Notruftelefon für Behinderte bei Missbrauchsfällen

Behinderte und ihre Angehörigen finden bei Missbrauchsfällen kaum konkrete und unbürokratische Hilfe. Die Situation sei unbefriedigend – und müsse sich nun ändern.

Auch behinderte Kinder sind immer wieder Missbrauchsopfer. Foto: Plainpicture/Maskot

Auch behinderte Kinder sind immer wieder Missbrauchsopfer. Foto: Plainpicture/Maskot

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Es ist der grösste aufgedeckte Missbrauchsfall der Schweiz: Ein Sozialtherapeut zog fast 30 Jahre lang von Heim zu Heim und missbrauchte über 120 Menschen, die fast alle geistig oder körperlich schwer behindert waren. Die Sozialbranche stand unter Schock, als die Behörden 2011 informierten: «Ausgerechnet bei uns!» Zwölf Verbände, Organisationen und Institutionen bekannten sich darauf mit einer Charta zu mehr Prävention und gründeten eine Arbeitsgruppe. Nie mehr sollte ein solcher Missbrauchsfall so lange unentdeckt bleiben.

Nun zeigt eine neue, bisher unver­öffentlichte Studie, dass nach wie vor grosse Lücken bestehen: Erwachsene Menschen mit Behinderung haben keine direkte und unbürokratische Anlaufstelle, wenn sie missbraucht werden. Auch für Personen, die von den Tätern abhängig seien, für Menschen in Heimen, für ältere Menschen oder Ausländerinnen und Ausländer gebe es im Vergleich zum Bedarf zu wenig Angebote, schreiben die Autoren der Berner Fachhochschule. Sie haben insgesamt 181 Organisationen und Institutionen aus allen Sprachregionen der Schweiz befragt. Das Angebot an Fachstellen sei zwar breit und vielfältig, aber eben sehr ­unübersichtlich. Nicht nur den hilfesuchenden Personen, sondern auch den Anlaufstellen selber könne es deshalb schwer fallen, Hilfe zu finden, die auf die besonderen Bedürfnisse etwa einer Person mit Behinderung zugeschnitten sei.

Nationale Anlaufstelle gefordert

«Die Situation ist unbefriedigend», sagt Ueli Affolter, Leiter der Arbeitsgruppe der Sozialinstitutionen und Verbände, die die Studie in Auftrag gaben. Die bestehenden Fachstellen seien oft nicht für die Opfer selber, sondern für Fachpersonen gedacht. Andere Angebote wie zum Beispiel der Kinder- und Erwachsenenschutz (Kesb) seien zu wenig niederschwellig und hätten sofort gravierende Konsequenzen.

«Kürzlich rief mich eine Mutter an», erzählt Affolter, der auch Geschäftsführer von Socialbern ist, dem Verband der sozialen Einrichtungen in Bern. Die Frau habe beobachtet, dass ein Nachbar ihres Mehrfamilienhauses regelmässig viele Nachbarkinder in seine Wohnung einlade. Sie habe ein ungutes Gefühl. Doch ohne Beweise und vorzeigbare Opfer könne sie nirgendwo Hilfe finden. «Für solche Fälle braucht es eine nationale Anlaufstelle, eine Telefon-Hotline», sagt Affolter. Diese müsse für Missbrauchsopfer mit unterschiedlichen Bedürfnissen – vor allem auch für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige – offen sein.

Nicht immer können sich die Opfer ausdrücken

Das wünscht sich auch die Dachorganisation Autismus Schweiz. «Menschen mit Autismus können sich nicht immer verbal ausdrücken und über einen Missbrauch offen kommunizieren», sagt Geschäftsführerin Anita Moosmann. Wenn es ihnen schlecht gehe, reagierten sie zum Beispiel mit aggressivem Verhalten. «Was sollen Eltern, Nachbarn oder andere Angehörige tun, wenn sie aufgrund solcher Indizien einen Verdacht auf Missbrauch haben?», fragt sie. Die Leute seien überfordert und benötigten Hilfsangebote, die sie ohne Bürokratie und im ersten Moment auch ohne strafrechtliche Folgen in Anspruch nehmen könnten.

Zu den Auftraggebern der Studie gehört auch Curaviva, der Verband Heime und Institutionen Schweiz. «Mit der verstärkten Prävention sensibilisieren wir die Mitarbeiter unserer Mitgliederinstitutionen, genau hinzuschauen», sagt David Oberholzer, Leiter des Fachbereichs Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen. Entsprechend nähmen die Meldungen von Verdachtsfällen auf Missbrauch zu. Es brauche eine Anlaufstelle, damit Mitarbeiter von Institutionen einen Verdacht mit einer geschulten und kompetenten Person besprechen könnten.

Eine Frage des Geldes

Ob die Verbände ihr Anliegen verwirklichen können, ist noch nicht klar. Ihre Arbeitsgruppe trifft sich nach den Sommerferien mit Vertretern unter anderem der Sozialdirektorenkonferenz (SODK), bestehender Fachstellen, der Kesb oder des Bundesamts für Sozialversicherungen. Danach will sie entscheiden, wie es weitergehen soll. Offen ist unter anderem auch, wer eine nationale Anlaufstelle finanzieren müsste. Für die An­liegen behinderter Menschen ist etwa auch die Invalidenversicherung zu­ständig. Möglich wäre aber auch eine ­Finanzierung über die Kantone.

EVP-Nationalrätin Marianne Streiff, die auch den Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung (Insos) präsidiert, könnte sich eine Art nationales Nottelefon vorstellen. «Politischer Aktivismus ist aber sicher fehl am Platz», sagt sie. Zuerst müssten die geplanten Gespräche abgewartet werden. Es gebe viele Anlaufstellen, aber es fehlten Fachleute, die sich mit den besonderen Bedürfnissen behinderter Menschen auskennen. SVP-Nationalrätin Natalie Rickli ist gegen ein neues «umfassendes nationales Kompetenzzentrum»: Die Organisationen könnten stattdessen eine gemeinsame Telefon­nummer und Website betreiben.

Erstellt: 27.06.2015, 04:32 Uhr

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