«Papa, wo bist du?» (Teil 2)

Ein Vater wird wegen eines veralteten Gutachtens aus der Familie gedrängt – obwohl die Kinder ihn mehr sehen möchten. Die Behörde verweigert weiterhin jedes Gespräch.

Eine Zeichnung der Tochter (bald 7) für ihren Vater zeigt die ganze Familie (v.l.n.r.): Tochter, Sohn, Papa und rechts vom Baum die Mutter (Dornach, Juni 2019). Foto: PD

Eine Zeichnung der Tochter (bald 7) für ihren Vater zeigt die ganze Familie (v.l.n.r.): Tochter, Sohn, Papa und rechts vom Baum die Mutter (Dornach, Juni 2019). Foto: PD

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Die Freude war nicht zu übersehen. Als das siebenjährige Mädchen seinen ­Vater am Herbstmarkt der Rudolf-Steiner-Schule Birseck im Kanton Baselland ­erblickte, rannte es auf ihn zu und liess sich von ihm immer wieder hochheben. Wie jedes Jahr ­betreute der Vater auch im November 2019 den grossen Stand in der Turnhalle, bei dem die Tochter und bald auch der elfjährige Sohn ­zwischendurch vorbeischauten. Das Verhältnis sei «herzlich, spontan und unverkrampft» gewesen, schildern zwei Beobachter die kurzen Begegnungen. Nichts deutete darauf hin, dass die Kinder ihren Vater letztmals im September hatten sehen dürfen.

Die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) hatte den Verkehr des Vaters mit seinen Kinder auf acht Stunden pro Jahr eingeschränkt, ­obschon diese ihn ausdrücklich sehen möchten. Das aber könnte sie in einen Loyalitätskonflikt bringen, begründet die Kesb Thal-Gäu/Thierstein-Dorneck (TGTD) ihre Massnahme. Die kurze ­Begegnung am Flohmarkt sollte denn auch dazu führen, dass der Vater seine Kinder im Jahr 2019 offiziell nur sechs statt acht Stunden zu sehen bekam.

Hintergrund des Dramas ist ein elterlicher Konflikt und ein nun fünf Jahre ­altes Gutachten, das dem Vater attestiert, zu wenig zwischen ­Erwachsenen- und Kindesebene zu unterscheiden. Damit gefährde er das Kindeswohl. Mithilfe des Gutachtens ist es der in Solothurn bestens vernetzten Anwältin der Mutter ­gelungen, dem Vater das Recht auf ­Umgang mit seinen Kindern zu entziehen – bis hin zu einem Kontaktverbot und der Auflage, sich in Therapie zu ­begeben, um «den eigenen Anteil am Konflikt reflektieren zu lernen».

Neue Beiständin weckt Hoffnung

Dies, obschon der Vater seinen Kindern nie ein Haar gekrümmt und sie bis zur Trennung zu 50 Prozent betreut hat. ­Obschon ihm beste Vaterqualitäten ­zugestanden werden, selbst von der Gegenpartei. Und obschon die Kinder ihren Vater vermissen, wie sie etwa mit der Frage «Papa, wo bist du?», ihrem Verhalten und auch mit Zeichnungen ausdrücken. Über ihre unglückliche Lage haben wir vor einem Jahr zum ersten Mal berichtet.

Seither hat eine neue Beiständin den Fall übernommen. Sie sollte die vier sogenannten Erinnerungskontakte à zwei Stunden organisieren, welche die Kesb dem Vater pro Jahr zugesteht. Zudem sollte sie dem Vater monatliche Berichte über seine Kinder schicken, den Kindern als Ansprechperson zur Verfügung stehen und nötigenfalls eine Anpassung der Massnahme verlangen. So steht es in den Akten.

Laut Ignaz Heim, dem Präsidenten der Schweizer Berufsbeistände, gehört es zu den Kernaufgaben eines Beistandes, die Interessen seines Mandanten zu vertreten, und zwar auch gegenüber der Kesb. Doch im Zweifelsfall agieren die Beistände gemäss verschiedenen Experten zum Schutz des Systems, das heisst, der Kesb. Dazu Heim: «Dies widerspricht nicht nur dem gesetzlichen Auftrag der Kesb und der Beistandsperson, sondern verbraucht bei den Betroffenen und ­Akteuren unheimlich viel Ressourcen.» Diese Dynamik scheint auch in diesem Fall zu wirken.

Wer ­bestimmt, was die Bedürfnisse des Kindes sind?

Bei einem ersten Treffen mit der Beiständin im Januar 2019 hat der Vater die Kinder bereits mehr als ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Sie lässt ihn wissen, aus den Akten erschliesse sich ihr nicht, weshalb er seine Kinder nicht ­sehen dürfe. Beziehung sei in einer ­Familie das Allerwichtigste. Der Vater hofft, dass sie seinen Fall vielleicht mit frischen Augen betrachtet. Doch seine Hoffnungen und die der Kinder werden enttäuscht.

Sogenannte Erinnerungskontakte sind eigentlich für Jugendliche vorgesehen, die den Kontakt zum einen Elternteil verweigern. Hier liegt der Fall aber ganz anders – und das macht ihn so speziell. Ignaz Heim gibt in solchen Fällen grundsätzlich zu bedenken: «Eine Limitierung des Kontakts mit Eltern ist ein massiver Eingriff und muss unter Monitoring geschehen, damit dieser wieder ausgebaut werden kann, gemäss den psychologischen und sozialen Bedürfnissen des Kindes.» Nur: Wer ­bestimmt, was die Bedürfnisse des Kindes sind?

Kesb hörte Kinder nie an

Am 15. November 2019 – zwei Wochen nach dem Herbstmarkt – hätte der vierte Erinnerungskontakt stattfinden sollen. Zwei Tage vorher sagte die Beiständin in einer kurzen Mail ab: «Angesichts der Tatsache, dass der Vater seine Kinder am 2. November am Herbstmarkt der Rudolf-Steiner-Schule ausführlich gesehen hat, erübrigt sich der geplante Erinnerungskontakt.» Er war damit nicht einverstanden, seine Beschwerde deswegen ist immer noch hängig.

Hängig sind auch acht Gefährdungsmeldungen aus dem Umfeld des Vaters und der Kinder, die seit November bei der Kesb TGDT eingegangen sind: Die Kinder litten unter der Trennung – insbesondere der heute elfjährige Sohn. Doch bis heute wurden die Kinder von der Kesb nicht angehört. Die Anwältin der Mutter blockte jeden Versuch, dies auf dem Rechtsweg zu erreichen, erfolgreich ab. Nur der Sohn wurde im Rahmen des Gutachtens von 2015 während vier ­Minuten vom Gutachter befragt, da war er sieben und die Tochter zwei Jahre alt.

«Die Partei, die sich emotional zuerst loslöst, wird von den Behörden gestützt.»Jasminka Brcina, Kesv

Der Fall wirft ein schlechtes Licht auf die Kesb TGDT. Bei den fallführenden Behördenmitgliedern gab es immer wieder Wechsel oder Vakanzen – der Vater wusste manchmal monatelang nicht, wer für seine Anliegen zuständig war. Und wenn eine neue Person übernahm, reduzierte sie den Fall oft auf den Nenner: Vater gleich Querulant. Aus dem Umfeld der Kesb ist zu vernehmen, dass die Eingaben des Vaters direkt im Papierkorb landen. Mittlerweile hat auch die «Solothurner Zeitung» schwere Vorwürfe erhoben: Sämtliche Personen im Bereich soziale Sicherheit würden sich kennen und gemeinsam gegen einzelne Parteien entscheiden. Dazu passt auch, dass die Kesb-Aufsichts­behörde zum selben Amt gehört wie die Kesb. Deshalb wollen nun verschiedene Politiker aktiv werden.

Jasminka Brcina von der Kinder- und Erwachsenenschutzvereinigung (Kesv), die Betroffene begleitet und berät, erkennt ein Muster: «In solchen Fällen wird oft die Partei, die sich emotional zuerst loslöst, von den Behörden gestützt, weil sie souverän daherkommt. Wer hingegen emotional reagiert, ist den Behörden oft lästig.» Bei Vätern heisst es dann schnell, sie seien aggressiv, bei Müttern, sie seien emotional instabil. Und wenn ein solches Bild einmal besteht, rückt die Behörde in der Regel nicht mehr davon ab. «Es heisst dann immer, ‹es ist ein komplexer Fall›. Tatsächlich aber ist es eigentlich immer das Gleiche.»

Von allen wichtigen Informationen zu den Kindern ausgeschlossen, bittet der Vater die Beiständin darum, seinen Kindern Geburtstagsgeschenke zu überreichen, weil er sie nicht sehen darf. Doch sie ist nicht in der Lage oder nicht willens, die Not des Vaters zu erkennen. Oder diejenige der Kinder.

Im Mai 2019 gibt die Beiständin bei einer Verhandlung an, sie habe die Kinder noch nie alleine gesprochen – fünf ­Monate nach ihrem Amtsantritt. Mehr als zehnmal liest man in der Korrespondenz zwischen ihr und dem Vater Entschuldigungen: dass sie Informationen nicht weitergeleitet habe, Termine nicht zustande gekommen seien, sie nicht früher habe absagen können. Verzögerungen beim Verschicken der Berichte rechtfertigt sie mit ihrer «hohen Arbeitsbelastung». Immer wieder übernimmt sie unkritisch Angaben der Mutter, die Kinder seien ferienbedingt abwesend – was sich in zwei Fällen als falsch ­herausstellt.

Ein ewiger Querulant

Der Vater stösst mit seinen Anliegen weiterhin auf eine Mauer. Als er bei der Schule mit der Bitte vorstellig wird, ihn in die Entwicklung seiner Kinder einzubeziehen, antwortet diese mit einem Anwalt und verweigert das Gespräch. Schliesslich wirft ihm die Beiständin vor, er habe an einem bestimmten Abend trotz Kontaktverbots «wieder auf seine Kinder gewartet». Als der Vater beweist, dass er wegen eines beruflichen Termins vor Ort war, reagiert sie nicht.

Für die Kesb bleibt der Vater ein Querulant, mit dem man nicht mehr redet. ­Warum man nur einseitig im Interesse der Mutter handelt und vor allem die Kinder nicht anhört, bleibt schleierhaft. Mittlerweile ist der Vater der Auflage der Behörde nachgekommen und hat ohne Indikation eine «Therapie» begonnen, da ansonsten Anträge von ihm von der Behörde nicht angenommen werden. Lange wird die Kesb den Kindern aber nicht mehr den Kontakt zum Vater verbieten können. Im März wird der Sohn zwölf Jahre alt, die Tochter im ­August acht.

Erstellt: 10.02.2020, 17:54 Uhr

Die Recherche

Der Artikel beruht auf Gesprächen mit dem Vater, mit Fachleuten und Personen aus dem Umfeld der Kinder. Zudem hatten wir Akteneinsicht sowie Einblick in den Mailverkehr zwischen der Beiständin und dem Vater.

Die Gemeinde Dornach lehnte ab, die Beiständin Stellung nehmen zu lassen. Ebenso wenig wollten sich die Kesb oder das für sie zuständige Amt für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn zum Fall äussern. Oder die Mutter. Sie verweisen auf das laufende Verfahren, das Amts­geheimnis und den Datenschutz. (mcb)

Teil 1 erschien am 1. März 2019 an dieser Stelle.

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