«Ohne Ausländer ist die Versorgung nicht gewährleistet»

Kaum eine Branche stützt sich so stark auf ausländisches Personal ab wie das Gesundheitswesen. Das Ja zur Einwanderungsinitiative macht die Verantwortlichen nervös.

Ausländer und Schweizer schmeissen den Laden gemeinsam: Zwei Ärzte und ein Pfleger im Inselspital. (Archivfoto)

Ausländer und Schweizer schmeissen den Laden gemeinsam: Zwei Ärzte und ein Pfleger im Inselspital. (Archivfoto) Bild: Keystone

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Das Ja zur Einwanderungsinitiative wirft viele Fragen auf, doch eine Branche lässt es besonders ratlos zurück: Das Gesundheitswesen. Immer mehr Alte und Pflegebedürftige stehen hier immer weniger jungen Schweizern gegenüber, die einen Gesundheitsberuf ergreifen. Spitäler, Pflegeheime und Spitex-Dienste in der Schweiz stützen sich deshalb zu einem grossen Teil auf Arbeitnehmer aus dem Ausland ab. «Im Moment können wir ohne Ausländer die Grundversorgung nicht aufrechterhalten», sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin der Pflegefachfrauen und -männer.

Nicht weil sie bei der Stellenvergabe die Ausländer bevorzugen würden, sondern weil sich auf manche Stellen einfach kein Schweizer bewirbt. «Die Spitäler versuchen ihren Personalbedarf durch Schweizer zu decken, doch das gelingt uns nicht immer», sagt die Sprecherin vom Spitalverband H+, Dorit Djelid. «Gerade in Bereichen, die eine hohe Spezialisierung erfordern, wie der Intensivpflege oder der Anästhesie, ist es einfach schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden.»

Familiennachzug könnte zum Problem werden

Von der Zentralwäscherei bis zum Chefarzt, auf sämtlichen Ebenen sorgen deshalb Ausländer dafür, dass der Laden läuft. Die Personalchefs der Spitäler hoffen, dass Bund und Kantone bei der Vergabe von Kontingenten diesen Bedarf berücksichtigen. Noch ist allerdings alles andere als klar, wie die Einwanderungsinitiative umgesetzt werden wird. Es ist deshalb auch noch offen, welche bürokratischen Hürden auf die Spitäler zukommen. Dorit Djelid ist sich sicher, dass es noch schwieriger werden wird, Personal zu rekrutieren: «Schon nur allein durch den Inländervorrang wird der bürokratische Aufwand steigen.»

Der Zentralsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz, Michael Jordi, sieht noch weitere Schwierigkeiten auf die Spitäler zukommen: «Eine deutsche Ärztin oder Pflegende wird sich fragen, ob sie eine Schweizer Berufstätigkeit aufnehmen will, wenn ihre Zukunft hier offensichtlich unsicher ist. Umso mehr, als dass nicht klar ist, ob sie ihre Familie mitnehmen kann.» Der sich abzeichnende Personalmangel bedeute eine Einbusse nicht nur bei der Behandlungsqualität, sondern auch der Beziehung mit den Patienten.

Die demografischen Verschiebungen sind da

Der sich abzeichnende Mangel könnte nun den Rufen einzelner Berufsgruppen nach besseren Rahmenbedingungen mehr Gehör verschaffen, beispielsweise der Pflege. «Wir werden mit unseren Forderungen sicher nicht hinter dem Berg halten», sagt Yvonne Ribi. Brachliegendes Potenzial gebe es beispielsweise bei den vielen Frauen, die einst einen Pflegeberuf erlernt haben und nach der Babypause nie mehr wieder eingestiegen sind. Im Gesundheitswesen ist diese Aussteigerquote besonders hoch. «Hier muss die Vereinbarkeit des Berufs mit der Familie besser werden, beispielsweise durch 24-Stunden-Krippen oder mehr Möglichkeiten für Jobsharing», sagt Yvonne Ribi. Auch für die Löhne der Auszubildenden wolle man sich einsetzen.

Kann ein attraktiveres Berufsbild die aktuelle Situation tatsächlich entschärfen? Michael Jordi relativiert: «Auch wenn wir mehr in die Ausbildung investieren, auch wenn wir uns stärker anstrengen, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, einen grossen Teil der Stellen müssen wir weiterhin durch ausländisches Personal besetzen, denn die demografischen Verschiebungen sind einfach da.»

Erstellt: 12.02.2014, 19:04 Uhr

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