«Niemand mag Hochdeutsch»

Erst schien es, als wolle er das Schweizerdeutsch verbannen. Nun fordert der Grüne Nationalrat Antonio Hodgers, dass es an welschen Schulen gelehrt wird. Was will der Mann eigentlich?

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Herr Hodgers, ist der Röstigraben derzeit besonders gross oder warum heizen Sie die Diskussion um die Landessprachen gerade jetzt an?
Das hat mehrere Gründe. Einerseits zeigen Studien, dass Hochdeutsch von Deutschschweizern mehrheitlich als Fremdsprache gesehen wird. Und dass der Grossteil der Sendungen in Radio und Fernsehen auf Mundart sind. Auch wird in den Schulen auf allen Ebenen immer mehr Dialekt gesprochen. Das sind Fakten und nicht meine persönlichen Erfahrungen.

Was für Erfahrungen haben Sie denn in der Deutschschweiz gemacht? Immerhin leben Sie seit Anfang Jahr in Bern, kennen auch Zürich.
(wechselt auf Hochdeutsch) Als ich letztes Jahr für einen Monat in Zürich war, um Deutsch zu lernen, haben wir zwar in der Schule Hochdeutsch gesprochen. Ausserhalb der Lektionen wurde aber Schweizerdeutsch geredet. Vielleicht auch Französisch oder Englisch. Aber erst zuallerletzt Hochdeutsch. Kein Wunder integrieren sich Ausländer in der Deutschschweiz schlechter als im Welschland.

Sie glauben, daran ist die Tatsache schuld, dass wir in der Deutschschweiz zwei Sprachen sprechen?
(wieder französisch) Ja. Immigranten im Welschland müssen eine Sprache lernen, jene in der Deutschschweiz zwei. Doch diese Realität ist Tabu in der Schweiz. Auch wenn sie lediglich die linguistische Situation der Schweiz wiedergibt. Es ist doch paradox: Wir haben vier Landessprachen, aber die Amtssprache ist keine davon. Stattdessen tut man fast so, als würde die meistgesprochene Sprache, das Schweizerdeutsch, gar nicht existieren.

Wir haben also in der Deutschschweiz eine Sprache zu viel?
Nicht gezwungenermassen. Zwar mag niemand das Hochdeutsch – weder die Welschen, noch die Deutschschweizer. Warum also nicht Hochdeutsch weglassen und auch in der Deutschschweiz Französisch schreiben? Aber Scherz beiseite: Hochdeutsch hat seinen Platz. Was wir uns jedoch überlegen müssen, ist, wo der Platz des Schweizerdeutschen liegt.

Wie meinen Sie das?
Wir müssen uns fragen: Wann gebrauchen wir Schweizerdeutsch und wann nicht? Ich bin für eine formale Anerkennung des Schweizerdeutschen. Ich habe viele Reaktionen erhalten von Romands, die in der Deutschschweiz an ihre Grenzen stossen, weil ausschliesslich Schweizerdeutsch gesprochen wird. Wenn wir in der Schule Deutsch lernen, sagt uns das niemand.

Darum ja Ihre Forderung, Deutschschweizer sollten mit Welschen öfter Hochdeutsch sprechen.
Das habe ich nie gefordert. Das war eine Interpretation der Medien. Vielleicht gab es Verständigungsschwierigkeiten. Aber dass es so aufgefasst wurde, widerspiegelt meiner Ansicht nach die Angst der Deutschschweizer. Ich habe von drei Szenarien gesprochen. Eines davon ist, dass das Schweizerdeutsch als offizielle Sprache eingerichtet wird. So etwas sagt nicht mal die SVP. Mehr pro Mundart geht nicht. Aber nein, das Augenmerk wird auf ein anderes Szenario gelegt, nämlich jenes, dass das Schweizerdeutsch ins Private verlagert wird. Das ist eine seltsam Reaktion, als würde Schweizerdeutsch von einer bedrohten Minderheit gesprochen. Ginge es ums Rätoromanisch, könnte ich das verstehen.

Ihr drittes Szenario besagt, dass Englisch die neue Amtssprache wird.
Das wird passieren, wenn wir keine Politik zur Sprachenproblematik haben. Dann werden die Deutschschweizer immer weniger Französisch können und die Welschen immer weniger Hochdeutsch. In 20 oder 30 Jahren wird die neue Generation von Schweizern stattdessen auf Englisch kommunizieren. Natürlich wünsche ich mir das nicht, es wäre eine kulturelle Verarmung der Schweiz. Aber wenn wir weiter die Problematik verneinen, und so tun, als würde es die Mundart nicht geben, wird es so kommen.

An wem liegt es nun, sich einzusetzen?
An beiden Seiten. Ich bin der Erste, der sagt, die Welschen müssten sich mehr für die Deutschschweiz interessieren. Wenn in der Deutschschweiz das Schweizerdeutsch an Bedeutung gewinnt, müssen wir dem auch im Welschland Rechnung tragen. Auch wenn es in der Romandie tabu ist zu sagen, man müsste Schweizerdeutsch lernen. Andererseits müssen die Deutschschweizer auch akzeptieren, dass es für Welsche schwieriger ist, sich in der deutschsprachigen Schweiz zu integrieren.

Wer spricht denn die jeweils andere Sprache schlechter?
Ich habe immer behauptet, dass die Deutschschweizer besser Französisch sprechen als die Romands Deutsch. Doch als ich in Zürich war, habe ich gemerkt, dass das gar nicht stimmt. Es gibt sicherlich geographische Unterschiede: je weiter östlich, desto schlechter das Französisch. Meine persönliche Erfahrung ist, dass die Berner sehr gut Französisch sprechen. Zu gut. Ich habe Schwierigkeiten, Berner zu finden, die mit mir nicht Französisch sprechen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.04.2010, 09:36 Uhr

«Das ist paradox»: Der grüne Genfer Nationalrat Antonio Hodgers. (Bild: Keystone )

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