Nur drei von fünf Schülern können gut genug rechnen

Um die Mathe-Kenntnisse in der Schweiz steht es schlecht, wie eine neue Studie zeigt. Am schlechtesten schneidet Basel ab.

Beunruhigende Zahlen: Nur 62 Prozent erreichen am Ende der obligatorischen Schulzeit die Grundkompetenzen des Fachs. (Symbolbild)

Beunruhigende Zahlen: Nur 62 Prozent erreichen am Ende der obligatorischen Schulzeit die Grundkompetenzen des Fachs. (Symbolbild) Bild: Valerie Chetelat

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Lieblingsfach ist es für die wenigsten, nun zeigen die Resultate einer neuen Studie: In Sachen Mathematik brauchen viele Schweizer Schülerinnen und Schüler Nachhilfeunterricht. Nur 62 Prozent erreichen am Ende der obligatorischen Schulzeit die Lernziele.

«Wer die Geometrie begreift, vermag in dieser Welt alles zu verstehen.» Schenkt man dem Zitat des grossen Universalgelehrten Galileo Galilei Glauben, dann ist es schlecht bestellt um das Wissen von Schulabgängerinnen und Schulabgängern in der Schweiz.

Grundkompetenzen

Die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) untersuchte bei über 20'000 Schülerinnen und Schülern zum ersten Mal die Grundkompetenzen bei den Sprachen und der Mathematik, welche im Jahr 2011 in den Bildungszielen festgelegt wurden. Getestet wurde das Können bei der Schulsprache und ersten Fremdsprache am Ende der Primarstufe (2017) und bei der Mathematik am Ende der obligatorischen Schule (2016).

Eine Mathe-Aufgabe auf dem Gebiet der Proportionalität lautete beispielsweise: «Ein Pullover kostet normalerweise 170 Franken. Im Ausverkauf gibt das Geschäft auf alle Kleidungsstücke 20 Prozent Rabatt. Wie viel kostet ein Pullover im Ausverkauf?» Schülerinnen und Schüler mussten zudem eine oder mehrere lineare Funktionen grafisch in einem kartesischen Koordinatensystem darstellen.

Mathematik-Kater in Basel

Im Gegensatz zur Pisa-Studie für das Jahr 2015, wo Schweizer Schülerinnen und Schüler im Fach Mathematik in Europa den Spitzenplatz einnahmen, gibt es dieses Mal wenig Lob. Nur drei von fünf Jugendlichen erreichen die Grundkompetenzen, wie die am Freitag publizierten Ergebnisse zeigen. Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind beträchtlich. Teilweise erreichen weniger als die Hälfte der Schulabgänger die Ziele im Fach Mathematik.

Am schlechtesten schneiden die Schülerinnen und Schüler im Kanton Basel-Stadt ab, wo nur 43 Prozent die Mathe-Ziele erreichen. Ebenfalls unterdurchschnittlich gut rechnen können demnach Jugendliche in den Kantonen Baselland, Solothurn, Luzern und im deutschsprachigen Bern. Schülerinnen und Schüler im französischsprachigen Teil des Kantons Freiburg sind dagegen Spitze.

Spitzenplatz für Freiburger Schüler

Anders ist die Situation bei den Sprachen. Neun von zehn Schülerinnen und Schülern können gemäss der Studie gut in der Schulsprache lesen. Auch hier belegen französischsprachige Freiburger den ersten Platz. Im hintersten Teil der Rangliste befinden sich Glarner und Basler Schülerinnen und Schüler.

Die Rechtschreibung beherrschen – je nach Sprachregionen – zwischen 80 und 89 Prozent der Jugendlichen. Beim Hörverstehen sind die Werte ähnlich hoch. Etwas weniger gut schneiden die Jugendlichen beim Leseverstehen in der ersten Fremdsprache ab. Hier erreichen 65 Prozent (Französisch), 72 Prozent (Deutsch) respektive 86 Prozent (Englisch) die verlangten Grundkompetenzen.

«Unschön, aber nicht überraschend»

Für den Basler Erziehungsdirektor Conradin Cramer ist das schlechte Abschneiden der Schülerinnen und Schüler aus Basel-Stadt unschön, aber nicht überraschend. Für den einzigen Stadtkanton in der Schweiz sei es immer schwer, in solchen Statistiken zu glänzen, hielt Cramer auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA fest. Die Resultate könne man schlecht mit der Restschweiz vergleichen.

Die Stichproben wurden zudem laut Cramer im alten Schulsystem vor der Harmonisierung gesammelt - mit zwei markanten Schulwechseln innerhalb der obligatorischen Schulzeit. Basel-Stadt werde jetzt keine wenig reflektierte Sofortmassnahmen treffen. «Wir wissen ja auch durch unsere Checks, dass die besten Schülerinnen und Schüler bei uns genau gleich gut sind wie im Rest der Nordwestschweiz», sagte Cramer.

Für den Erziehungsdirektor ist klar, dass Basel-Stadt den eingeschlagenen Weg der Förderung des sprachbewussten Unterrichts weitergehen will. Nur wer eine Mathe-Aufgabe verstehe, habe auch eine Chance, sie zu lösen, sagte Cramer. Er erachtet das sprachliche Verständnis der Aufgaben als elementar für deren Bearbeitung.

Zu hohe Ansprüche?

Die Unterschiede in den Ergebnissen zwischen Mathematik und Sprachen erklären sich die Erziehungsdirektoren mit der weit beziehungsweise weniger weit fortgeschrittenen Harmonisierung der kantonalen Lehrpläne. Die Sprachenfächer seien besser harmonisiert, schreibt die EDK in einer Mitteilung.

Noch nicht abschliessend geklärt sei derweil die Frage des Anspruchsniveaus in der Mathematik. «Eine Einschätzung von Fachpersonen hat ergeben, dass ein Teil der Grundkompetenzen Mathematik beziehungsweise der daraus abgeleiteten Aufgaben recht anspruchsvoll zu sein scheint», heisst es in der Studie.

Das könnte auch erklären, weshalb die Schweizer Schüler seit Jahren im europäischen Vergleich Spitze in Mathe sind, während sie das in der Schweiz verlangte Niveau nur teilweise zufriedenstellend erreichen. Eine Kommission der EDK wurde beauftragt, dieser Fragestellung weiter nachzugehen.

Weitere Untersuchungen folgen

Die Studienergebnisse zeigen weiter, dass individuelle Merkmale der Schülerinnen und Schüler wie Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsstatus und zu Hause gesprochene Sprache einen Effekt darauf haben, wie gut die Jugendlichen die Grundkompetenzen erreichen. Ob diese Unterschiede statistisch signifikant sind oder nicht, kann je nach Kanton und Fach unterschiedlich sein.

Die Daten der Untersuchung werden ins nationale Bildungsmonitoring einfliessen und in diesem Rahmen weiter ausgewertet. Die Kantone werden zudem die Ergebnisse im Rahmen der kantonalen Qualitätsentwicklungsprozesse nutzen können. Die nächsten Schülertests werden im Jahr 2020 bei den Sprachen und im Jahr 2022 in einem noch nicht bestimmten Fachbereich stattfinden. (fal/sda)

Erstellt: 24.05.2019, 10:23 Uhr

Artikel zum Thema

Heute auf der Strasse, morgen im Bundeshaus

Die Klimaproteste entwickeln sich langsam, aber sicher zu einer Bewegung – und formen damit die nächste politische Generation. Mehr...

«Lernen bis zur Erschöpfung ist kontraproduktiv»

Prüfungsangst In der Schule läuft es gut; trotzdem haben viele Jugend­liche Prüfungsängste. Was tun? Das haben wir die Psychologin und Psycho­therapeutin Ursula Germann-Müller in ihrer Praxis in Sargans gefragt. Mehr...

Soll Homeschooling erlaubt bleiben?

Pro & Kontra Die Zahl der Kinder, die keine Schule besuchen und zu Hause unterrichtet werden, ist stark angestiegen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...