Olten geht es schlecht

Jahrelang profitierte die Stadt im Kanton Solothurn von den Millionen der Alpiq. Auch als deren Gewinne dahinschmolzen, gaben die Behörden weiter viel Geld aus. Und heute? Drama in der Kleinstadt.

Holzbrücke in Olten mit Sicht auf den Sitz der Alpiq. Bis sich die Stadt finanziell erholt hat, wird noch viel Wasser die Aare hinabfliessen. Foto: Reto Oeschger

Holzbrücke in Olten mit Sicht auf den Sitz der Alpiq. Bis sich die Stadt finanziell erholt hat, wird noch viel Wasser die Aare hinabfliessen. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es wird nicht mehr gratis gestorben in Olten. Nicht mal mehr das. Jahrelang bezahlte die Stadt ihren Einwohnern einen grosszügigen Beitrag an die Bestattungskosten, über 500 Franken (fast 700 Franken, wenn ausserhalb der Bürozeiten gestorben wurde), zusätzliche Gebühren wurden nicht erhoben. Seit der Revision des «Reglements über das Bestattungs- und Friedhofswesen der Einwohnergemeinde der Stadt Olten» ist es vorbei mit der Grosszügigkeit. Benützung des Aufbahrungsraumes (pro Tag): 60 Franken. Organist: 85 Franken. Kremation: 250 Franken. Erdbestattung: 500 Franken. Schriftplatte (Miete für 20 Jahre): 75 Franken. Gesamtersparnis für die Stadt Olten: 326'000 Franken pro Jahr.

Mit dem Sterben hört es nicht auf. Die Badi ist teurer geworden, Parkplätze kosten plötzlich, die Öffnungszeiten der Museen und Amtsstellen wurden verkürzt, Schulen fahren ein Minimalprogramm («Es gilt der Grundsatz: Shutdown», hiess es einmal in einem Brief an die Eltern), die Stadtpolizei – immerhin 25 Stellen – wurde aufgelöst, und die Steuern sind gestiegen – wenngleich sehr moderat: Die Mehrheit im Stadtparlament ist bürgerlich.

Olten geht es schlecht. Olten muss sparen. So wie viele Städte in der Schweiz: In Winterthur werden im grossen Stil Stellen weggekürzt, in Zug hat das Parlament eben erst ein Sparpaket beschlossen, und in Luzern weiss man schon gar nicht mehr, wie das damals war, als man nicht jedes Jahr ein Defizit verkünden musste.

Aber Olten ist anders. Die Fallhöhe macht den Unterschied. Olten, das war mal eine wichtige Stadt, im 19. Jahrhundert von zentraler Bedeutung für das Land. Das Bahnhofsbuffet der Mittelpunkt der Schweiz. Hier wurden der Alpen-Club gegründet (1863), der Gewerkschaftsbund (1880), die FDP (1894), der Fussballverband (1895). Hier wurde Geschichte geschrieben.

«Früecher hets öppis golte»

Es folgten 100 Jahre Niedergang. Olten wurde die «Verkannte», zum Ort, «den wir in rascher Fahrt stets überholten», wie ein ehemaliger Stadtammann dichtete. «Uuh . . . Olte. Früecher hets öppis golte, Olte», sang Stiller Has und festigte damit ein Bild der Stadt, das sich wie der Nebel vor dem Belchentunnel nicht mehr auflösen wollte. Olten, der graue Ort des Mittellands und des Mittelmasses. Von der restlichen Schweiz belächelt und höchstens noch bekannt für den längsten Strassenstrich der Nation. Das hat Spuren hinterlassen, auf beiden Seiten. Alex Capus, Bestsellerautor und neben Pedro Lenz (der stammt allerdings aus Langenthal, das zählt nur halb) der berühmteste Oltner (Mike Müller hat es schon längst und wie so viele nach Zürich gezogen), reagiert auf eine erste Anfrage für einen Gesprächs­termin skeptisch. «Ganz offen gesprochen: Wenn Zürcher über Olten schreiben, TV-Filme oder Radiosendungen machen, hat das fast immer von Beginn weg etwas herablassend-verwundert Gönnerhaftes.»

Dabei ist der Anlass, um über Olten zu schreiben, zuerst ein erfreulicher. Denn Olten hatte vor ein paar Jahren endlich wieder Glück, zeigte Aufwärtstendenzen. Das Glück hiess Alpiq, und es war golden: Millionen und Abermillionen spülte der Energiekonzern mit Sitz in Olten im vergangenen Jahrzehnt in die Stadtkassen. «Wir hatten gute, wir hatten sehr gute Jahre», sagt der Freisinnige Ernst Zingg, 16 Jahre lang Oltner Stadtpräsident. Reserven angehäuft, Steuern gesenkt, Schulden bezahlt, die Fachhochschule und eine Umfahrungsstrasse gebaut, alle Schulhäuser und das Stadttheater renoviert. «Das konnten wir quasi cash bezahlen», sagt Zingg. In den besten Jahren lieferte die Alpiq mehr Steuern ab als alle Einwohner der Stadt zusammen, bis zu 30 Millionen Franken. «Es war ein Klumpenglück», sagt Zingg. «Und dann hat es sich in ein Klumpen­risiko verwandelt.»

Erste Anzeichen dafür gab es 2011. Der starke Franken und die einbrechenden Strompreise waren Gift für die Alpiq, der Gewinn schmolz dahin. Die Signale waren offensichtlich, aber die Behörden wollten nichts hören. «Wegen der regelmässigen Überschüsse und Steuerboni wollten viele es einfach nicht wahrhaben. Dabei haben wir im Parlament deutlich gewarnt, einfach weiter die Steuer zu senken», sagt Markus Ammann, damals für die SP im Stadtparlament. Doch die goldenen Zeiten sollten nicht aufhören, durften nicht aufhören. Für das Jahr 2012 budgetierte die Stadt einen Überschuss und plante, noch einmal 28 Millionen zu investieren – Geld, das nicht mehr vorhanden war.

Es nahm ein böses Ende. 51 Millionen Franken Steuern hatte die Stadt 2010 von juristischen Personen eingenommen, zwei Jahre später waren es noch 15 Millionen. In seiner Verzweiflung schönte der Stadtrat die Rechnung, um die fehlenden Einnahmen zu kaschieren. Ein juristisch zulässiges Vorgehen, wie ein vom Stadtparlament in Auftrag gegebenes Gutachten der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften vor zwei Wochen festgestellt hat (ein Bericht der Geschäftsprüfungskommission kam schon früher zum gleichen Ergebnis), kommunikativ aber äusserst fragwürdig. Die tatsächliche finanzielle Lage der Stadt sei nur ungenügend vermittelt worden, hält das Gutachten fest.

Das räumt heute auch Zingg ein. Man hätte die Probleme besser kommunizieren können, sollen, müssen. «Aber ich sage Ihnen: Unrechtes hat der Zingg nichts getan.» 2013 trat der Stadtpräsident nach 16 Jahren im Amt zurück, die Häme war gross. Vom «Schettino von Olten» sangen sie an der Fasnacht, und ging seine Frau zum Einkaufen in die Stadt, bekam sie blöde Sprüche zu hören. «Der Respekt ist in unserer Gesellschaft völlig verloren gegangen.» Er empfinde dies als grosse Undankbarkeit, sagt der ehemalige Stadtpräsident. «Alles, was der Zingg in den 16 Jahren für die Stadt gemacht hat, wird vergessen und unter dem Finanzschlamassel subsumiert. Das ist nicht fair.»

Die guten Freunde

Zingg sucht seine Anerkennung heute anderswo. Im Dezember wurde er zum Präsidenten des kantonalen Parlaments gewählt, für ein Jahr ist er nun höchster Solothurner. Seine Heimatstadt weigerte sich, einen Beitrag an das traditionelle Fest für den Kantonsratspräsidenten zu sprechen – mit Verweis auf die schlechte Finanzlage. «Dann mach ich das Fest halt selber», sagte Zingg trotzig. Wenig später wurde bekannt, dass zumindest die Städtischen Betriebe Olten (SBO), ein öffentlich-rechtliches Unternehmen der Einwohnergemeinde, die Feier mit 5000 Franken unterstützen wollten. Verwaltungsratspräsident der SBO: der Zingg. Er verstehe die Aufregung nicht, sei er doch bei dem Entscheid in den Ausstand getreten. Die Feier sei im Übrigen ein «wunderbarer Abend» gewesen. Für sein Image war der Abend indes weniger wunderbar.

Ganz ähnlich ergeht es Benvenuto Savoldelli. Er wurde 2013 für die FDP in die Stadtregierung gewählt und übernahm die Finanzdirektion. Die miserable Lage der städtischen Finanzen habe seine «schlimmsten Albträume» übertroffen, erzählte Savoldelli vor ein paar Monaten der NZZ. Er wiederholt den Satz in seinem Büro in der Oltner Altstadt, beste Lage, die Holzbrücke über die Aare ist nur ein paar Schritte entfernt. Savoldelli hat Blätter mit Grafiken und Tabellen vor sich, er ist der Mann, der die Oltner Finanzmisere beenden soll. Der Finanzdirektor redet von Opfersymmetrie, vom neuen kantonalen Finanzausgleich, der ab 2016 all die Einsparungen wieder auffressen wird, und er redet von den zwei verpassten Jahren, als man in schlechten Zeiten an das Gute glaubte. Vielen in der Stadt sei immer noch nicht bewusst, wie es um Olten eigentlich stehe. Er selber wollte mit gutem Beispiel vorangehen und kündigte an, seinen Lohn als Finanzdirektor um 10 Prozent zu kürzen. Doch seine nebenamtlichen Kollegen wollten nicht, und dann hat auch Savoldelli verzichtet.

Olten habe ein mentales Problem, sagt Savoldelli in seinem schmucken Büro. Man habe auf hohem Niveau gelebt, und das sei nun vergessen. «Es wird viel zu viel geklönt.» In einem Interview mit einer lokalen Zeitung hat der Oltner Finanzdirektor kürzlich ein anderes Bild gebraucht, um den gleichen Sachverhalt zu beschreiben. «Es hat noch Saft in der Zitrone», hat er dem Journalisten gesagt und damit die finanzielle Situation von Olten gemeint. Das war kurz nach der Volksabstimmung über den neuen Beitrag der Stadt an die Sportpark AG, die das Eisstadion in Olten betreibt. Es fliessen immer noch jährlich 700'000 Franken an die Betreiber und die Eissportvereine. Darunter auch der EHC Olten, dessen erste Mannschaft rund 40'000 Franken von diesem Geld erhält. Verwaltungsratspräsident des EHCO: Benvenuto Savoldelli.

Alex Capus muss lachen, als er die Geschichte von Savoldelli und dem Geld für den EHCO erzählt. Er hat sich dann doch noch überzeugen lassen, den Journalisten aus Zürich zu treffen, und lässt aus der silbernen Maschine in seiner Galicia Bar einen Espresso heraus. Seit zwei Jahren betreibt er die Bar hinter dem Bahnhof im raueren Teil der Stadt, sie sei sein Beitrag als «Citoyen» ans Gemeinwesen. Auf Subventionen der Stadt verzichtet er bewusst. «Ich will nicht einem Gremium von Sekundarlehrern erklären müssen, was ich hier drin unter Kultur verstehe.» Capus ist ein engagierter Bürger, ein lauter Bürger. Zweieinhalb Jahre war er Präsident der SP Olten, just während der goldenen Jahre der Stadt. «Leider hat man die Phase der finanziellen Prosperität nicht genutzt, um wirklich etwas zu schaffen. Man hat keinen Mut gehabt, keinen Mut zur Grösse.»

Es scheint die Sonne

Das Geld der Alpiq erinnert Capus an den «Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt. Da fliessen die Millionen, und man schaut nicht genauer hin, nimmt sie für gottgegeben, will nichts sehen, nichts hören, nichts tun. Und so geht es immer weiter. Seit 2011 fehlt der Stadt das Geld, und jeder wisse, was zu unternehmen wäre: Ausgaben runter, Einnahmen rauf. Stattdessen wird nur an den Gebühren geschraubt, und so trifft es die, die es schon schwer genug haben. «Die Bürgerlichen wehren sich standhaft gegen jede Steuererhöhung.» Das Beharrungsvermögen des Systems sei kaum zu durchbrechen. «Das mussten wir lernen – wie alle Generationen vor uns.» Mit genügend Druck – das nimmt der Schriftsteller aus seiner Zeit in der Politik und als Mitglied einer «aktiven und fröhlichen Minderheit» mit – würde sich das System, einer gallertartigen Masse gleich, tatsächlich bewegen. Aber sobald der Druck auch nur ein kleines Stückchen nachlasse, fliesse alles wieder zurück.

Capus erzählt das alles in einem heiteren Ton. Er hält nichts vom zelebrierten Leiden an Olten, vom Unmut in der Kleinstadt. Selbst jetzt nicht, da das Geld fehlt. Über einen längeren Horizont betrachtet, sei das Leben im Städtchen heute so gut wie noch nie. Eine aktive Kulturszene, viele Beizen, ein lebendiger und wachsender Stadtteil hinter dem Bahnhof, aktive Junge, die Fachhochschule, die sich zu einem echten Campus entwickelt habe, das Bekenntnis der SBB zum Standort: «Wir leben gut hier.» Selbst der Nebel, selbst der ewige Nebel, sei kein Problem mehr, seit die Schwerindustrie die Luft nicht mehr verpeste. Der Schriftsteller hat recht. Zumindest heute scheint die Sonne über Olten tatsächlich. Für einmal.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.04.2015, 07:10 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ein bisschen wie in Rio: Anlässlich des Blumenkarnivals ziehen die gefiederten Tänzerinnen einer spanischen Gruppe durch die Strassen von Debrecen, Ungarn. (20. August 2017)
(Bild: Zsolt Czegledi/EPA) Mehr...