Analyse

Nicht alle Deutschen kommen, um zu bleiben

Immer mehr Deutsche würden die Schweiz verlassen, weil sie hier einsam seien, war diese Woche zu lesen. Diese These ist nicht belegt. Was sich wirklich sagen lässt.

Erlauben eine Aussage über die Zu- und Abnahme der Migration von Deutschen in die Schweiz und zurück in ihr Heimatland: Zahl der Ein- und Auswanderer gemessen an der Zahl der deutschen Staatsangehörigen unter der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz.


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Ein Artikel des «Landboten» hat am Dienstag für Aufsehen gesorgt. Im Bericht kommt eine deutsche Ingenieurin zu Wort, welche aus Einsamkeit in der Schweiz gar körperliche Beschwerden bekommen haben soll. Unterlegt wurde die persönliche Schilderung mit der Aussage von Matthias Estermann, dem Präsidenten eines Vereins für Deutsche in der Schweiz, rund ein Drittel der Einwanderer gebe in den ersten achtzehn Monaten auf, und zudem mit Zahlen des Bundesamts für Migration, die besagen, dass mit knapp 16'600 Personen so viele Deutsche wie noch nie aus der Schweiz ausgewandert sind. Andere Medien, darunter auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet, griffen das Thema dankbar auf, was schliesslich in der Aussage mündete, immer mehr Deutsche würden die Schweiz verlassen, weil sie hier einsam sind.

Sind wir also ein schlechtes Gastland? Haben die Deutschen nun die Schnauze voll? Nun, die Zahlen sprechen ganz klar dagegen. Dass immer mehr Deutsche aus der Schweiz auswandern, hat einen einfachen Grund: Weil immer mehr Deutsche in der Schweiz leben, steigt die Zahl der Auswanderer auch bei gleichbleibender Auswanderungsrate an. Ein Blick auf die Zahlen der letzten zehn Jahre zeigt, dass stets rund fünf Prozent der in der Schweiz wohnhaften Deutschen auswandern (siehe Auswanderungsrate in der Grafik oben und absolute Zahlen in der Grafik unten). Nur wohnten eben 2002 gerade mal 126'000 Deutsche in der Schweiz, 2011 waren es mit 275'000 mehr als doppelt so viele. Entsprechend nahm die Zahl der Auswanderer zu: 2002 waren es knapp 6700 Personen, 2011 dann gut 15'000 Personen.

Rückkehr manchmal geplant

Interessant ist vielleicht auch dies: Nicht alle Deutschen kommen, um zu bleiben. Gezeigt hat dies die wahrscheinlich umfassendste Untersuchung zu den Auswanderungs- und Rückwanderungsmotiven von Deutschen. Die Studie der Forschungsfirma Prognos aus dem Jahr 2007 hatte gut 1400 Personen befragt, die in verschiedenste Länder, darunter die Schweiz auswanderten. Dies teilten die Forscher in Typen ein:

  • Unzufriedene Fachkräfte, die auf der Suche nach mehr Lebensqualität sind. Von ihnen kann sich gut ein Drittel eine Rückkehr in absehbarer Zeit zumindest vorstellen.
  • Unzufriedene Akademiker, die auf der Suche nach besseren Berufsperspektiven sind. Von ihnen hält mehr als die Hälfte eine Rückkehr für möglich oder wahrscheinlich.
  • Junge Akademiker, die Herausforderungen suchen. 59 Prozent haben eine Rückkehr geplant oder halten sie für möglich.
  • Beruflich Etablierte, die bessere Berufsperspektiven suchen. Von ihnen können sich zwei Drittel eine Rückkehr auf absehbare Zeit vorstellen.
  • Familienorientierte Fachkräfte, welche ihre Beziehungen zu Freunden und Familie verbessern möchten. Von ihnen hält knapp weniger als die Hälfte eine Rückkehr für möglich oder wahrscheinlich.

Fazit: Unter dem Strich rechnet gut die Hälfte aller Befragten (53 Prozent) entweder damit, in absehbarer Zeit zurückzukehren, oder kann es sich zumindest vorstellen. Weil für die Studie auch bereits zurückgekehrte Auswanderer befragt wurden, lässt sich auch eine Aussage über deren Motive machen: Am häufigsten genannt wurde hier die Situation von Familien und Freunden, gefolgt vom persönlichen Wohlbefinden. Bereits an dritter Stelle, von knapp 30 Prozent genannt, folgt aber Beruf und Einkommen.

Wirtschaftslage für Einwanderung entscheidend

Anders als die Auswanderungsrate ist die Einwanderungsrate hingegen grossen Schwankungen ausgesetzt (siehe Grafik). 2007 und 2008 wanderten 40'000 und 46'000 Deutsche in die Schweiz ein. Die Zahl der Deutschen Einwanderer betrug in diesen beiden Jahren je etwa 20 Prozent der in der Schweiz wohnhaften Deutschen. Überraschend ist dies nicht: Die Beschäftigungssituation in Deutschland war 2007/2008 auf dem Tiefpunkt, danach ging es wieder aufwärts. Auch Iris Pfeiffer von der Firma Prognos, welche die genannte Studie damals leitete, ist von der Abnahme der Einwanderung von Deutschen in die Schweiz nicht überrascht: «Insbesondere für Akademiker hat sich die Situation in Deutschland in den letzten Jahren doch deutlich gebessert», sagt sie.

Dies alles spricht nun aber nicht dagegen, dass es tatsächlich schwierig für Deutsche ist, ein Beziehungsnetz in der Schweiz aufzubauen. Matthias Estermann, der Präsident des Vereins für Deutsche in der Schweiz, sagt auf Nachfrage, er kenne niemanden, der dies wirklich versucht habe und trotzdem gescheitert sei. Er empfehle jeweils, sich im Ort in Vereinen oder anderweitig zu engagieren und den Aufbau eines Beziehungsnetzes gezielt anzupacken: «Hätte ich dies selber nicht gemacht, hätte ich heute keine Freunde.»

Am Ende verhält es sich vielleicht so: In Beziehungen muss man investieren. Und die Bereitschaft dazu mag grösser sein, wenn man weiss, dass man selber beziehungsweise das Gegenüber noch für längere Zeit da bleibt.

Erstellt: 04.04.2013, 12:26 Uhr

Zahlen für 2012

Fürs letzte Jahr liegen die definitiven Bevölkerungs- und Migrationsdaten des Bundesamts für Statistik noch nicht vor, weshalb die Ein- und Auswanderungsraten für 2012 in der obenstehenden Grafik auch nicht dargestellt sind.

Zahlen des Bundesamts für Migration (welche jeweils geringfügig abweichen), beziffern die Einwanderer aus Deutschland als gut 27'000 und die Auswanderer als knapp 16'600. Auch mit diesen Zahlen beträgt die Auswanderungsrate der Deutschen rund 5 Prozent. (mw)

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