Nicht alle Geschädigten werden Geld erhalten

300 Millionen Franken will der Bundesrat an ehemalige Verding- und Heimkinder zahlen. Doch wer genau soll davon profitieren?

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300 Millionen Franken will der Bundesrat an ehemalige Verding- und Heimkinder zahlen. Doch wer genau soll davon profitieren?

Viele waren überwältigt, als der Bundesrat im Januar 2015 seine Absicht bekannt gab, die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen mit 250 bis 300 Millionen Franken zu entschädigen. Dass nach der offiziellen Anerkennung des Leids nun auch grössere Geldbeträge fliessen sollen – das hatten viele zwar erhofft, aber nur wenige für möglich gehalten. Guido Fluri, Kämpfer für die Wiedergutmachung, ist aber realistisch. «Damit der Bundesratsvorschlag im Parlament eine Mehrheit findet, muss der Kreis der Anspruchsberechtigten begrenzt werden.» In anderen Worten: Eine Lösung ohne Enttäuschte wird es nicht geben.

Viele Parlamentarier hätten Angst vor Ausschüttungen nach dem Giesskannenprinzip, erklärt Fluri. Die Unterscheidung zwischen berechtigten und unberechtigten Ansprüchen sei aber nicht einfach: «Gewisse Traumatisierungen sind in den meisten Fällen vorhanden.» Häufig habe die in der Kindheit entstandene Angst vor Nähe etwa zu lebenslangen Beziehungsproblemen geführt.

Eine Ohrfeige reicht nicht

«Nicht alle Kinder, die in einem Heim oder bei Pflegeeltern platziert wurden, sind zwingend auch Opfer», sagt Luzius Mader, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Justiz und vom Bundesrat zum Delegierten für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen bestimmt. In manchen Fällen sei die Einweisung in ein Heim für die betroffenen Kinder «sogar überlebenswichtig» gewesen. Von finanziellen Leistungen sollen laut Mader vor allem Personen profitieren, die physische oder psychische Gewalt erlebt haben oder die sexuell missbraucht, wirtschaftlich ausgebeutet, zwangssterilisiert oder zwangsadoptiert worden sind. «Wer im Heim gelegentlich und ohne übermässige Härte geohrfeigt wurde, ist meines Erachtens kein Opfer. Sonst wären wohl die meisten damaligen Kinder Opfer – auch solche, die zu Hause bei den Eltern lebten.» Anders liege der Fall, wenn jemand vom Heimpersonal oder von andern Heiminsassen «regelmässig, systematisch und hart ­geschlagen» worden sei.

Bei sexueller Gewalt muss der Täter nach Maders Vorstellung nicht zwingend zum Personal gehört haben, damit ein Anspruch auf finanzielle Leistungen besteht. «Es sollte genügen, wenn die Heimleitung von den sexuellen Übergriffen unter Heiminsassen wusste und nichts dagegen unternahm. Oder wenn sie – bei guter Führung des Heims – davon hätte wissen müssen.»

«Viele mussten hart arbeiten»

Schwere körperliche Arbeit auf dem Feld, wie sie viele ehemalige Heim- und Verdingkinder beklagen, wird wohl kaum zu Geld berechtigen. «Das war damals für Kinder aus Bauern- oder Gewerbefamilien völlig normal», sagt Mader. Bloss der Umstand, dass ein Kind wegen der Trennung von den Eltern psychisch litt, dürfte ebenfalls nicht für eine Entschädigung ausreichen. Anders sehe es aus, so Mader, wenn eine Behörde die Fremdplatzierung «ausschliesslich oder hauptsächlich» aus finanziellen Gründen anordnete, Geschwister auseinandergerissen und an unterschiedlichen Orten untergebracht wurden und die Fremdplatzierung familiäre Kontakte massiv erschwerte oder verunmöglichte. «Oder wenn das Kind im Heim schlecht behandelt wurde.»

Bei Verdingkindern sind ebenso Differenzierungen zu erwarten. «Es gab auch Kinder mit Familienanschluss und ohne Benachteiligung. Einige erbten später sogar den Hof.» Zudem hätten in vielen Fällen nicht die Behörden, sondern die Eltern die Kinder verdingt. Nach Mader sollten Verdingkinder dann als «Opfer» behandelt werden, wenn sie regelmässig geschlagen oder sexuell missbraucht oder systematisch benachteiligt wurden – also zum Beispiel nicht am gleichen Tisch wie die Bauernfamilie essen und im gleichen Haus schlafen durften. Oder man ihnen anders als den Kindern der Familie verbot, die Sekundarschule zu besuchen, obwohl sie gute Schüler waren.

Der Bund rechnet mit 12'000 bis 15'000 potenziell Anspruchsberechtigten, die Opferorganisationen mit 15'000 bis 25'000. Die Differenz ist laut Mader darauf zurückzuführen, dass in den höheren Schätzungen die gleichen Personen zum Teil doppelt oder sogar dreifach auftauchen – etwa wenn jemand zuerst in ein Heim gesteckt, später verdingt und schliesslich administrativ ­verwahrt wurde.

Mit der Prüfung von Gesuchen habe man dank dem früher eingerichteten Fonds für Soforthilfe schon gewisse Erfahrungen gesammelt, sagt Mader. Aus historischen Forschungen oder aufgrund früherer öffentlicher Diskussionen sei bekannt, welche Heime in einer bestimmten Region «einen besseren und welche einen schlechteren Ruf hatten».

Jeder einzelne Fall wird geprüft

Um Geld aus dem geplanten Wiedergutmachungs-Topf zu erhalten, müsste die Forderung laut Mader mit einer «gewissen Plausibilität» begründet werden können. «Eigentliche Beweise sollten zwar nicht verlangt werden, aber es braucht eine Einzelfallprüfung.» Im Zweifelsfall, so der Beamte, sollte zugunsten des Antragsstellers entschieden werden.

Nach Guido Fluris Prognose werden zahlreiche Opfer gar kein Geld verlangen – weil sie dem Staat bis heute misstrauen. «Viele wollen nicht über das vergangene Leid reden. Sie befürchten, dass die ganze Debatte nur alte Wunden aufreisst.» Wegen seines Engagements für die Wiedergutmachung hat Fluri von Betroffenen sogar schon Morddrohungen erhalten. Patrick Feuz (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2015, 18:28 Uhr

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Guido Fluri


Ehemaliges Heimkind

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