Der ÖV-nutzende Autofahrer

Autofahrer versus ÖV-Nutzer: Der Konflikt zwischen den beiden Gruppen wird wieder politisch ausgeschlachtet. Dabei entspricht er schon längst nicht mehr der Realität.

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Bald werden die Mittel knapp, um die Schweizer Strassen zu unterhalten. Der Bundesrat will deshalb unter anderem den Benzinpreis um 6 Rappen pro Liter erhöhen. Die harschen Reaktionen auf diesen Entscheid verdeutlichen einmal mehr: Geht es um die Finanzierung der Verkehrsinfrastruktur, sind die Fronten verhärtet.

Vor einem Jahr hat das Volk die Bahnvorlage Fabi mit 62 Prozent Ja-Stimmen deutlich angenommen. Damit kann das Schienennetz saniert und ausgebaut werden. Das klare Votum für den öffentlichen Verkehr kontrastiert mit der Diskussion über den Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfonds (NAF). Die Erhöhung der Mineralölsteuer an der Zapfsäule wäre ein zentraler Finanzierungsbaustein. Das Vorhaben stösst aber auf heftigen Widerstand – sowohl auf links-grüner Seite als auch bei der Autolobby. Je nach Optik werden die Automobilisten zu wenig oder zu stark zur Kasse gebeten. Der Vergleich zeigt: Mittel für die Bahn sind vergleichsweise schmerzlos zu beschaffen. Jene für die Strasse nicht.

Kosten auf der Strasse stärker spürbar

Das hat gemäss Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht von der Hochschule Luzern historische Gründe: In den 1960er-Jahren wurde das Nationalstrassennetz der Nachfrage entsprechend gebaut. «Doch wer Strassen sät, wird Verkehr ernten – das Bonmot wurde in der Schweiz in den 1970er-Jahren zur Erkenntnis.» Zudem verschlechterten Luftverschmutzung, Lärm und Verkehrstote das Image des Strassenverkehrs – auch an der Urne.

Dazu kommen die unterschiedlichen Kostenabwälzungsmuster, wie Politologe Daniel Kübler sagt. «Im Strassenverkehr sind sie präzis: Der einzelne Autofahrer muss verschiedene Abgaben leisten. Beim öffentlichen Verkehr dagegen sind sie diffus: Die Billettpreise bilden die Bahninfrastrukturkosten nicht direkt ab.» Auch darum sei der Widerstand gegen höhere Abgaben auf der Strasse ungleich höher als auf der Schiene.

Politisch konstruierte Fronten

Der Konflikt zwischen der Auto- und der ÖV-Lobby wird in naher Zukunft wieder stärker aufbrechen: Neben dem Strassenfonds werden auch andere Verkehrsthemen wie die «Milchkuhinitiative» und die im Rahmen der Energiestrategie 2050 geplante Lenkungsabgabe auf die politische Agenda rücken. Auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft dürfte sich dieser Zwist sogar noch verstärken – die Wahl des Verkehrsmittels als ideologische Grundsatzfrage sozusagen.

Dabei entspreche der Kampf ÖV versus Auto schon längst nicht mehr der Realität, sagt Ohnmacht. Er sei lediglich politisch konstruiert. «Der moderne Mensch nimmt in seinem Leben verschiedene Rollen ein. So verhält er sich auch in Bezug auf die Mobilität: Er nutzt nicht entweder das Auto oder die Bahn, sondern wählt das Verkehrsmittel situativ aus.» Auto in der Freizeit, ÖV für den Arbeitsweg: Die grosse Masse der Schweizer sei heute «multimodal» unterwegs, gerade auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern.

Deswegen sei es verkürzt, sich politisch ausschliesslich an eine Gruppe zu wenden. Stattdessen müsste die Politik integrierter denken, findet Ohnmacht: «In modernen Verkehrskonzepten greift alles ineinander. Park and Ride oder Carsharing sind Ausdruck dieser Entwicklung. Diese Verzahnung müsste vorangetrieben werden.»

Keine Autopartei mehr

Das ist laut Ohnmacht denn auch der Grund, warum sich die Mobilität als Konfliktlinie nicht erneut im Parteiensystem niederschlagen wird. Ein Pendant zur Autopartei, die 1985 als Gegenpol zu den Grünen gegründet wurde, wird es gemäss Kübler nicht mehr geben. Dafür positionierten sich die bestehenden Parteien heute in dieser Frage zu stark – «die Anliegen der Autolobby werden vom bürgerlichen Spektrum bereits ausreichend vertreten».

Und Verkehrssoziologe Ohnmacht ist überzeugt: «In einer Gesellschaft, in der ein Grossteil der Bevölkerung mehrere Verkehrsmittel nutzt, werden solche Parteien keine Klientel finden.» Genau das wiederum sei aber der Trumpf einer Vorlage wie dem Strassenfonds NAF: «Das Geld soll nicht nur in die Strassensanierung, sondern auch in Agglomerationsprogramme und damit unter anderem in ÖV-Projekte fliessen. Eine Lösung, die dem vielseitig mobilen Menschen entspricht.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.02.2015, 13:14 Uhr

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