Operation Libero vs. «No Billag»: Wer bombt hier was weg?

Man bekommt richtig Lust zum Draufdrücken und Explodierenlassen. Aber aufgepasst! Diese Botschaft ist selber Dynamit.

Mit einer schwierigen visuellen Botschaft gegen «No Billag»: Operation Libero startet Kampagne.

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Graue Säulen ragen in die Höhe wie bei einem antiken Tempel; die vorderste Säule ist mit «Medien» angeschrieben, darum herum sind rotbunte Dynamitstäbe festgezurrt, deren Zündschnur zu einem Zünder führt, der auf einem Sockel steht aus heimeligem Holz. Man bekommt richtig Lust zum Draufdrücken und Explodierenlassen. Weg mit dem alten Zeug. Schluss mit der Bürokratie. Nieder mit dieser kalten Herrschaft.

So kommt einem die Botschaft des Plakats vor, und man denkt: Diese Initianten der No-Billag-Initiative wissen offensichtlich, wie man so etwas illustriert. Sie kennen die Wirkung nonverbaler Signale, die das Unbewusste infiltrieren – dort, wo die Vorurteile sitzen, das Unbehagen, die Wut. Und der Wunsch nach Handeln, Zurückschlagen. Die Antiminarettinitiative zielte auf die Minarette und meinte den Islam. Die No-Billag-Initiative zielt auf die SRG und meint den Staat. Beide werden als dermassen gross dargestellt, dass sie den Bürger klein werden lassen.Genau das suggeriert dieses Plakat: einen Aufstand der Kleinen gegen die Übermacht der Grossen.

Der Staat beziehungsweise die Schweizer Demokratie werden als graues Verwaltungsgebäude dargestellt, so etwas wie ein über allem stehendes, kafkaesk anmutendes Gericht. Dagegen hilft offenbar nur Dynamit, die Sprengladung von Aufständischen, die ihre Attacke als Widerstand gegen eine zerstörerische Macht verstehen. Das Plakat symbolisiert den Anschlag einer Guerillatruppe, mentalitätsmässig den Galliern im Dorf von Asterix verwandt, in ihrem Übermut ebenso frech wie damals die «Gruppe für eine Schweiz ohne Armee», die ebenfalls gegen eine Übermacht angetreten war und die Armee dezimierte, ohne die Abstimmung gewinnen zu müssen. Selbst wer die wahren Folgen der Initiative durchschaut, wird anerkennen: gut gemacht, dieses Plakat, wirklich.

Kommt nicht von Befürwortern: Das missverständliche Plakat gegen die No-Billag-Initiative. Foto: Keystone

Das Problem ist nur: Das Plakat beabsichtigt das Gegenteil der Botschaft, die es suggeriert. Es wirbt nicht für die Initiative, sondern gegen sie. Lanciert haben das Plakat nämlich Mitglieder der jungen, in mehreren Abstimmungen erfolgreich agierenden Bewegung Operation Libero. Mit ihrer Kampagne und dem dazugehörigen Plakat wollen sie die No-Billag-Initiative «mit aller Kraft» bekämpfen, wie sie am Dienstag sagten. Denn sie interpretieren die Initiative als «Anschlag auf die Demokratie», weshalb sie ein Crowdfunding lanciert haben. Die Mitglieder von Operation Libero, sagte Laura Zimmermann im Namen ihres Vereins, verstünden sich als Verfassungspatrioten. Und bei dieser Abstimmung gehe es um nichts weniger als um das verfassungsmässige Recht auf Information.


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Sie hat recht. Es geht bei dieser Abstimmung um das Recht auf Information auch für jene, die ohne eine funktionierende SRG zu wenig informiert wären, weil sie in abgelegenen Regionen leben oder einer Minderheit angehören. Es geht um das Recht auf Information mithilfe von Radio- und Fernsehsendern, die ihre Inhalte nicht über die Erregung definieren müssen, die sie auslösen, weil sie nämlich von keiner Quote abhängen. Es geht um das Recht auf eine Information, die nicht auf die Werbung achtet, die sie vor und nach der jeweiligen Sendung bekommt, sondern auf die Relevanz dazwischen.

Es geht mit anderen Worten um den Austausch darüber, was wir bis heute, mangels Alternativen, unter dem pathetischen, ältlich klingenden Begriff der «Willensnation» verstehen. Wir halten zusammen, weil wir das so wollen.

Warten, bis die Bombe fällt

Auch ist die Demokratie kein antikes Gebäude, wie das Plakat suggeriert, das zwar von Menschen erbaut wurde, aber keine Menschen beherbergt. Demokratie ist ein Organismus, ständig in Bewegung, wachsend, sich entwickelnd. Um diese Prozesse abzubilden, braucht es Medien, die stark genug sind, um unabhängig zu bleiben.

Auch sind die Befürworter von «No Billag», diese Abschaffer der SRG, keine Guerilleros im Unterholz des Widerstands. Sondern Leute mit enorm viel Geld und eigener Agenda. Der Bekannteste davon heisst Christoph Blocher – und er will die Schweiz umbauen. Ginge es nach ihm und den Initianten, muss die SRG geschleift werden, weil sie zu stark ist. Ohne sie werden aber andere stark, die das Recht auf Information sehr selektiv auslegen. Die No-Billag-Initiative ist keine Kollektion von Dynamitstäben, die ein Haus beschädigen; sie ist eine Bombe, die auf das ganze Land fällt.


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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 19:27 Uhr

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