Notstand in den Kinderspitälern

In den Schweizer Spezialkliniken für Neugeborenenmedizin gibt es kaum noch Platz für Frühgeborene.

Knappes Platzangebot: Eine Pflegerin kümmert sich um ein Neugeborenes in der Neonatologischen Abteilung des Universitätsspitals Zürich.

Knappes Platzangebot: Eine Pflegerin kümmert sich um ein Neugeborenes in der Neonatologischen Abteilung des Universitätsspitals Zürich. Bild: Keystone

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Die Schweizer Zentren für Neugeborenenmedizin sind am Anschlag. Bei vielen spezialisierten Kliniken fehlt es bereits heute an ausgebildetem Fachpersonal. «Zur Aufrechterhaltung der qualitativ optimalen Betreuung der Säuglinge wurden beispielsweise am Universitäts-Kinderspital beider Basel vorsorglich bis maximal fünf Betten auf der Abteilung Neonatologie vorübergehend geschlossen», sagt René Glanzmann, stellvertretender Leiter der Abteilung Neonatologie am UKBB. Gründe für den Personalmangel gibt es einige: Einerseits werde in der Schweiz seit dem Wegfall der Ausbildung zur Kinderkrankenschwester zu wenig Pflegepersonal für die Kleinsten ausgebildet, andererseits sei durch die Nivellierung der Arbeitsbedingungen das bisher im benachbarten Ausland rekrutierte Pflegepersonal weggefallen.

Auch für Baslerinnen, die ihr Kind notfallmässig zu früh gebären müssen, habe die Situation Konsequenzen: «Um die Sicherheit von Gebärenden zu gewährleisten, gibt es seit Jahren ein gut funktionierendes Netzwerk der neun grossen Neonatologien, damit Frauen frühzeitig verlegt werden können. In Basel mussten 2012 drei Frauen pro Monat abgewiesen oder verlegt werden», so Glanzmann. Massnahmen zur Behebung der Kapazitätsengpässe wurden bereits ergriffen.

Entzug der Bewilligung?

Doch die Situation könnte prekärer werden: Die für die Zertifizierung der Spezialkliniken zuständige Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin hat dem Ostschweizer Kinderspital ein Ultimatum gestellt: «Wenn wir nicht ­aktiv werden und die Intensivpflege­station den heutigen Anforderungen anpassen, riskieren wir den Entzug der Bewilligung», sagt Marco Fischer, Vorsitzender der Spitalleitung, gegenüber dem «St.Galler Tagblatt». Damit würden auf einen Schlag über zehn der ansonsten schon raren Intensivpflegeplätze wegfallen.

Denn die Kinderintensivmedizin ist in der Schweiz ein Spezialfall: Anders als in der Erwachsenen­medizin werden die freien Spitalplätze (durch das Kinderspital Zürich) national koordiniert. Gemäss Liste der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin sind derzeit neun Zentren für die Intensivbetreuuung von Früh­geborenen zertifiziert; neben den Universitäts-Kinderkliniken von Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich gehört das Ostschweizer Kinderspital zu den grössten Spitälern.

Enorme medizinische Fortschritte

Die Neonatologie, die Lehre und Wissenschaft der Neugeborenenmedizin, ist eine relativ junge Fachdisziplin. Zwar wurde bereits 1906 in Zürich das erste kantonale Säuglingsheim der Schweiz von Jakob Bernheim gegründet, doch beschäftigte man sich in den ersten Jahrzehnten hauptsächlich mit der Ernährung und Krankenpflege von Kindern, die normal nach 40 Schwangerschaftswochen zur Welt kamen. Erst 1982 begannen Neonatologen damit, zu früh geborene Kinder mit einem Gewicht von 1000 Gramm zu behandeln. Heute liegen die Überlebenschancen von Kindern, die in der 24. Schwangerschaftswoche mit einem Gewicht von 500 Gramm geboren werden, immerhin bei 50 Prozent. «Das sind enorme Fortschritte, die nur dank der modernen Medizin und einem bestens ausgebildetem Pflegepersonal erreicht werden können», so Glanzmann.

Und der Bedarf an solchen Intensivpflegeplätzen wird weiter zunehmen: «In der Schweiz werden wieder mehr Kinder geboren, entsprechend nehmen auch die Frühgeburten zu», sagt Hans Ulrich Bucher, Direktor der Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich. Um sich der Situation anzupassen, wurde die Kleinkinderabteilung am Zürcher Spital erweitert, gestern wurde die neue Klinik für Neonatologie eröffnet. «Der Neubau verfügt über mehr Betten für die intensive Betreuung kranker Kleinstkinder und hat doppelt so viel Platz für die kranken Kinder und ihre Familien», so Bucher.

Gesucht: Übergangslösung

Dennoch: Sollte das Ostschweizer Kinderspital die Bewilligung für die Station verlieren, so würde sich das schweizweit auswirken, so der St.?Galler Marco Fischer. Nun steckt die Spitalleitung in der Zwickmühle. Denn einerseits fordert die Gesellschaft für Intensivmedizin, dass die Mängel so schnell wie möglich behoben werden, andererseits plant die St.?Galler Regierung einen Neubau des Ostschweizer Kinderspitals auf dem Areal des Kantonsspitals St.?Gallen – was von den Stimmbürgern allerdings erst noch gutgeheissen werden müsste und deshalb nicht vor 2021 realistisch ist. Nun schlägt die Leitung des Ostschweizer Kinderspitals vor, für die Übergangszeit einen Erweiterungsbau zu erstellen, Kostenpunkt: neun Millionen Franken. Die Stadt St.?Gallen hat das Projekt bereits bewilligt, doch die Eigentümer eines benachbarten Wohnblocks haben dagegen rekurriert.

Das Ostschweizer Kinderspital wurde 1909 auf Initiative der Ärztin Frida Imboden-Kaiser als Säuglingsspital gegründet. Zu den Trägern gehören die Kantone Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden, St.?Gallen, Thurgau sowie das Fürstentum Liechtenstein. Seit 1966 erbringt das Spital für das Einzugsgebiet vom Bündnerland bis zum Bodensee die Grund- und Zentrumsversorgung in der Pädiatrie in den Bereichen Inneren Medizin und Chirurgie. Neben der Orthopädie und Neuropädiatrie hat sich das Klinikum bei der Behandlung von Ess­störungen einen Namen gemacht.

Erstellt: 24.08.2012, 16:59 Uhr

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