Nur noch zweimotorige Helikopter für Rettungen?

Die Schweizer Luftretter streiten um die Einführung einer EU-Richtlinie. Gewinnt die Rega, droht der Hauptkonkurrentin Air-Glaciers das Ende.

Die stolze Air-Glaciers: Die einst grösste (jetzt  neben Swiss Helicopters zweitgrösste Helikoptergesellschaft) ist in einer bedrohlichen Lage.

Die stolze Air-Glaciers: Die einst grösste (jetzt neben Swiss Helicopters zweitgrösste Helikoptergesellschaft) ist in einer bedrohlichen Lage. Bild: Keystone/Air-Glaciers

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Rega und Air-Glaciers liegen sich in den Haaren. Wieder einmal. Doch diesmal geht es um mehr als sonst. Die EU-Flugsicherheitsbehörde setzt nach mehrjähriger Übergangsfrist per Oktober neue Regeln definitiv in Kraft. Für die Schweiz bietet sich eine letzte Gelegenheit, Ausnahmen auszuhandeln. Allerdings haben die Luftretter höchst unterschiedliche Vorstellungen, wie diese aussehen sollen.

Fällt der Entscheid im Sinne der Rega aus, ist die Konkurrentin Air-Glaciers – die zweitgrösste Helikoptergesellschaft der Schweiz – ernsthaft in ihrer Existenz bedroht. Die Air-Glaciers ist offizielle Luftretterin im Oberwallis, hat auch im Berner Oberland eine Rettungsbasis und schweizweit sieben weitere Stützpunkte für Gewerbetransporte.

Streit um zweiten Motor

Beide Luftretter bedrängen zurzeit das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Denn dieses entscheidet schliesslich, welche Anträge die Schweiz nach Brüssel schickt. Die umstrittene Regel: Gemäss EU-Richtlinie dürfen grundsätzlich nur noch zweimotorige Helikopter für Rettungen eingesetzt werden.

Die Regel existiert an sich schon seit einigen Jahren. Wegen Unklarheiten und Übergangsfristen hatte die Schweizer Behörde aber in Gebirgsregionen einmotorige Helikopter provisorisch noch zugelassen. Zum Glück für die Air-Glaciers. Denn nur ein einziger ihrer zwanzig Helikopter ist zweimotorig. Dies im Gegensatz zur Rega. Deren siebzehn Maschinen sind alle mit zwei Triebwerken ausgerüstet.

Nur Tannen und Touristen?

Nun geht es um alles. Ab Oktober ist die Zeit der Grauzonen vorbei. Wenn die Schweiz keine Ausnahmen aushandelt, sind Rettungen mit einmotorigen Helikoptern Geschichte. Und die Air-Glaciers dürfte praktisch nur noch Betonkübel, Tannen und unverletzte Passagiere durch die Luft transportieren.

Auf zweimotorige Helikopter aufzurüsten, käme nicht infrage. Denn die sind in Anschaffung und Betrieb doppelt so teuer. Für Gewerbe- und Tourismustransporte, wie sie die Air-Glaciers mehrheitlich ausführt, würden zweimotorige Maschinen deshalb nie rentieren. Umgekehrt könnte die Air-Glaciers aber allein mit Gewerbeaufträgen und Touristenflügen ihre Helikopterflotte kaum auslasten.

Air-Glaciers: Betreibungen

Für das einst stolze Walliser Unternehmen würde das Ausscheiden aus dem Rettungswesen zur Existenzfrage. Die Air-Glaciers kämpft schon jetzt mit finanziellen Engpässen. Anfang Mai hatte sie allein von den letzten zwölf Monaten Betreibungen und Zahlungsbefehle in Höhe von 2,6 Millionen Franken am Hals. Der Betreibungsregisterauszug liegt dieser Zeitung vor. Nur durch den Verkauf des brandneuen Hangars am Hauptsitz in Sitten für 6 Millionen konnte sich die Gesellschaft über die Runden retten, wie Recherchen zeigen. Die neue EU-Richtlinie dürfte dem Unternehmen den Rest geben, falls sie voll umgesetzt wird. Das glauben auch Insider.

Dabei spräche vieles für die Air-Glaciers. Denn der Sinn eines Verbotes einmotoriger Rettungshelikopter ist höchst umstritten. Befürworter behaupten zwar, zweimotorige Helikopter seien sicherer. Für die nüchternen Experten des Bazl ist das aber Kaffeesatzlesen: «Ein wissenschaftlicher Nachweis, dass zweimotorige Helikopter sicherer sind, existiert nicht», hält Bazl-Sprecher Urs Holderegger fest. Selbst wenn sich herausstellen würde, dass zweimotorige Helikopter geringfügig besser abschneiden, würden die doppelt so hohen Anschaffungs- und Betriebskosten der zweimotorigen den Sicherheitsgewinn nicht rechtfertigen. Denn: Man könnte viel mehr Unfälle verhindern, wenn man das Geld in eine bessere Pilotenausbildung statt in teure zweimotorige Helikopter investierte, sagen Experten. Ursache der allermeisten Helikopterunfälle sind nämlich unbestrittenermassen Pilotenfehler.

Zweimotorigkeit

Tatsächlich geht es bei den neuen Vorschriften nur vordergründig um Sicherheit, es geht um Macht und vor allem: um sehr viel Geld. Offensichtlich ist, dass die europäischen Helikopterhersteller hinter den neuen Regeln stecken, weil sie im Gegensatz zu den Amerikanern seit einiger Zeit auf Zweimotorigkeit setzen. Dass hinter der EU-Richtlinie mehr Lobbyisten als Sicherheitsexperten stecken, scheinen auch die Beamten im Bazl festgestellt zu haben. Sie streben jetzt jedenfalls einen Kompromiss an. Er soll den «Spielraum» der EU für den Einsatz einmotoriger Helikopter ausreizen. Der Vorschlag käme der Air-Glaciers entgegen.

Den Mut, sich voll gegen die für die Schweiz fragwürdige EU-Richtlinie aufzulehnen, hat das Bazl allerdings dann doch nicht. Dann würde die Rega den Aufstand proben. Die Rega versucht selbst den derzeit vom Bazl angestrebten Kompromiss zu torpedieren. Rega-Sprecherin Hörhager formuliert es so: «Warum sich das Bazl nun gegen die europäischen Vorschriften stellt, ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar.»

Was die Rega durchzusetzen versucht, würde de facto auf ein Verbot für einmotorige Helikopter im Rettungswesen hinauslaufen. Denn die wenigen Rettungseinsätze, welche die Air-Glaciers mit ihren einmotorigen Helikoptern noch ausführen dürfte, sind vernachlässigbar.

Rega auf EU-Kurs

Die Rega versichert, ihr gehe es einzig um die Sicherheit. Viele Involvierte sehen das anders: Die Rega wolle mit dem Verbot bloss die Konkurrenz in der Luftrettung ausschalten. Rega-Sprecherin Karin Hörhager bestreitet dies: Das Gegenteil sei der Fall. Die Rega habe «zum Beispiel der Air-Glaciers schon vor Jahren das Angebot gemacht, ihr moderne zweimotorige Rettungshelikopter kostenfrei zur Verfügung zu stellen». Umgekehrt sei aber die jetzt vom Bazl geplante Regelung «ein klarer Rückschritt, der letztlich nur dem Schutz der Air-Glaciers im Wallis dient», beteuert die Rega-Sprecherin.

Erstellt: 13.06.2014, 11:25 Uhr

Sicherheit bei Helikoptern

In einem Punkt sind sich Experten einig: Menschliches Versagen ist der mit Abstand häufigste Grund für Helikopterunfälle. Höchst umstritten ist hingegen, ob zweimotorige Hubschrauber in der Schweiz sicherer sind als einmotorige. Klar ist, dass ein zweimotoriger Hubschrauber auf offenem Meer einen Vorteil hat. Sollte ein Triebwerk ausfallen, hätte der Pilot gute Chancen, mit dem anderen wieder an Land zu kommen. Der einmotorige Helikopter würde hingegen beim Ausfall des einzigen Triebwerks ins Meer stürzen.

Bei Flügen in der Schweiz ist die Situation allerdings anders: Grundsätzlich kann der Pilot eines einmotorigen Helikopters bei einem Triebwerkausfall auf Autorotation stellen und notlanden. Das könnte zum Beispiel über Stadtgebiet grundsätzlich problematisch sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese unglücklichen Umstände zusammentreffen, ist aber verschwindend klein. Eine offizielle Statistik über Unfälle, die auf die Einmotorigkeit des Helikopters zurückzuführen sind, gibt es zwar nicht. Ein Indiz dafür, dass der Einsatz einmotoriger Helikopter unproblematisch ist, liefert die Air-Glaciers: 19 ihrer 20 Helikopter sind einmotorig. Sie führen jährlich rund 2000 Aufträge aus. Dabei musste das Unternehmen in seiner 50-jährigen Geschichte nur einen Unfall verbuchen.

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