«Noch kein grosses Wasserkraftwerk ist bankrottgegangen»

Die Wasserkraft steht unter Druck, zahlreiche Grossprojekte landen in der Schublade. Nun wollen die Bergkantone vom Bund Subventionen. Was von dieser Forderung zu halten ist, sagt ETH-Professor Anton Schleiss.

«Wenn die Nachfrage nach Strom erst einmal ansteigt, dann wird auch der Preis rasch reagieren»: Staumauer des Lago di Livigno.

«Wenn die Nachfrage nach Strom erst einmal ansteigt, dann wird auch der Preis rasch reagieren»: Staumauer des Lago di Livigno. Bild: Keystone

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Herr Schleiss, wie schlimm steht es wirklich um die Wasserkraft?
Die momentane Lage ist verzwickt. Zwei Faktoren sorgen für Unsicherheit: einerseits die Rezession in Europa, deretwegen Industrieproduktion und Stromverbrauch gedrosselt werden; andererseits die hohen Subventionen für den Solar- und Windstrombereich von Staaten wie Deutschland. Beide Faktoren drücken stark auf die Preise. Gerade zu Spitzenzeiten haben die Schweizer Wasserkraftwerke deshalb Mühe, ihren Strom zu vernünftigen Konditionen zu verkaufen.

Wo liegt das Problem, wenn günstiger Strom ja vorhanden ist?
Das grosse Zukunftsproblem ist die Winterenergie. Seit zehn Jahren wird in den Wintermonaten systematisch Strom importiert. Um die Versorgung zu sichern, müsste man heute vor allem in Speicherkapazität investieren – das heisst, grosse Wasserkraftanlagen in den Alpentälern bauen. Doch die Konzerne zögern, den Startschuss für Projekte zu geben: Weil die Aussichten zu ungewiss sind, wartet man mit dem Bauentscheid für Pumpspeicherkraftwerke wie Grimsel III oder Lago Bianco ab.

Ist die Wasserkraft heute ein Verlustgeschäft?
Nein, das nicht. Auch im vergangenen Sommer, als viel Solarenergie auf dem Markt war, haben bestehende Speicherkraftwerke ihren Strom nicht zu Verlustpreisen verkaufen müssen. Der erzielte Gewinn hat sich aber drastisch verringert. Etwas anders sieht die Lage für die kleineren Kraftwerke aus, vor allem wenn man die Baukosten mit einbezieht. Ein neues Laufkraftwerk mit einer Kapazität von gegen 10 Megawatt – beispielsweise an einem Fluss wie der Rhone oder der Aare – liefert Bandenergie zu 10 bis 12 Rappen pro Kilowattstunde. Weil dieser Preis heute höchstens zu Spitzenzeiten erzielt wird, sind solche neuen Laufwasserkraftwerke aus heutiger Sicht tatsächlich nicht interessant. Was eigentlich paradox ist, da keine andere Energieform heute Strom zu 12 Rappen herstellen kann: Ohne Subventionen würde etwa die Windenergie mindestens 30 Rappen und die Sonnenenergie gegen 60 Rappen pro Kilowattstunde kosten.

Der Markt wird durch die Subventionen komplett verfälscht.
Ein wichtiger Einflussfaktor ist die Volatilität der Sonnen- und Windenergie. Eigentlich müsste von den Produzenten verlangt werden, dass sie Speichermöglichkeiten für den Strom zur Verfügung stellen – oder zumindest einen Aufpreis fürs Benutzen der Netze bezahlen, was heute nicht der Fall ist. Eine andere Möglichkeit wäre, dass man von den alternativen Stromproduzenten verlangt, sich an Speicherkraftwerken zu beteiligen. So käme die Wasserkraft zu frischem Investitionskapital.

Die Bergkantone verlangen staatliche Subventionen für Grosskraftwerke.
Dieser Forderung gegenüber wäre ich skeptisch. Langfristig dürfte sich die Wasserkraft ohnehin durchsetzen – denn auch Staaten wie Deutschland werden es sich schlicht nicht leisten können, unwirtschaftliche Energieformen über längere Zeit derart zu subventionieren, wie es heute der Fall ist. Bereits in wenigen Jahren könnte die Ausgangslage eine ganz andere sein.

Inwiefern?
Die Wirtschaftskrise wird nicht ewig andauern. Und wenn die Nachfrage nach Strom erst einmal ansteigt, dann wird auch der Preis rasch reagieren. Nur rund 10 Prozent des Stroms werden über den Spotmarkt gehandelt: Schon auf einen kleinen Angebots- oder Nachfrageüberhang reagiert der Preis dort sehr sensibel. Auch die Abschaltung eines Atomkraftwerks oder ein verregneter Sommer könnten den Preis schnell steigen lassen.

Ist der Ruf nach Subventionen also nichts als Rent Seeking?
Ganz darauf reduzieren lässt sich diese Forderung nicht. Man verlangt wohl einfach gleich lange Spiesse, denn die Schweiz hat ja keinen Einfluss darauf, wie andere Staaten ihre Stromwirtschaft unterstützen.

Welche Rolle wird die Wasserkraft in der künftigen Versorgung spielen?
Grosse Wasserkraftwerke haben eine Vorlaufzeit von zehn Jahren: Die Frage ist einfach die, ob wir es uns aus heutiger Sicht erlauben können, im Jahr 2023 keine zusätzlichen Wasserkraftwerke zu haben. Die Schweiz kann sich nicht nur auf die Energieversorgung aus dem Ausland verlassen. Angesichts dessen wäre es wünschenswert, wenn die Rahmenbedingungen bereits heute stimmen würden, um grössere Wasserkraftprojekte in Angriff zu nehmen.

Verkompliziert der geplante Zusammenschluss im europäischen Stromhandel die Situation zusätzlich?
Ich bin davon überzeugt, dass der Markt langfristig dereguliert wird – was auch den Abbau von Subventionen mit einschliesst. Unter diesen Vorzeichen wird die Wasserkraft auch in Zukunft ihren Platz haben als sichere, regulierbare und vorhersehbare Energiequelle. Die Wasserkraft wird in diesem Markt nicht nur bestehen, sondern sogar noch eine stärkere Rolle einnehmen als heute. Wasserkraft wird auch in Zukunft unschlagbar sein: Keine andere Energieform vermag Speicherenergie zu 10 bis 15 Rappen pro Kilowattstunde zu liefern.

Und trotzdem halten sich die Konzerne mit Investitionen zurück.
Es braucht auch eine gewisse Portion Mut, Investitionen mit einem Zeithorizont über Jahrzehnte zu tätigen. Leider hat das Management von Stromkonzernen zunehmend Mühe, solche Entscheidungen zu fällen: Die Beteiligten lassen Mut vermissen. Als vor fünfzig, sechzig Jahren die grossen Kraftwerke in der Schweiz gebaut wurden, war auch vieles ungewiss. Man wusste nicht mit letzter Sicherheit, ob man den Strom letztendlich gewinnbringend würde verkaufen können.

Als Eigner vieler Stromkonzerne müssten die Kantone solche Risiken tragen.
Nicht nur sie. Als Investor würde ich heute Aktien von Wasserkraftwerken kaufen – wenn sie denn am Markt zu kaufen wären. Wasserkraft bleibt eine der sichersten Anlagen, die es gibt. Möglich, dass die Renditen zu Beginn niedriger ausfallen würden. Aber langfristig machen sich solche Projekte sicher bezahlt. Schon in den Neunzigerjahren sprach man von «nicht amortisierbaren Investitionen» und dachte, dass sich die Wasserkraftwerke mit der Öffnung des Strommarkts nicht mehr abschreiben lassen würden. Doch das Szenario hat sich nicht bewahrheitet. Noch kein grosses Wasserkraftwerk ist in der Schweiz meines Wissens je bankrottgegangen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2013, 13:38 Uhr

Bergkantone wollen Subventionen

70 Millionen Franken soll die Wasserkraft nach Ansicht der Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) vom Bund erhalten. Dies, weil grosse Kraftwerke gegenüber kleinen Wasserkraftwerken zunehmend im Nachteil seien.

Eine entsprechende Forderung stellte gestern Mario Cavigelli, Baudirektor aus Graubünden und Präsident der Gebirgskantone, gegenüber «10 vor 10». Es gebe sinnvolle und zweckmässige Projekte in den Gebirgskantonen, die angesichts der Marktlage aber nicht realisiert würden.

«Strom aus Kleinkraftwerken ist ein Paradebeispiel einer Energieform, die stark und teuer gefördert wird, aber letztlich wenig zusätzliche Stromproduktion einbringt», so Cavigelli, der ein Viertel der 300 Millionen Franken an Fördergeldern für Kleinkraftwerke zugunsten von Grossprojekten umleiten will.

Zur Person

Anton Schleiss ist Direktor des Laboratory of Hydraulic Constructions an der ETH Lausanne und als Experte für Staudämme und Wasserkraftwerke auf der ganzen Welt tätig. Seit 2012 ist er Vizepräsident der International Commission on Large Dams. (Bild: EPFL)

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