Nicht die Welt ist aus den Fugen

Push-Meldungen auf dem Mobilgerät katapultieren uns heute fast in Echtzeit ins Weltgeschehen.

Blumen für die Opfer von Nizza: Wir sind rund um die Uhr nahe am Geschehen dran – zu nah? Foto: Keystone

Blumen für die Opfer von Nizza: Wir sind rund um die Uhr nahe am Geschehen dran – zu nah? Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nichts ist mehr, wie es einmal war. Zwischen Terror-Amok an der Côte d’Azur und Putschversuch am Bosporus überschlagen sich die Ereignisse und zeugen von einer Welt, die aus den Fugen geraten ist und in der es kein Verschnaufen und keine Sicherheit mehr gibt. Kaum jemand, der das Weltgeschehen verfolgt, dürfte in den letzten Tagen nicht von diesem Gefühl beschlichen worden sein. Doch in Tat und Wahrheit ist es nicht die Welt, sondern die Wahrnehmung von ihr, die aus den Fugen geraten ist.

Beinahe aus den Fugen zu geraten drohte die Welt am 19. August 1991. An diesem Tag wurde der sowjetische Staatspräsident Michail Gorbatschow von konservativen kommunistischen Putschisten festgesetzt, und die Zukunft der Welt stand auf dem Spiel. Doch die Nachrichten aus Moskau sickerten nur langsam über die Radiomittagsnachrichten und die Abend-«Tagesschau» ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Mit seinem Erklimmen eines Panzers erzeugte der russische Präsident Boris Jelzin zwar schon damals eine starke Bildkraft.

Die volldigitale Gegenwart

Der entscheidende Sprung von der Zeit der klassischen Massenmedien zur volldigitalen Gegenwart liegt jedoch in der zeitlichen Unmittelbarkeit. Heute katapultieren uns Push-Meldungen auf dem Mobilgerät in Echtzeit ins Weltgeschehen. Früher wäre die Nachricht der türkischen Meuterei erst im Lauf des Folgetags in Westeuropa angekommen und damit die Erkenntnis ihres kläglichen Scheiterns gleich mit. Nun sorgte sie für eine Nacht des Schreckens, in der die Machtübernahme der Militärs, Erdogans Flucht Richtung Deutschland und der bevorstehende Bürgerkrieg von einem gebannten Publikum als Realität erlebt wurden. Millionen Menschen werden heute fast wie im Kino, nur eben in Echtzeit und scheinbar ganz real, Augenzeugen von Schiessereien in den USA, Terrorfahrten in Frankreich und einem Putschversuch in der Türkei.

So wie einst Tom Hanks als Forrest Gump oder «der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg», stolpern wir durch das Weltgeschehen und sind – zumindest virtuell – immer gerade dort, wo die Welt am Brennen ist. Gebrannt hat die Welt aber schon immer. Etwa in den 1990er-Jahren nach dem Ende des Kalten Kriegs. Diese Zeit mag heute vielen im Rückblick als gut gefugt erscheinen. Hätten wir jedoch Ereignisse wie die Jugoslawienkriege, das Tiananmen-Massaker und den Genozid in Ruanda in Echtzeit und unterlegt mit Nahaufnahmen auf unser Smartphone geliefert bekommen, wäre nicht auch diese Epoche als aus den Fugen geraten erschienen?

Wahrnehmung bestimmt die Wirklichkeit

Vor 300 Jahren hatte der britische Erkenntnistheoretiker George Berkeley eine wichtige Erkenntnis: Es ist die Wahrnehmung der Dinge, die ihre Wirklichkeit erst schafft. Für Berkeley ist Wahrnehmen mehr als ein blosses Abbilden der Realität, wie es Aristoteles noch verstanden hatte. Auch wenn sich mit den neuen Medien zunächst nur das Erleben der Welt verändert, verändert sich dadurch auch die Welt. Längst ist bekannt, dass immer umfänglicher bebilderte terroristische Taten und Amokläufe nur noch mehr Nachahmungstäter auf den Plan rufen. Dazu kommt, dass mit der Bilderflut jeder nächste Täter von seinen Vorgängern lernen kann, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.

Am Ende ist die Wirkung der Wahrnehmung jedoch viel breiter. Hat der Zufall Forrest Gump mitten ins Weltgeschehen versetzt, machen dies die neuen Medien mit uns. Doch sie setzen uns kaum je an Sitzungstische, an denen wichtige Weichen gestellt werden. Sie führen uns zu Ereignissen, die zugänglich, darstell- und vor allem emotionalisierbar sind. Sichtbare Staatskrisen, Amok und Terror erhalten in unserer subjektiven Wahrnehmungsarena immer mehr Platz, während nüchterne Sachpolitik an ihrer schlechten Darstellbarkeit verblasst. Gegen die Intensität eines Blockbusters hat das Studiokino wenig Brot. Es ist die aus den Fugen geratene Wahrnehmungswelt, die zum Aufstieg von Autokraten wie Erdogan und Populisten wie Trump beiträgt. Doch seien wir uns klar: Auch wenn sie immer mehr wie ein Blockbuster erscheint, hat unsere Welt wenig mit jenen Welten gemein, die sich von empathiefreien Actionhelden retten lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 19:36 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...