Ohne Gespür und Einsicht

SRF-Direktor Ruedi Matter will weitermachen, trotz aller Kritik.

Sieht sich offenbar als Teil der Lösung: SRF-Direktor Rudolf Matter. Bild: Reto Oeschger

Sieht sich offenbar als Teil der Lösung: SRF-Direktor Rudolf Matter. Bild: Reto Oeschger

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Eigentlich gibt es keinen besseren Moment für einen Rücktritt. Einen Triumph in der Tasche, ein hartes Sparprogramm vor Augen, nörgelnde Kritiker im Nacken – da bietet sich ein eleganter Abgang in Ehren geradezu an. Doch davon will Ruedi Matter nichts wissen. Der bald 65-jährige Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) lässt seit der siegreich geschlagenen No-Billag-Schlacht bei jeder Gelegenheit durchblicken, dass er keine Lust auf Abschied hat – fehlender Rückhalt hin, erreichtes Pensionsalter her.

Es gebe noch Projekte, die er erledigen wolle, kündigt Matter intern an. Er werde sich mit dem SRG-Verwaltungsrat und seinem Chef Gilles Marchand besprechen, verbreitet Matter auf Facebook. Stimmen beide zu, dann kann der erste Direktor in der Geschichte der SRG, der zugleich Radio und TV leitet, seinen Chefsessel behalten – maximal bis Oktober 2023. Denn mit 70 fällt auch für die hartnäckigsten Sesselkleber im SRG-Kader die Altersguillotine.

Die Mitarbeiter sehen Matter als Teil des SRG-Problems – er sich offenbar als Teil der Lösung.

Nun geht am Leutschenbach die Befürchtung um, dass sich Matters Vorgesetzte breitschlagen lassen. Denn der Baselbieter gilt als versierter Verkäufer in eigener Sache. Davon zeugt eine beachtliche Karriere: Aus dem Reporter bei der Basler «National-Zeitung» wurde erst der TV-Moderator von «Karussell» und «Tagesschau», dann der Chefredaktor von «Cash TV» und Redaktionsleiter des deutschen Nachrichtensenders n-TV, schliesslich der Chefredaktor und Abteilungschef Information von Radio DRS, ehe Matter dann 2011 als SRF-Superdirektor ganz oben ankam.

Zum Liebling seiner Mitarbeiter hat er es aber nie geschafft. In einer Umfrage straften ihn diese 2015 mit miesen Noten ab, weil er abgehoben, unnahbar, arrogant sei. Inzwischen ist die Sympathie für den Chef nicht gewachsen. Die Aussicht auf sein Bleiben sorgt intern jedenfalls für mächtig Ärger, wie die NZZ berichtete. Viele in der Belegschaft glauben, dass Matter mit seinen öffentlichen Auftritten ohne jede Einsicht und politisches Gespür dazu beigetragen hat, dass die SRG bei No Billag am Abgrund stand. Sie sehen Matter als Teil des SRG-Problems – er sich offenbar als Teil der Lösung.

Auch extern sind die Siegeschancen des studierten Historikers in einem Beliebtheitswettbewerb eher gering. Dem breiten Publikum ist sein Name wohl eh kein Begriff: «Ruedi wer?» Der verheiratete Vater dreier Kinder ist nie zum Gesicht der SRG geworden, zum Sympathieträger schon gar nicht. Er wirkt eher wie eine Art Johann Schneider-Ammann der SRG – ohne Charisma, hölzern, mundfaul. Ein Eindruck, der sich in der TV-Sendung «Hallo SRF!» verfestigte, in der Matter vergeblich um die Zuschauergunst warb. Das ist nicht die einzige Parallele zwischen den beiden: Der eine wie der andere kann einfach nicht loslassen – und niemand weiss so recht, warum.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 21:05 Uhr

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