Interview

«Notfalls können Gasströme umgeleitet werden»

Im Poker um Gas aus Aserbeidschan hat Axpo das Rennen gemacht. Was ist der Deal wert? Braucht die Schweiz dieses Gas? Dazu Daniel Bächtold von Erdgas Schweiz.

Wenn Gas verschlungene Wege geht: Gas-Zweigstelle im Gas-Transitland Türkei.

Wenn Gas verschlungene Wege geht: Gas-Zweigstelle im Gas-Transitland Türkei. Bild: Reuters

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Bundesrat Johann Schneider-Ammann sagt, die Pipeline TAP sei wichtig für die Versorgungssicherheit der Schweiz. Der Verband der Gasindustrie widersprach. Weshalb?
Weil die Versorgungssicherheit bereits sehr hoch ist, so wie die Schweizer Gaswirtschaft sie organisiert hat. Wir verfügen über 12 Einspeisestellen aus allen Nachbarländern. Die Belieferung ist geografisch breit diversifiziert. Rund zwei Drittel des Gases stammt aus Westeuropa, nur 20 Prozent aus Russland, der Rest beispielsweise aus verflüssigtem Erdgas, das an verschiedenen Orten in Europa wieder eingespeist wurde, oder aus Afrika.

Erhöht nicht jede zusätzliche Leitung die Versorgungssicherheit?
Doch, natürlich erhöht jede Leitung, die Erdgas nach Europa bringt, das Angebot und folglich auch die Versorgungssicherheit. Grundsätzlich kann es auch aus jedem Liefergebiet einen Unterbruch geben. So kann etwa der Produzent Probleme haben, seien sie personeller, politischer oder technischer Natur. In Europa haben wir jedoch ein sehr dichtes Pipelinenetz. Notfalls können Gasströme umgeleitet werden. Die Industrie ist gut organisiert, und im Notfall hilft man sich gegenseitig aus.

Wäre das Konkurrenzprojekt Nabucco zum Zug gekommen, hätte die Schweiz nicht auch über diese Leitung via Österreich Gas beziehen können?
Ja, sicher. Zurzeit steht aber ein Bezug für die Schweiz gar nicht im Vordergrund. Auch Axpo sagt, dass es heute nicht lukrativ sei, in der Schweiz mit Gas Strom zu produzieren. Sie wollen in Europa Gaskraftwerke betreiben, und dazu braucht Axpo eine grössere Menge Gas. Der Schweizer Erdgasmarkt ist relativ klein. Er macht weniger als 1 Prozent des europäischen Marktes aus.

Längerfristig sind mit dem Atomausstieg aber auch zwei Gaskraftwerke für die Schweiz im Gespräch.
Zurzeit sind die Rahmenbedingungen zur Stromproduktion mit Gas in der Schweiz schlicht zu schlecht: Dazu gehören etwa der aktuelle Strompreis, die CO2-Abgabe und alle weiteren Auflagen. Wegen der Stromproduktion in der Schweiz ist Axpo sicher nicht ins Projekt TAP eingestiegen.

Die Schweiz ist besonders auf den beständigen Gasfluss in den Pipelines angewiesen, weil es hier keinen grossen Gasspeicher gibt.
Im Grimselgebiet laufen Abklärungen, ob dort ein Speicher realisierbar ist. Technisch ist es möglich. Auch hier lautet die Schlüsselfrage aber, ob es wirtschaftlich ist. Das ist noch unklar. Schon heute hat der Westschweizer Versorger Gaznat einen Vertrag mit einem französischen Partner, der ihm die Mitbenutzung eines Speichers sichert, der sich nahe der Schweiz befindet. Und Swissgas hat auch langfristige Verträge, die die Lieferanten binden. Das heisst, sie müssen liefern, ob das Gas nun über die Pipeline kommt oder ob sie es aus ihren eigenen Speichern nehmen müssen.

In den USA ist das Schiefergasfieber ausgebrochen, Grossbritannien hat eben angekündigt, verstärkt solches Gas fördern zu wollen. Werden auch wir das künftig beziehen können?
Die Briten werden zuerst den Eigenbedarf decken, und was übrig bleibt, ins europäische Netz einspeisen. Dann können auch wir es natürlich kaufen.

Viele andere europäische Länder – inklusive die Schweiz – sind wegen der umstrittenen Fördermethode Fracking skeptischer. Wie sehen Sie die Chancen, dass in Kontinentaleuropa künftig vermehrt Schiefergas gefördert wird?
Das ist schwierig zu sagen. In der Schweiz gibt es sehr hohe Umweltauflagen, beispielsweise im Gewässerschutz. Das verteuert die Gasproduktion. Auch hier geht es darum, ob es sich überhaupt lohnt. Ausserdem sind in Europa die Ängste in Bezug auf Fracking allgemein ausgeprägt wegen weniger negativer Beispiele in den USA.

Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, die nötige Akzeptanz für die Förderung von Schiefergas zu erreichen?
Ich glaube zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Gegenwärtig herrscht aber ohnehin eine Goldgräberstimmung im Gasbereich. Dazu gehört die Pipeline aus Aserbeidschan. Nord Stream, die russisches Gas nach Deutschland befördert, spricht von zwei weiteren Pipeline-Strängen. Und es gibt noch weitere Projekte. Doch was davon dann tatsächlich realisiert wird und was sich rechnet, wird erst die Zukunft zeigen.

Erstellt: 28.06.2013, 18:00 Uhr

«Die Schlüsselfrage lautet, ob es wirtschaftlich ist»: Daniel Bächtold ist Leiter PR und Mediensprecher von Erdgas Schweiz. (Bild: zvg)

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