Samstagsgespräch

«Nicht Realitäten, Mythen stehen sich gegenüber»

Schriftsteller Charles Lewinsky sagt, die Schweiz wie auch die EU verklärten sich selber. Das verschärfe ihr Zerwürfnis fatal.

«In der Politik setzt sich leider das einfache Argument gegen das richtige durch»: Charles Lewinsky in Zürich. Foto: Sophie Stieger

«In der Politik setzt sich leider das einfache Argument gegen das richtige durch»: Charles Lewinsky in Zürich. Foto: Sophie Stieger

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Was dachten Sie, als die Initiative gegen die Masseneinwanderung angenommen wurde?
Mir fiel ein Satz des deutschen Dichters Heinrich Heine ein: «Die Schweizer haben Gefühle, so erhaben wie ihre Berge, aber ihre Ansichten der Gesellschaft sind so eng wie ihre Täler.» Mein Pessimismus wurde wieder einmal bestätigt. Der Pessimist bekommt meistens recht, er wird nur nicht glücklich damit.

Wie kam es aus Ihrer Sicht zum Ja?
Es gibt in der Schweiz keine allgemein anerkannten Autoritäten mehr. Die Wirtschaft ist spätestens seit dem Swissair-Grounding-Debakel unglaubwürdig, die Banker sind es sowieso, und an die Politiker glaubt auch keiner mehr. Das Ja war auch ein Votum gegen oben. Die Leute sagten: «Jetzt reden mal wir! Wir hocken in der S-Bahn eng, während ihr in der Limousine mit Chauffeur herumreist.»

Ist der Autoritätsverlust umkehrbar?
Durchaus möglich. Die Geschichte schlägt ja auch mal nach links, mal nach rechts aus. Als ich ein kleiner Bub war, ging es nach rechts, später dann nach links und heutzutage wieder nach rechts. Ich denke auch, dass in einem Staat die Krise der Normalfall ist.

Sogar in der stabilen Schweiz?
Wir hatten ein paar Jahrzehnte Glück. Vor 1950 gab es die Bedrohung durch Nazideutschland, zuvor die Weltwirtschaftskrise und nochmals etwas früher den Generalstreik. Heute haben wir vergessen, wie man mit Krisen umgeht. Vielleicht meinen wir darum, wir seien ein derart souveränes Land, dass wir die Zukunft einfach beschliessen können.

Was sagen Sie dazu, wie die EU nun zurückschlägt?
Der Konflikt ist schwer lösbar, weil sich Mythen gegenüberstehen. Auf der einen Seite ist der Mythos der Geranienschweiz. Wir Schweizer finden, wir machten alles richtig, es herrsche bei uns Ordnung, darum gehe es uns gut.

Und auf der anderen Seite?
Die EU-Politiker repetieren wie ein Mantra den Satz: «Die Personenfreizügigkeit ist unsere grösste Errungenschaft.» Die Personenfreizügigkeit wurde aber nicht von den Bürgern errungen, sondern von oben verordnet. Die EU-Politiker interessieren sich nicht gross dafür, was die Bürger meinen. Als ihre Verfassung in zwei Ländern glorios durchfiel, sagten sie: «Okay, erklären wir doch die Verfassung zum Vertrag, dann muss man nicht abstimmen.» Diese Haltung erinnert an die Gedichtzeile von Brecht: «Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?»

Was sagt der Spracharbeiter zum Wort Masseneinwanderung?
Der Begriff ist bewusst emotional gebaut, «Masse» klingt bedrohlich. Redet die andere Seite von «Rechtspopulismus», ist das freilich auch nicht besser.

Und der «Dichtestress»?
Wenn die SVP den anderen eine Diskussion über den neu erfundenen «Dichtestress» aufzwingen kann, hat sie schon viel erreicht. Unsere Politik ist von Werbeagenturen übernommen worden.

Sie verbringen viel Zeit in einem französischen Dorf. Wie ist das Politleben dort?
Es rutscht immer mehr nach rechts. Ich merke im Gespräch, dass viele Marine Le Pen wählen. Das ist kein Tabu mehr, während man sich früher genierte.

Haben Ihre Nachbarn unser Verdikt zur Einwanderung mitbekommen?
Sie scherzen bisweilen: «Hey, wir müssen schauen, ob wir dich noch nach Frankreich hereinlassen können.» Aber wahnsinnig wichtig ist das den Leuten nicht. «Personenfreizügigkeit» ist für sie ein abstrakter Begriff. Keiner will auswandern oder ist eingewandert.

In der Politik wimmelt es von Kunstwörtern.
Wenn ich sage, ich sei Zürcher, ist das wahr. Wenn ich sage, ich sei Schweizer, ist das wahr, aber ein wenig theoretisch. Und wenn ich sage, ich sei Europäer, ist das eine Lüge. Das sagen höchstens die Politiker. Der Mensch ist nicht dazu konstruiert, in einer grossen Einheit zu denken, in der die Leute nicht viel gemeinsam haben. Was teilt einer in Helsinki mit einem in Palermo? Wenn beide sagen, sie seien Europäer, ist das nur eine Floskel. Es gibt noch so ein grauenhaftes Wort deutscher Politiker. Sie nennen ihre Wähler «die Menschen». Sind sie selber Übermenschen?

Wie fühlt sich die EU-Realität in Ihrem französischen Dorf an?
Vor einiger Zeit bauten die Bauern auf ihren Feldern nur noch Mais an. Ich fragte einen: «Warum pflanzt ihr alle Mais?» Er sagte: «Weil es in Europa zu viel davon gibt.» Er erklärte mir das so: «Im Herbst gibt es eine Stilllegeprämie für Maisfelder von der EU dafür, dass wir mit dem Maispflanzen aufhören. Den Mais schmeissen wir weg.»

Spricht alles für die Schweiz, oder?
Aus Demokratiegründen kann sich die Schweiz der EU nicht anschliessen. Aber wenn sich die EU zur Demokratie hin entwickelt, darf sie sich vielleicht irgendwann uns anschliessen. Das ist natürlich Ironie. Der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit hat recht, wenn er sagt, dass der Schwanz nicht mit dem Hund wedeln wird.

Haben wir uns mit unserem Ja also selber geschadet?
Alt-Bundesrätin Micheline Calmy-Rey hat den Dreiklang der Schweizer Aussenpolitik perfekt beschrieben. Wenn das Ausland etwas fordert, sagen wir zuerst: «Kommt nicht infrage.» Wenn der Druck zunimmt, sagen wir: «Okay, wir machen es.» Und später sagen wir: «Wir haben gesagt, wir machen es, aber jetzt wollen wir doch nicht.» Wir haben bei der Personenfreizügigkeit mit der EU einen Vertrag abgeschlossen, an den wir uns nun nicht mehr halten wollen.

Wieso stimmten die Leute so?
Das Tessin zum Beispiel hat grosse Probleme mit den Grenzgängern aus Italien. Die Landesregierung unternahm nichts, um die Sache zu regeln. Dann gab es im Tessin halt 68 Prozent Ja zur Initiative. Schweizweit betrug der Unterschied zwischen Ja und Nein knapp 20'000 Stimmen. Hätte man im Vorfeld etwas für das Tessin getan, hätte das den Unterschied machen können. Wir negierten reale Probleme wie dieses, statt sie anzugehen. Es hiess, die Personenfreizügigkeit tue der Schweizer Wirtschaft gut. Das interessierte den Büezer aber nicht, der immer weniger Geld im Sack hat.

Was kommt jetzt für eine Zeit?
Eine schwierige. Es gibt zwei Szenarien. Das eine: Die EU rafft sich auf und wird demokratischer; dann haben wir einen grossen Fehler gemacht, es uns mit ihr zu verderben. Das andere Szenario ist weniger wahrscheinlich, aber denkbar: Die EU scheitert an ihren Problemen. Dann wird es heissen: «Der Blocher hat uns vor dem Schlamassel bewahrt.»

Und die nächsten Monate?
Die EU wird eine ungeheure Sturheit an den Tag legen, weil es um ihren inneren Mythos geht.

Bei Mythen ist man sturer als bei der Realität?
Nehmen Sie die Deutschschweiz. Unleugbar gibt es eine Abneigung gegen Deutsche. Wenn einer in Zürich beim Bäcker sagt, «Ich kriege eine Semmel», schauen alle finster. Das beruht auf dem Landi-Mythos «Wir allein gegen die bösen Deutschen», der in den Dreissigerjahren bewusst geschaffen wurde.

Reizt es Sie nicht, eine Sitcom über Deutsche in Zürich zu schreiben?
In der Schweiz werden keine Sitcoms mehr gemacht; die Form wurde zu teuer. Theoretisch wäre es möglich. In Deutschland gab es die sehr gute Sitcom «Türkisch für Anfänger», in der sich zwei Kulturen in einer Familie mischen.

Was halten Sie von Fremdschämern, die sich im Ausland für das Ja zur Initiative entschuldigt haben?
Es gibt nichts, wofür wir uns entschuldigen müssten. Wir leben in einem System, in dem die Mehrheit entscheidet. Der Souverän entscheidet, muss aber auch die Konsequenzen seiner Entscheidungen tragen.

Sie sagten einmal, die Schweiz sei ein auf positive Art langweiliges System. Gilt das noch?
Das System hat sich verändert. Die Volksinitiativen sind von politischen Instrumenten zu Propagandainstrumenten geworden. Wenn die Werbeagentur eine gute Idee hat, lanciert die Partei die Initiative. Nicht primär, um ein Anliegen durchzusetzen, sondern um Aufmerksamkeit und Anhänger zu gewinnen. Die Instabilität nimmt zu. Und die Politiker büssen an Vertrauen ein. Es ist kein Zufall, dass Christoph Blocher als Hauptvertreter der «Classe politique» stets betont, nicht zur «Classe politique» zu gehören. Kürzlich sagte er über Roger Köppel, dieser habe als Chefredaktor der «Weltwoche» mehr Einfluss, als wenn er Nationalrat würde. Meinungen sind wichtiger geworden, althergebrachte Autoritäten sind abgestiegen.

Köppel tourt jetzt als Redner.
Er wird zum Missionar und tingelt mit Erweckungsveranstaltungen. Es ist eine Stelle frei geworden im politischen Gefüge zur Rechten. Wenn man den Namen Mörgeli sagt, lachen die Leute. Die Rolle des verbal beweglichen Meinungsführers ist vakant.

Wieso hat die Linke keine Figuren, die auf einfache Art überzeugen?
In der Politik gilt leider die Regel, dass das einfache Argument sich gegen das richtige durchsetzt. CSU-Chef Franz Josef Strauss sprach von der «Lufthoheit über die Stammtische».

Und die Linke versagt an den Stammtischen?
Sie hat im Moment niemanden, der die richtigen Argumente einfach und klar zu präsentieren weiss. Aber solche charismatischen Figuren waren schon immer Ausnahmeerscheinungen.

Erstellt: 08.03.2014, 14:46 Uhr

Charles Lewinsky

Der 67-jährige Charles Lewinsky verfasste viele Scripts und Drehbücher fürs Fernsehen, so die Schweizer Sitcom «Fascht e Familie». Zudem schrieb er gut 600 Schlagertexte («Das chunnt eus spanisch vor»). Später verwirrte der Zürcher alle Schubladisierer, indem er ins ernsthafte Romangenre wechselte: Sein Buch «Melnitz», eine Art jüdischer «Schweizerspiegel», wurde ein internationaler Grosserfolg mit gut 600'000 verkauften Exemplaren; diesen Sommer erscheint der neue Roman «Kastelau». Lewinsky, verheiratet, Vater zweier erwachsener Kinder, SP-Mitglied, lebt in Zürich und in Vereux, einem Dorf in der Franche-Comté, Frankreich. (TA)

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