Hintergrund

Ist Ohrlochstechen Körperverletzung?

Die Schweizer Kinderärzte warnen davor, Kindern unter fünf Jahren Ohrlöcher zu stechen.

In der Schweiz kaum möglich: Eine Mutter lässt ihrem Kleinkind ein Ohrloch stechen.

In der Schweiz kaum möglich: Eine Mutter lässt ihrem Kleinkind ein Ohrloch stechen. Bild: flickr/Alexandratx

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Das Gesicht ist schmerzverzerrt, ein Schrei ertönt, Tränen kullern. Zwei Frauen haben einem kleinen Mädchen mit einer pistolenähnlichen Maschine soeben zwei Ohrlöcher gestochen. Die Szene stammt aus einem Film auf Youtube unter dem Titel «Kylie’s Ear Piercing Trauma». Der Streifen wurde über 1,7 Millionen Mal angeklickt.

Er wirft die Frage auf, inwieweit das Ohrlochstechen eine rechtswidrige Körperverletzung darstellt. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland, hat es in der Sonntagsausgabe der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» als «teilweise abenteuerlich» beschrieben, was Kindern bereits im Säuglingsalter zugemutet werde. Das Loch im Ohrläppchen sei eine irreversible Schädigung, da es nicht mehr zuwachse. Der Deutsche Kinderschutzbund rät vom Ohrlochstechen ab, selbst wenn ein Kind dies wünsche.

Nach der jüngst aufgeflammten Kontroverse um die religiös motivierte Knabenbeschneidung keimt damit erneut eine Debatte auf um das Recht von Kindern auf körperliche Unversehrtheit. Rolf Temperli, Co-Präsident bei Kinderärzte Schweiz, dem Verband der Kinder- und Jugendärzte, zeigt sich darüber nicht erstaunt. Auch wenn es sich beim Ohrlochstechen in den Augen vieler um eine Banalität handle: «Die rechtliche Diskussion ist eine andere.»

Debatte nach Zivilprozess

Befeuert wird die Debatte durch einen Fall, in dem es um ein missglücktes Ohrlochstechen bei einem dreijährigen Mädchen ging. Der Zivilprozess, verhandelt vor dem Amtsgericht Berlin-Lichtenberg, endete letzten Freitag mit einem Vergleich. Der Richter erwog jedoch, die Strafgerichte einzuschalten, weil es sich beim Ohrlochstechen möglicherweise um eine rechtswidrige Körperverletzung handle.

Dabei bezog er sich ausdrücklich auf das Ende Juni gefällte Urteil des Kölner Landgerichts, das religiös motivierte Beschneidung als strafbare Körperverletzung taxiert hatte. Als Reaktion darauf sistierte das Kinderspital Zürich die medizinisch nicht notwendigen Beschneidungen von Knaben – ein umstrittener Entscheid, den es im August rückgängig machte.

Nicht auf derselben Stufe wie Beschneidung

Beim Ohrlochstechen handelt es sich laut Temperli um einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Kindes, da es nicht notwendig sei, Schmerzen bereite und überdies ein – wenn auch geringes – Komplikationsrisiko aufweise. Auf dieselbe Stufe wie die Beschneidung möchte Temperli das Ohrlochstechen nicht stellen.

Eine Ansicht, die Babs Keller-Haller vom Verband Schweizerischer Berufstätowierer teilt. Es handle sich um eine Massnahme, «die Körperschmuck ermöglicht». Die Stiftung Kinderschutz Schweiz hält fest, Kinder seien eigene Rechtssubjekte und hätten nicht die Schönheitsvorstellungen der Eltern zu befriedigen, wie es bei Ohrsteckern oft der Fall sei. Verboten steht die Stiftung aber skeptisch gegenüber.

Rolf Temperli empfiehlt, den Eingriff erst vorzunehmen, wenn das Kind seinen Willen eindeutig zum Ausdruck bringen kann, also im Alter von fünf oder sechs Jahren. Dies entspreche den hiesigen Gepflogenheiten. Anders etwa in Südamerika, wo Mädchen kurz nach der Geburt Ohrlöcher erhalten. Temperli, dessen Tochter in Peru zur Welt kam, konnte den Eingriff bei ihr nur «mit grösster Mühe» verhindern.

Altersgrenzen in Schmuckläden

Ohrlöcher werden in der Regel in Schmuckgeschäften geschossen. Der Verband Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte konnte gestern nicht darlegen, ob er Richtlinien dazu erlassen hat. Eine Umfrage des TA legt jedoch eine gewisse Sensibilisierung nahe. Beim Juwelier Kurz in Zürich etwa gilt eine Altersgrenze von sieben Jahren. Die Kinder müssen zudem in Begleitung ihrer Eltern sein, wie eine Verkaufsberaterin sagt. Es komme zwar vor, dass Eltern dreijährigen Kindern oder gar Säuglingen ein Ohrloch machen lassen wollten. Diese Anfragen lehne man aber ab.

Auch die Politik beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Eingriffe an nicht einwilligungsfähigen Menschen wie Kleinkindern zulässig sind. SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr will eine Diskussion anregen – mit einem Vorstoss zur Knabenbeschneidung. Eine Ausdehnung der Debatte auf das Ohrlochschiessen fände Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne, SG) deplatziert. Es gebe, sagt die Ärztin, weit gravierendere Probleme. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2012, 08:58 Uhr

«Kylie’s Ear Piercing Trauma»

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