Operation Ventilklausel

Morgen tagt der Bundesrat zur Frage, ob die Einwanderung begrenzt werden soll. In einer Serie zeigt Tagesanzeiger.ch/Newsnet heute Nachmittag, wer betroffen wäre.

Rare Fachkräfte, komplexer Einsatzplan: Brigitte Dubach organisiert das Pflegepersonal im Opterationszentrum des Inselspitals.

Rare Fachkräfte, komplexer Einsatzplan: Brigitte Dubach organisiert das Pflegepersonal im Opterationszentrum des Inselspitals. Bild: Beat Mathys

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«Willst du zu uns kommen?» Diese Frage fällt unter Angestellten von Berner Spitälern derzeit öfter. Der Personalmangel zwingt zu unkonventionellen Massnahmen: Seit Anfang Jahr zahlen nicht nur Privatspitäler eine Prämie, wenn ihre Angestellten jemanden bei der Konkurrenz abwerben können. Bis 1500 Franken streicht die Vermittlerin oder der Vermittler ein. Dazu forcieren die Spitäler die Suche über professionelle Vermittlerdienste.

Auf der neuen spezialisierten Plattform Carepers sind unter den über 1300 Stellenangeboten auch viele aus Bern zu finden. Laut Geschäftsführer René Mangold ist die Situation in Bern gar besonders akut. Das hänge wohl mit der hohen Spitaldichte zusammen, vermutet Markus Lüdi, als Direktor Personal des Inselspitals Vorgesetzter von rund 7000 Angestellten.

Brigitte Dubach, Leiterin Pflegedienst des Operationszentrums der Insel, atmet durch: «Im Moment gehts noch auf. Aber es wird langsam knapp», sagt sie und beugt sich über den Einsatzplan. Darauf zu sehen ist eine unübersichtliche Fülle farbiger Symbole – eine kleine Palme beispielsweise steht für Ferien. Dubach organisiert mit knapp 160 Angestellten einen 24-Stunden-Betrieb. «Rund 85 davon müssen anwesend sein», erläutert sie. Bei Lücken ist Flexibilität gefragt: «Wir sind erfinderisch. Aber irgendwann ist alles ausgereizt.» Notfalls müssen Operationssäle geschlossen werden. Das gab es auch schon. Denn der Mangel an Operationspflegepersonal ist eklatant. Darum profitieren Spitäler seit längerem von der Personenfreizügigkeit und suchen spezialisierte Fachkräfte im Ausland, vor allem im deutschsprachigen Raum. Immer wieder aber auch in entfernteren Ländern.

Gezieltes Anwerben vor Ort

Die Krise in Südeuropa eröffnet neue Märkte: Markus Lüdi sieht in Spanien eine «Win-win-Situation»: «Dort stehen bestens qualifizierte Fachkräfte auf der Strasse – und bei uns ist der Arbeitsmarkt ausgetrocknet.» Gesucht werde mit Firmen, die sich vor Ort gut auskennten. Die Diplome seien anerkannt, und die Kosten für einen Sprachkurs übernehme das Inselspital. Bei Dubach hat bisher noch niemand aus Spanien angeklopft. Aber auch sie musste schon auf Vermittlungsleute setzen: «Das kostet dann schnell einmal zwei, drei Monatslöhne.» Das heisst 10'000 Franken oder mehr. Dubachs Erfahrungen mit Leuten, welche die hiesige Mentalität oder Sprache nicht kennen, sind zwiespältig: «Einigen fällt es schwer, sich in unseren Betrieb zu integrieren.»

Der Ausländeranteil im Gesundheitsbereich liegt laut dem Verband der Schweizer Spitäler H+ bei 32 Prozent, bei den Ärzten gar bei 39 Prozent. Ohne das Reservoir jenseits der Landesgrenze droht dem Sektor eine Verschlimmerung der bereits akuten Personalprobleme: Pro Jahr werden gemäss einer Auswertung des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums 5000 Pflegefachkräfte zu wenig ausgebildet, und laut H+ müssen 400 bis 600 Ärzte pro Jahr im Ausland rekrutiert werden.

Qualität könnte in Gefahr geraten

Der Verband wehrt sich darum gegen die Anwendung der Ventilklausel: «Sollte die Ventilklausel angerufen werden, hat dies für die Personalrekrutierung in den Spitälern, Kliniken und Pflegeinstitutionen ernsthafte Konsequenzen», sagt H+-Direktor Bernhard Wegmüller. Vakante Stellen könnten nicht mehr besetzt werden. Wenn der Bundesrat trotzdem die Aufenthaltsbewilligungen kontingentiert, müsse der Sektor ausgenommen werden, verlangt Wegmüller. Andernfalls wäre «ein Abbau bei den Ärzten und in der Pflege die mögliche Folge», was Qualitätseinbussen nach sich ziehe.

Das Inselspital hat etliche unbesetzte Stellen. So wird man sich also auch in Bern weiter gegenseitig Personal abjagen: «Zu mir oder zu dir?» ist dann nur noch die Frage. Denn der versilberte Seitensprung lindert die Situation zwar hier, schafft aber ein Problem dort.

Erstellt: 09.04.2013, 13:29 Uhr

Porträts von Betroffenen

Dank Personenfreizügigkeit leben und arbeiten derzeit viele EU-Bürgerinnen und Bürger in der Schweiz. Spätestens bis Ende April entscheidet der Bundesrat, ob er mit der Ventilklausel ein Zeichen gegen die Zuwanderung setzen will.

Tagesanzeiger.ch/Newsnet stellt in einer Miniserie drei Betroffene vor: das Berner Inselspital, den Gemüseproduzenten Thomas Wyssa und die Akademikerin Irmtraud Huber.

Aufenthaltsbewilligungen

EU-8
(Periode 1. Mai bis 30. April)
EU-17
(Periode 1. Juni bis 31. Mai)

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