Öko-Label nimmt keine neuen Bauern mehr auf

Der Zeitgeist verlangt verantwortungsvolles Essen von Fleisch. Doch in Wirklichkeit entwickelt sich der Absatz von Fleisch aus tierfreundlicher Haltung schleppend.

Trügerische Idylle: Viele Konsumenten sind nicht bereit, für das Fleisch von artgerecht gehaltenen Rindern tiefer in die Tasche zu greifen. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Trügerische Idylle: Viele Konsumenten sind nicht bereit, für das Fleisch von artgerecht gehaltenen Rindern tiefer in die Tasche zu greifen. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Bauer Christian Stettler sitzt an seinem Küchentisch, die Hände ineinandergefaltet, der Kälbermäster sieht nachdenklich aus. Seine Kälber machen ihm Sorgen. Sie husten. Wieder einmal. «Wir haben in den letzten Jahren stetig mehr Antibiotika gebraucht», sagt er. Wie kürzlich, als 15 Kälber geliefert wurden. Ein paar Wochen alt waren sie nur, bald wurden sie krank, Husten und Fieber, die Lunge. Der Tierarzt kam mit einer Ladung Antibiotika für den ganzen Stall. Nun liegen die Kälber im Stall im Stroh, sie tragen keine Namen, nur Nummern, in vier Monaten haben sie ihre Aufgabe erfüllt. Dann geht es zum Metzger.

Stettler wohnt im Emmental, auf den Hügeln hoch über dem Dorf Arni. Stettler will umstellen. Von Kälbermast auf Mutterkuhhaltung. Er erhofft sich so ein stabileres Einkommen – und weniger Ausgaben für Antibiotika. Er will künftig unter dem Label Natura Beef produzieren, das Label ist zwar nicht bio, doch gilt es als tierfreundlich. Die Kälber werden nicht mehr ihren Müttern entrissen und mit Milch vier Monate lang auf das Schlachtgewicht getrimmt. Sie erhalten Auslauf, sind täglich mit der Mutter auf der Weide, leben in einem Laufstall, essen sojafreies Futter. Zum Metzger gehen sie nach zehn Monaten, als Rinder. Tierschützer halten das für eine vorbildliche Haltung, artgerecht und fair.

Es gibt aber ein Problem. Stettler wurde vom Label Natura Beef auf eine Warteliste gesetzt. Er ist nicht der Einzige. Will heute ein Bauer unter dem Label Natura Beef produzieren, muss er seit September warten. Das nachhaltig produzierte und teurere Stück Fleisch hat sein Wachstumspotenzial erreicht. 60 Prozent des Rindfleisches besteht bei Coop aus Natura Beef, mehr lohnt sich nicht. Sonst drohen Überproduktion und tiefere Preise. Darum gibt es einen Aufnahmestopp und das Fazit: Nicht alle Konsumenten wollen mehr Geld ausgeben für besseres Fleisch.

Die Veganerin regt sich auf

Das passt nicht so recht in eine Zeit, in der so viel vom verantwortungsvollen Fleischkonsum gesprochen wird. Meret Schneider ist Veganerin, Nationalrätin der Grünen und kann sich wunderbar aufregen darüber. «Alle sagen, wie bewusst sie heute Fleisch essen und am liebsten beim Hof um die Ecke einkaufen.» Sie verdreht die Augen und sagt dann: «So viel Höfe um die Ecken, wie alle sagen, kann es gar nicht geben.» Ihr stinkt es gewaltig, wenn Schweizerinnen und Schweizer über Weihnachten Fondue chinoise mit brasilianischem Pouletmastfleisch essen und das Tierwohl völlig ausser Acht lassen. Schneider hat darum mit anderen Tierschützern im Herbst die Volksinitiative gegen Massentierhaltung eingereicht.

Künftig sollen Tiere nur noch im Biostandard gehalten werden dürfen. Diese Richtlinie soll auch für importiertes Fleisch gelten. Das würde bedeuten: Keine Schweizer Grossbetriebe mehr, keine brasilianischen Mastpoulets, kein gemästetes Rindfleisch aus Argentinien und: höhere Fleischpreise. Schneider geht von plus 10 Prozent aus, ihre Gegner von über 20.

Wer sich bewusst ernähren möchte, brauche Zeit, Achtsamkeit und auch Geld: «Der Preis ist noch immer einer der wichtigste Kauftreiber.»Jsabella Zàdow, Ernährungspsychologin

Auch Tierschützerin Susy Utzinger liess sich für die Initiative zitieren. Es sei Zeit, dass endlich wahr gemacht werde, was den Konsumenten «in der Werbung schon lange vorgegaukelt» werde: «respektvolle Nutztierhaltung». Das stiess beim Bauernverband auf Unverständnis, er schrieb auf Utzingers Zitat auf Twitter: «Reden wir hier nur von Lippenbekenntnissen?» Im Sinne von: Der Konsument könnte bereits heute Fleisch aus besserer Tierhaltung kaufen – doch er will nicht.

Im Jahr 2015 veröffentlichte das Forschungsinstituts für biologischen Landbau eine Umfrage: 55 Prozent der Befragten wollten in Zukunft mindestens «häufig oder oft» Bioprodukte einkaufen. Der Biodachverband Biosuisse publizierte 2018 eine Studie. Sie besagt, dass bloss 9,9 Prozent der in der Schweiz verkauften Lebensmittel bio waren. Beim Biofleisch lag der Absatz gar bei 5,7 Prozent. Doch längst nicht nur der Fleischverkauf harzt. Es gibt momentan zu viel Biomilch und Biobutter, der Biobrotpreis wurde gesenkt, Biospezialitäten wie Hirse sind unter Druck. Der Konsument ist höchst inkonsequent.

Jsabella Zädow ist Ernährungspsychologin und beobachtet seit 25 Jahren das menschliche Essverhalten. In aller Kürze: Es ist komplex. Und etwas ausführlicher: Prinzipien können innert Sekunden in sich zusammenfallen, meist vor dem Verkaufsregal. Es ist Abend, es muss schnell gehen, und das Rind von Natura Beef ist ein paar Franken teurer als jenes aus Massentierhaltung. «Dann landet bei vielen das billigere Stück Fleisch im Einkaufskorb», sagt sie. Wer sich bewusst ernähren möchte, brauche Zeit, Achtsamkeit und auch Geld, sagt Zädow. «Der Preis ist noch immer einer der wichtigste Kauftreiber.»

In Deutschland wird der Absatz von Biofleisch in Restaurants und Kantinen forciert, in der Schweiz geschieht das noch kaum.

Politikerin Meret Schneider hat beim Unterschriftensammeln für ihre Initiative ähnliche Erfahrungen gemacht. Sie erzählt mit Erstaunen, dass es immer noch Leute gebe, die sagen: Mir ist das Tierwohl egal, Fleisch ist Fleisch, nach mir die Sintflut. Da sei diskutieren zwecklos. «Um den Menschen auf den richtigen Weg zu führen, braucht es Richtlinien und Leitplanken», sagt sie.

So denken zurzeit einige Menschen, das spüren die Bauern. Sie stecken im Schwitzkasten des ökologischen Zeitgeists. Sie bekämpfen die Pestizid-, Trinkwasser- und Massentierhaltungsinitiativen. Gleichzeitig verhandelt die Schweiz über ein Freihandelsabkommen mit Südamerika. Von den Bauern wird erwartet, dass sie nachhaltiger produzieren und zugleich wettbewerbsfähiger werden. Ein Dilemma. Bauern und Ökonomen sind sich einig: Falls die Initiativen angenommen würden, stiegen die Lebensmittelimporte einerseits, andererseits auch die Zahl der Einkaufstouristen.

Braucht es eine staatliche Pflicht zu mehr Bio- und Labelprodukten wie Natura Beef? Bauer Stettler und auch Bauernverbandspräsident Markus Ritter halten wenig davon. Das Potenzial fehlt. Wobei Beispiele im Ausland zeigen, dass man den Verkauf von Labelfleisch auch in der Schweiz noch steigern könnte. In Deutschland wird der Absatz von Biofleisch in Restaurants und Kantinen forciert, in der Schweiz geschieht das noch kaum.

Kalbfleisch hat noch Potenzial

Bis das Potenzial besser ausgeschöpft ist, muss Bauer Stettler darauf warten, dass er im Label Natura Beef aufgenommen wird. Es gäbe da zwar noch eine Ausweichmöglichkeit für ihn. Im Label Natura Veal, Kalbfleisch aus Mutterkuhhaltung. Hier sieht Coop noch Verkaufspotenzial. Doch das ist wiederum für Bauer und Tier suboptimal. Wird das Kalb der Kuh nach vier Monaten Weidehaltung weggenommen und zum Metzger gebracht, ist das erstens gemäss Forschung ein schmerzlicher Verlust für die Mutter.

Und führt zweitens für den Bauern zum Ertragsausfall. Es dauert zehn Monate, bis die Mutterkuh wieder trächtig werden kann. Sechs Monate wäre sie also unproduktiv. Für Stettler stellt sich diese Frage gerade nicht, erst muss er den Stall umbauen und den Hof label-gerecht herrichten.

Bleibt noch eine Frage: Kann man das Fleisch aus Kälbermast und Mutterkuhhaltung unterscheiden? Veganerin Meret Schneider sagt: Ja klar, das sehe man übrigens auch beim Braten, das Mastfleisch schrumpfe viel stärker als dasjenige aus der Weidehaltung. Bauer Christian Stettler sagt: «Ich glaube schon.» Zarter werde es sein, und geschmackvoller.

Erstellt: 13.01.2020, 10:36 Uhr

In Zahlen

52,06

Kilogramm Fleisch beträgt der Schweizer Pro-Kopf-Konsum, davon stammen rund 22 Kilogramm vom Schwein. Geflügel- und Rindfleischkonsum liegen bei jeweils rund 10,5 Kilo pro Person. Im Vergleichzu 2010 ist der Konsum von Fleisch pro Kopf um 7 Prozent zurückgegangen.

7100

Bauernbetriebe produzieren in der Schweiz nach biologischen Vorgaben. Total gibt es 51000 Betriebe.

16

Millionen Nutztiere leben in der Schweiz. Vor 20 Jahren waren es noch 11 Millionen. Die Zahl setzt sich heute aus 11,5 Millionen Hühnern, 1,5 Millionen Schweinen und ebenso vielen Rindern zusammen. (czu)

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