Offene Rechnungen unter Winzern

Diverse Schummelaffären bringen die Westschweizer Weinbranche in Misskredit. Im Fokus steht auch­ der Walliser FDP-Nationalrat und Weinhändler Jean-René Germanier, der mit einer Busse belegt wurde.

Affären werfen Schatten auf die ganze Branche: Blick auf die Weinberge in Chexbres VD. Foto: Keystone

Affären werfen Schatten auf die ganze Branche: Blick auf die Weinberge in Chexbres VD. Foto: Keystone

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Die Traubenernte in den Westschweizer Rebhängen ist in vollem Gang. Eigentlich viel zu früh – der Sommer war feucht und kalt. Einige Sonnentage täten den Trauben gut und würden ihren Zuckergehalt nach oben treiben. Doch eine kleines Insekt hat die Winzer in grosse Panik versetzt: die Suzuki-Fliege. Sie nistet sich in den Trauben ein, um ihre Eier zu legen, aus denen schon nach drei Tagen Maden schlüpfen. Also retten die Winzer ihre Trauben und damit ihr Einkommen, bevor der Schädling dem ­Weinjahr noch mehr zusetzt.

Doch die kleine Fliege dürfte für die Westschweizer Weinbranche, die 75 Prozent der nationalen Produktion ausmacht, ein vorübergehendes Problem sein. Die Winzer stehen auch aus anderen Gründen unter Druck. Zum einen kämpfen sie auf dem inländischen Markt gegen die Konkurrenz aus dem Ausland. Dieser akzentuiert sich insbesondere dann, wenn die Winzer in schlechten Weinjahren nicht genügend Wein liefern können und darüber hinaus noch Mühe haben, den Qualitätsstandard zu halten. Zum anderen werfen Affären, die Journalisten über einzelne Winzer aufdeckten, nun Schatten auf die ganze Branche. Derzeit ermitteln Staatsanwälte in mehreren Fällen.

Weine werden deklassiert

Es stellen sich Fragen: Was passiert in den dunklen Weinkellereien? Haben die produzierenden Weinhändler mit der Einhaltung der Gesetze generell ein Problem? Wie solid ist die Arbeit der Stiftung der Schweizer Weinhandelskontrolle (SWK) mit Sitz in Rüschlikon? Und: Was tun die Kantonschemiker, welchen die SWK schwere Fälle weiterleitet?

Ein Blick in die Jahresberichte der SWK zeigt: Deren Kontrolleure decken bei der Überprüfung sogenannter Kellerbücher jedes Jahr eine Vielzahl kleinerer, aber auch schwerer Verstösse auf. Zu den schwereren gehören nicht erlaubte Weinverschnitte, Falschetikettierungen, aber auch das Überschreiten zulässiger Produktionslimiten, die wiederum von der Rebfläche abhängen. Weinhändler, denen die SWK eine schwere Verfehlung nachweisen kann, meldet sie den Kantonschemikern. Diese müssen entscheiden, ob sie die Justiz einschalten.

Der Walliser Kantonschemiker Elmar Pfammatter sagt: «Wir prüfen die Daten der SWK. Bei leichten Verstössen gegen die Lebensmittelgesetzgebung veranlassen wir administrative Massnahmen wie die Deklassierung des Weines oder die Korrektur der Etikette, zudem werden Händler verwarnt.» Administrativkosten würden dabei in Rechnung gestellt. «Bei schweren oder wiederholten Verstössen gegen die Lebensmittelgesetzgebung wird der Fall zusätzlich bei der Staats­anwaltschaft angezeigt», so Pfammatter. Ein festes Regelwerk, wann Kantons­chemiker die Justiz einschalten, gibt es zumindest in der Westschweiz nicht. Das bestätigt der Waadtländer Kantons­chemiker Christian Richard. Er betont, unabhängig von der Arbeit der SWK überprüfe man Weine aus heimischer Produktion nach wissenschaftlichen Kriterien im eigenen Labor. Hier stelle sich heraus, ob dem Wein zusätzlich Zucker beigefügt oder ob er mit Konservationsmitteln behandelt worden sei. Schwere Fälle landen auch hier bei der Justiz.

SWK-Geschäftsführer Philippe Hunziker stellt sich demonstrativ vor die kritisierten Winzer. «Die Schweizer Weinerzeuger produzieren guten Wein und sind gut kontrolliert», stellt er fest. Zwar sei es richtig, dass pro Jahr diverse, auch schwerere Fälle aufgedeckt würden. Die meisten Verfehlungen seien aber minim und ihre Anzahl im Verhältnis zur Zahl der Kontrollen bescheiden. Die Gesundheit der Konsumenten sei ohnehin nie in Gefahr.

Ein politischer Machtkampf

Beobachter gehen davon aus, dass Winzer die Affären, über die Medien nun berichten, öffentlich machten, um mit Konkurrenten offene Rechnungen zu begleichen. So im Fall des Walliser Weinhändlers Dominique Giroud, der auch den Walliser Grossrat beschäftigte.

Im Fall des Walliser FDP-Nationalrats und Weinhändlers Jean-René Germanier dürfte es um einen politischen Machtkampf gehen. Germanier gab bekannt, für eine vierte Amtszeit kandieren zu wollen. Am letzten Mittwoch erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Staatsanwaltschaft den Politiker für unerlaubte Weinverschnitte mit 2500 Franken gebüsst hat. Auch Germanier weiss: Mit einem Strafbefehl in den Wahlkampf zu steigen, ist keine optimale Ausgangslage.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 22:13 Uhr

Jean-René Germanier, Winzer und FDP-Nationalrat.

Staatsanwälte ermitteln

Beanstandungen durch die Schweizer Weinkontrolle sind für Winzer nichts Aussergewöhnliches. Dass die Fälle an die Medien gelangen, hingegen schon. «20 minutes» berichtete diese Woche, dass im Keller von FDP-Nationalrat und Weinhändler Jean-René Germanier drei Weine mit Jahrgang 2012 widerrechtlich verschnitten wurden. Sie enthielten zu viel Wein derselben Sorte eines anderen Jahrgangs. Gemäss dem Strafbefehl von Staatsanwalt Nicolas Dubuis betrug die Überschreitung in einem Fall 0,56 Prozent. Laut Dubuis wurde Gemarnier wegen früherer Vorfälle bereits zweimal verwarnt. Dieses Mal erhielt er 2500 Franken Busse. Germanier betonte an einer Pressekonferenz, der Staatsanwalt anerkenne, dass er weder betrügen noch einen Gesetzesverstoss habe provozieren wollen. Es handle sich um einen administrativen Irrtum.

Über einen weiteren Fall berichtete das Westschweizer Fernsehen (RTS): Die Waadtländer Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Vorgängen in der Weinkellerei Testuz im Lavaux. Die Firma soll der Weinkontrolle einen kleinen Teil der Produktion verschwiegen haben. Es handelte sich um 900 Liter Wein mit einem Wert von 4000 Franken.

Verstösse seit Jahrzehnten

Schon seit 2009 ermittelt ein Waadtländer Staatsanwalt gegen den Walliser Weinhändler Dominique Giroud. Dieser steht im Verdacht, 13 000 Flaschen Saint-Saphorin verkauft zu haben, deren Inhalt nicht den Vorschriften entsprach. Das Ergebnis der Untersuchung wegen Betrugs, Waren- und Urkundenfälschung wird der Ermittler bald bekannt geben. Aktenkundig sind überdies Verstösse, die Giroud über ein Jahrzehnt hinweg im Wallis begangen hatte.

Im Februar 2014 zeigte der Waadtländer Kantonschemiker einen Winzer und dessen Ehefrau an, die statt der für ihre Produktionsfläche zugelassenen 9000 Liter Traubensaft zusätzlich 10 000 Liter gepresst haben sollen. Gegenüber der Zeitung «24 Heures» sagte der Mann, er habe als Vermittler agiert, ohne zu kontrollieren, ob die Trauben für den Markt bestimmt gewesen seien.


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