unterzeichnen.»

Mit anderen Worten: Armasuisse und Mowag haben im Herbst 2017 Zweifel, ob die Cobra wirklich ausgereift ist.

Der Serienvertrag für die 32 Minenwerfer ist bis heute nicht unterschrieben. Die Botschaft zum Rüstungsprogramm 16 hält fest, die fertigen Mörser 16 würden von 2018 bis 2022 ausgeliefert. Tatsächlich hat Armasuisse den Prototyp erst am 6. März 2019 erhalten. Gemäss einer Sprecherin ist dessen Ablieferung 34 Monate verspätet.

Der 12-cm-Mörser 16 der Ruag, wie er im Februar 2015 vorgestellt wurde. Foto: Ruag

Anfang April sagte ein Armeevertreter an einer Konferenz in London laut dem Fachportal «Jane’s», man könne «in sechs bis zwölf Monaten» mit einer Unterschrift des Serienvertrags rechnen. Die aktuelle Option gilt aber nur bis Ende 2019, so Armasuisse. Danach müsse man eventuell neu verhandeln.

Laut jüngsten Tests funktioniert die Cobra bis heute nicht richtig. Es gebe Mängel bei der Lademaschine, der Abzugsvorrichtung und bei Datenschnittstellen, bestätigt die Ruag auf Anfrage. Der Konzern betont in seiner Stellungnahme, die Ruag müsse selbst Produkte entwickeln, um Spezialfähigkeiten zu erhalten, die zum Erfüllen des Kernauftrags – Ausrüstung der Schweizer Armee – unabdingbar seien. Konfrontiert mit den Cobra-Problemen, schreibt das Unternehmen: «Jedes System, das neu beschafft wird, durchläuft technische Erprobungen.» Dabei könnten allfällige Mängel festgestellt werden, bevor die Systeme in die Truppenversuche gehen. «Sie dienen also explizit dazu, das System auf Mängel zu testen, damit diese – werden sie denn festgestellt – behoben werden können.»

Inzwischen hat sich auch gezeigt, dass die Cobra kein Exportschlager ist. Ausserhalb der Schweiz gibt es heute genau einen Abnehmer: Oman.

Recherchen zeigen aber, dass von routinemässigen Mängeln nicht die Rede sein kann. Allein 2017 musste die Defence-Sparte der Ruag auf dem Projekt Cobra rund 10 Millionen Franken an Zusatzkosten verbuchen, wie sich aus einem internen Dokument ergibt. Das ganze Cobra-Vertragswerk zwischen Ruag und Mowag ist rund 50 Millionen schwer – die Mehrkosten belaufen sich also mindestens auf ein Fünftel davon. Die Division Defence rutschte 2017 in die roten Zahlen, die Cobra war ein Grund dafür.

Die Ruag-Spitze rund um CEO Urs Breitmeier schätzte die Situation als derart problematisch ein, dass man externe Berater der Firma Helbling beauftragte, Projekt Cobra zu durchleuchten. Helbling empfahl zusätzliche Rückstellungen. Die Ruag bestätigt auf Anfrage, dass die Entwicklungskosten «höher anfielen als ursprünglich angenommen». Zu detaillierten Zahlen – oder zu den Ergebnissen des Helbling-Audits – will das Unternehmen nichts sagen.

Auch Armasuisse äussert sich nur zurückhaltend zum Mörser 16. Eine Sprecherin betont, dass aufseiten von Armasuisse keine Mehrkosten entstanden seien. Man habe von Beginn weg eine «erweiterte technische und taktische Prüfung» der Waffe eingeplant, weil Teile davon beim Kaufentscheid noch nicht auf dem Markt gewesen seien.

Inzwischen hat sich auch gezeigt, dass die Cobra kein Exportschlager ist. Bei der laufenden Aufspaltung der Ruag wird das Projekt in den neuen Schweizer Teil des Unternehmens verschoben, der sich vor allem um Reparatur und Unterhalt von Schweizer Armeematerial kümmern soll – was die Exportaussichten nicht verbessert. Ausserhalb der Schweiz gibt es heute genau einen Abnehmer: Oman.

Schauen, nicht schiessen

Die Show steigt an einem Samstag. Es ist der 22. September 2018, die Mitglieder der Schweizer Offiziersgesellschaft der Artillerie werden per Reisecar von Weinfelden TG nach Bürglen TG auf das Testgelände der Mowag gefahren. Sie gehören zu den ersten Armeeangehörigen, die den Prototyp des Mörsers 16 offiziell begutachten dürfen. Ein Foto des Anlasses zeigt, wie die Offiziere neugierig ins Innere des Radpanzers steigen oder den Kopf zwischen die mächtigen Reifen stecken, um den Unterbau zu inspizieren.

Die Cobra laden und abfeuern durften die Artilleristen hingegen nicht. Die Truppenversuche für den so futuristisch designten Minenwerfer haben bis heute nicht begonnen.

Erstellt: 23.04.2019, 21:47 Uhr

Warum die Ruag so viel zu reden gibt

Der 2-Milliarden-Konzern macht einerseits Schlagzeilen, weil der Bundesrat einen grossen Teil privatisieren und an die Börse bringen will und ihn dafür in zwei Teile aufspaltet. Andererseits, weil das Unternehmen jüngst mehrfach im Fokus der Öffentlichkeit stand. Letztes Jahr wurde bekannt, dass ein Manager der Sparte Munition nebenbei heimlich in Russland geschäftete, was zu einer Ermittlung der Bundesanwaltschaft führte. Und im März 2019 kam heraus, dass die Ruag ihre Cyber-Abteilung still und leise eingestampft hatte – nach jahrelanger Beteuerung, Cyber sei die Zukunft. (ms)

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