Operation Duro: Rentner legen massive Probleme im VBS offen

Drei ehemalige Offiziere wollen die Wahrheit über die 558 Millionen Franken teure Sanierung der Geländewagen ans Licht bringen. Das VBS gerät unter Druck.

Bis heute sind erst 215 der sanierten geländegängigen Transporter bei der Armee eingetroffen: Fahrzeug einer Drohneneinheit auf der Seewlialp. Foto: Fabian Biasio

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Eigentlich schien diese Geschichte längst erledigt. Vor fast vier Jahren erklärte das Verteidigungsdepartement (VBS), dass die Armee 2220 Duro-Geländewagen sanieren will. Und zwar für sehr viel Geld. Total 558 Millionen Franken oder netto knapp 200'000 Franken pro Lastwagen. Die Summe würde für fabrikneue Fahrzeuge reichen.

Kein Wunder, gab es eine Kontroverse. Doch nach einigem Hin und Her sprach das Parlament im März 2016 den Kredit. Sache abgeschlossen, dachte man in Bern.

Im Aargau jedoch fassten Roland Schmid, Richard Fischer und Reiny Buhl, drei Rentner und ehemalige Offiziere, einen Plan. Sie gründeten das Bürgerforum Duro-Millionen. Ziel: die Wahrheit über die Duro-Sanierung ans Licht bringen, dieses in ihren Augen überrissene Armeegeschäft.

Sie fürchten um den Ruf der Armee (v. l.): Richard Fischer, Reiny Buhl und Roland Schmid.

Seither liefern sie sich ein ungleiches Duell mit dem Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) und der Duro-Herstellerin Mowag im Thurgau, die zum US-Konzern General Dynamics gehört. «Da stinkt etwas zum Himmel», sagten sie diesen Sommer bei einem Treffen mit der Redaktion Tamedia im Bahnhofbuffet Olten.

Mittlerweile haben sich die drei Rentner – allesamt ehemalige Unternehmer – unzählige Male getroffen. Sie haben Hunderte Arbeitsstunden investiert, eine Website aufgeschaltet und sich umfangreich dokumentiert. Die Herausgabe der ursprünglichen Mowag-Offerte aus dem Jahr 2014 haben sie per Öffentlichkeitsgesetz erzwungen. Auch eine nicht öffentliche Liste, mit der die Mowag 2016 den Ständeräten das Geschäft schmackhaft machte, liegt auf dem Kaffeetischchen in Olten.

Die Mowag setzte damals auf das Argument der Industrieförderung: 170 Firmen in 20 Kantonen sollten laut dem Papier von Aufträgen profitieren und damit Arbeit im Inland garantieren. Die Liste hatte im Parlament viel Gewicht. Kaum war sie im Umlauf, begann die Stimmung zugunsten der Sanierung zu kippen.

Die angekündigte PR-Aktion entpuppt sich als Rohrkrepierer: Arbeiten an Bremsscheiben eines Duro. Foto: Stefan Tschanz (VBS)

Das Bürgerforum bombardiert bis heute unermüdlich ins Geschäft involvierte Firmen, Bundesstellen und Parlamentarier mit Protestschreiben und Nachfragen. Dessen Mission fasst Roland Schmid so zusammen: «Wir müssen Gegenschub gegen diese Mauschelei geben.» Sonst kehre das Vertrauen in das Beschaffungswesen der Armee nie zurück.

Doch Armasuisse und die Mowag sind nicht irgendwelche Gegner. Diesen Sommer holen sie zum Befreiungsschlag aus. Ende Juli versendet die Rüstungsbehörde des Bundes ein Communiqué mit scheinbar guten Nachrichten: Von den 2220 Duros seien nun die ersten 40 bei der Truppe. Und: Noch vor Ende Jahr werde man die Medien in Schweizer Industriebetriebe einladen, die vom militärischen Grossauftrag profitieren. Auch dem Kollektiv Duro-Millionen stellt man eine Teilnahme in Aussicht. Das Rüstungsamt will die Medien, die Bevölkerung und nicht zuletzt Roland Schmid, Richard Fischer und Reiny Buhl überzeugen: Das viele Geld für den Duro sei gut investiert.


Video: Polizei rüstet auf – mit Armeefahrzeugen

Gepanzerte Duro-Lastwagen für die Kantonspolizei Zürich: Ein Promotionsvideo der Herstellerfirma zeigt Einsatzmöglichkeiten. Video: Tamedia


Doch jetzt entpuppt sich die angekündigte PR-Aktion als Rohrkrepierer: Die im Juli versprochenen Betriebsbesichtigungen wurden inzwischen vertagt. Die Medienanlässe fänden erst 2019 statt, bestätigt Armasuisse auf Anfrage – ohne ein Datum nennen zu können.

Auf Nachforschungen der Redaktion Tamedia rückt die Mowag mit den Gründen heraus: Ausgerechnet der Lieferant der neuen Duro-Motoren – einer der wichtigsten Zulieferer – habe Probleme. Dem Vernehmen nach steckt die Firma in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten, ihr eigenständiges Weiterbestehen ist möglicherweise infrage gestellt. Die Mowag wollte diese Probleme unter dem Deckel halten. Erst unter dem Druck der Redaktion Tamedia ging der Betrieb am Mittwochabend mit einem Communiqué in die Offensive und informierte über die Lieferprobleme.

Bis heute sind erst 215 Duros bei der Armee eingetroffen. Der Rückstand auf den Fahrplan beträgt laut Armasuisse drei Monate. Bei der Mowag gibt man sich zuversichtlich, dass man diesen aufholen kann. Das letzte Fahrzeug werde wie geplant im Mai 2022 ausgeliefert, verspricht CEO Oliver Dürr.

Noch grösser ist der Produktionsrückstand allerdings, wenn man ihn mit der ursprünglichen Offerte der Mowag vom November 2014 vergleicht. Gemäss dieser sollten inzwischen schon rund 600 Fahrzeuge bei der Truppe sein. Dies ist laut Armasuisse aber nicht mehr massgebend; in den unterzeichneten Verträgen seien die Lieferfristen grosszügiger ausgelegt.

«Sie wissen alles besser.»Alex Kuprecht, Ständerat (SVP, SZ), über das Duro-Kollektiv

Einer, der sich auch durch die neusten Probleme nicht beirren lässt, ist der Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht. Er setzte sich schon im Parlament vehement für die Werterhaltung der Fahrzeuge ein, obwohl die Stückkosten sogar den ursprünglichen Anschaffungspreis der Duros übersteigen. Und Kuprecht berief sich im Ständerat explizit auf die Liste mit den Aufträgen für die heimische Industrie. Dass es bei der Sanierung eine Verzögerung gebe, sei zwar bedauerlich, sagt Kuprecht. «Erfreulich ist aber, dass keiner der Schweizer Lieferanten verantwortlich ist.»

Wegen seiner klaren Position geriet Kuprecht ins Visier des Bürgerforums. In letzter Zeit allerdings mochte er die Mails von dort nicht mehr beantworten. «Das sind Leute, die trotz umfangreichen zusätzlichen Informationen alles besser wissen», sagt Kuprecht über das Duro-Kollektiv. Ihr Argument, statt den Duro zu modernisieren, hätte man auch einen serienmässigen Iveco oder Mercedes kaufen können, sei unhaltbar. «Solche Fahrzeuge sind weder armee- noch geländetauglich», sagt Kuprecht.

Diente die Liste nur als Lockvogel für die Politiker?

Keine Mühe hat Kuprecht damit, dass die Liste, mit der er im Rat warb, heute überholt ist: Eine Firma in Schwyz, Kuprechts Kanton, erhält einen Auftrag in Millionenhöhe – der in diesem Umfang nicht auf der Liste stand. Herausgefunden haben auch dies die hartnäckig recherchierenden Aargauer.

Bund und Industrie haben nicht genug getan, um die Kritik der drei ehemaligen Offiziere zu entkräften. Foto: Philipp Schmidli (VBS)

War die Liste, die im Parlament kursierte, also nur provisorisch? Lediglich ein Lockvogel für die Politiker? Mowag-CEO Dürr beschwichtigt: Es sei kein Widerspruch, dass die Schwyzer Firma auf der ursprünglichen Liste nicht aufgeführt gewesen sei. Man habe die Lieferkette für das Duro-Geschäft erst nach dem Parlamentsentscheid bereinigt. Mehrere Zulieferer wie das Schwyzer Unternehmen seien nachträglich dazugekommen. Andere Unterlieferanten seien bei Zwischenlieferanten «gebündelt» worden, sagt Dürr.

Er versichert zudem, dass die Verschiebungen nichts an den gemachten Versprechen ändern: 170 Schweizer Firmen kämen mit Aufträgen im Wert von über 193 Millionen Franken zum Zug. Anders als 2016 gegenüber den Ständeräten mag Dürr diese Aussagen heute aber nicht mit einer Liste belegen, sagt er. Dies würde in der Öffentlichkeit «nur neue Verwirrung stiften». Armasuisse liefert die Angaben ebenfalls nicht und verweist an die Mowag.

Schlaflose Nächte bei der Mowag

Beim Bürgerforum Duro-Millionen löst dieses Hin und Her bestenfalls ein müdes Schulterzucken aus. Dass sie sogar einmal direkt vom Mowag-Management im Thurgauer Werk in Kreuzlingen empfangen worden waren, machte ihnen ebenfalls wenig Eindruck. Eingefädelt habe das Treffen der Thurgauer SVP-Ständerat Roland Eberle.

«Der Mowag-CEO meinte bei diesem Treffen, wir hätten ihm ein paar schlaflose Nächte beschert», erinnert sich Roland Schmid an den Besuch in Kreuzlingen. Damit sei es ja wohl nicht getan: «Warum zum Teufel stehen die Verantwortlichen nicht dazu, wenn etwas falsch läuft?», fragt er. Die drei Armeefreunde aus dem Aargau bleiben misstrauisch.

Sie mögen manchmal zu Verschwörungstheorien neigen. Doch die andere Seite, der Bund und die Industrie, hat bisher nicht genug getan, um die Kritik der drei ehemaligen Offiziere zu entkräften. Sie seien ja auch nicht Gegner der Mowag; was sie störe, sei das intransparente Vorgehen, sagen die drei Herren am Tischchen in Olten.

Und auch das nächste Grossgeschäft der Armee erfüllt sie mit Sorge: Das Debakel um den Duro lasse nichts Gutes erahnen, wenn es demnächst darum gehe, neue Kampfflieger zu beschaffen. Den Versprechen des aktuellen Verteidigungsministers Guy Parmelin (SVP), für mehr Transparenz zu sorgen, trauen sie jedenfalls nicht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.11.2018, 06:20 Uhr

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