Ohne Tagesheim werden Ferien zum Problem

Im Sommer sind die Tagesstrukturen geschlossen und die Kinder sind alleine zu Hause. Mütter kritisieren die Betreuungslücke.

Schul- und Kindergartenferien: Vor allem Alleinerziehenden wird in dieser Zeit viel abverlangt, weil die Kindertagesstätten geschlossen sind.

Schul- und Kindergartenferien: Vor allem Alleinerziehenden wird in dieser Zeit viel abverlangt, weil die Kindertagesstätten geschlossen sind. Bild: Keystone

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Sommerferien sind für Kristina Caceres Stresszeit und für ihre Kinder ebenso. Der 13-jährige Sohn und die achtjährige Tochter haben schulfrei und die alleinerziehende Mutter weiss nicht so recht, wohin mit ihnen. Die Sekretärin eines Heimes konnte nicht mehr als eine Woche Ferien nehmen. Während der Schulzeit geht die Tochter in die Kindertagesstätte (Kita). Doch jetzt hat die familienergänzende Kinderbetreuung geschlossen. «Eine Woche sind sie bei mir, eine Woche bei Papi, die restlichen vier Wochen muss ich improvisieren», sagt die 37-jährige Mutter. Mal schickt sie Tochter und Sohn zu Freunden, mal zu Verwandten. Manchmal sind ihre Kinder alleine zu Hause. Der Grosse schaut auf die Kleine. «Dann bekomm ich oft Anrufe ins Büro, die beiden streiten, weinen, und ich muss am Telefon schlichten», sagt Caceres.

Dasselbe Problem hat Sarah Musumeci (44), ebenfalls alleinerziehend. Zwei Wochen Ferien konnte die Pflegefachfrau bei der Spitex nehmen. Die Kita hat aber drei Wochen lang geschlossen. Wohin mit der siebenjährigen Tochter? Die Grosseltern sind im Ausland. «Zum Glück schaut eine Freundin von mir», sagt Musumeci, «aber es war ein langes Hin und her.»

Allein vor dem Fernseher

Samantha Fedeli sagt: «Ich kann nicht verstehen, dass die Kitas Betriebsferien machen müssen und die Tagesstrukturen geschlossen sind.» Die 41-jährige Anwältin bringt ihren Nachwuchs bei Gspänli unter, manchmal springt ihre Mutter ein. In ihrem Quartier, dem Neubad, hat es aber viele Eltern, die an einer Ladenkasse arbeiten und niemanden haben. «Deren Kinder sehe ich alleine vor dem Fernseher herumlungern», sagt Fedeli. «Es ist die Aufgabe des Kantons, dass er einspringt.»

Die meisten Kitas, die auch Plätze für Kinder im Vorschulalter haben, machen wochenweise Betriebsferien. Oft sprechen sich die Kitas aber ab, sodass die Eltern auf einen anderen Standort ausweichen können. Die Tagesstrukturen für Schulkinder sind an Kindergärten und Schulen angeschlossen und haben die ganzen Ferien zu. Claudia Magos, Leiterin Fachstelle Tagesstrukturen im Erziehungsdepartement, sieht aber kein Sommerloch bei der Betreuung: «Wir bieten als Ausweichsmöglichkeit Tagesferien an», sagt sie. Eltern können ihre Kinder wochenweise ins Tanztraining, zum Fussball ins Joggeli oder ins «lustige Nomadenleben» schicken. Geschlafen wird zu Hause. Jede Woche gibt es wechselnde Programme. Das Angebot gibt es auch im Herbst, Winter und Frühling.

Für Caceres ist das keine Option: «Meine Kinder wollen nicht in die Tagesferien, das ist ihnen zu anstrengend.» Sie bräuchten auch einmal Erholung, nicht immer nur Action. Ähnlich tönt es bei Fedeli: «Mein Sohn braucht eine lange Eingewöhnungszeit, bis er sich wohlfühlt», sagt sie, «wenn er jede Woche neue Kinder kennenlernt, ist ihm das zu viel.» Viel lieber wäre ihm, er könnte in die Kita, wo er während der Schulzeit den Mittagstisch besucht und das Haus, die Betreuerinnen und Kinder kennt. Für kleine Kinder sei der Wechsel von einem Angebot ins nächste anstrengend, sagt auch Magos von der Fachstelle Tagesstrukturen. Doch sie relativiert: «Die meisten Eltern sind nicht die ganzen sechs Wochen auf Betreuung durch Tagesferien angewiesen.»

Zu teuer und zu kurz

Organisiert werden die Tagesferien von Privaten, der Kanton vereinbart Leistungsvereinbarungen. Sie werden subventioniert mit Mitteln aus der Christoph Merian Stiftung. Die Eltern zahlen in der Regel einen Betrag zwischen 90 und 180 Franken pro Woche. Eine Evaluation im Jahr 2008 ergab, dass 85 Prozent der Eltern die Preise angemessen finden und sehr zufrieden sind mit dem Angebot. Sarah Musumeci aber sagt: «Ich kann mir nicht leisten, doppelt für die Kinderbetreuung zu zahlen.» Die Beiträge an die Kita muss sie nämlich auch während der Schulferien entrichten. Auch zeitlich bringen Musumeci die Tagesferien nichts. Die Eltern können ihre Kinder frühestens um 8 Uhr bringen und müssen sie spätestens um 18 Uhr abholen. «Ich beginne aber schon um 7.15 Uhr zu arbeiten», sagt die Mutter. Die Kinderferienstadt der Robi-Spiel-Aktionen ist keine Entlastung, sie findet jeweils nur am Nachmittag statt. Der Ferienpass bietet tageweise Programme für Kinder und neu auch Betreuung von 7.45 bis 9.45 Uhr und 16 bis 18 Uhr an.

Erstellt: 02.07.2012, 09:04 Uhr

Petition für bessere Kinderbetreuung

Mitte Juni haben Basler Eltern eine Petition eingereicht. In drei Wochen hatten sie 888 Unterschriften gesammelt. Sie fordern Regierung und Parlament auf, auch während der Schulferien Kinderbetreuung anzubieten. Die Tagesferien, die der Kanton als Ergänzung zu den geschlossenen Kindertagesstätten und Tagesstrukturen preise, seien «ein gutes Angebot», sagt Dinah Zanetti, Mutter und Mitpetentin. Es reiche aber nicht, um alle sechs Ferienwochen abzudecken

Die Petition fordert zudem genügend Betreuungsplätze, auch in Randzeiten, mehr qualifiziertes Personal und eine Stelle, die Angebot und Nachfrage koordiniert. Zanetti kritisiert, Basel lobe sich, fortschrittlich zu sein bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. «Doch die Regierung macht Bedürfnisabklärung, ohne die Familien zu fragen.» Die Petitionskommission wird nach der Sommerpause darüber beraten.

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