Papierkrieg belastet die Bauern

Landwirt sein heisst heute auch, in einer wachsenden Formularflut die Übersicht zu behalten. Keine Gabel Mist darf auf dem Feld verteilt werden, die nicht irgendwo protokolliert werden müsste – sonst gibt es weniger Direktzahlungen.

Vorab der älteren Generation mache die Summe all dieser Protokollierungen ernsthaft zu schaffen, sagt der Eggiwiler Landwirt und Ackerbauleiter Bruno Ermel.

Vorab der älteren Generation mache die Summe all dieser Protokollierungen ernsthaft zu schaffen, sagt der Eggiwiler Landwirt und Ackerbauleiter Bruno Ermel. Bild: Thomas Peter

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Kaum sind die Steuererklärungen ausgefüllt, schneit es den Bauern einen neuen Stapel Papier ins Haus. Mitte April kamen die Formulare für die Agrardatenerhebung. Sieben Blätter sind es im Fall von Bruno Ermel, Landwirt in Eggiwil. Auf dem ersten Blatt sind Angaben vorgedruckt wie Adresse und Kontonummer – damit schon mal klar ist, wohin die Direktzahlungen schliesslich fliessen sollen. Denn um diese geht es in den Angaben, die dieser Tage beim Kanton eingereicht werden müssen. «Ohne fristgerechte Einreichung der vollständig und wahrheitsgetreu ausgefüllten Erhebungsformulare» erfolge Ende 2010 keine Beitragsausrichtung, ist in den Anzeigern zu lesen.

Zuerst will der Kanton wissen, wer zu wie viel Prozent auf dem Betrieb mitarbeitet und wie viele Nutztiere dort gehalten werden. Dann folgen die Parzellenblätter. Seit der Kanton Bern vor ein paar Jahren neue Vermessungen durchgeführt hat, verfügt jeder Bauer über aktuelle Grundbuchdaten und weiss genau Bescheid über den Umfang seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche. Hätte Ermel letztes Jahr etwa die Jauchegrube erweitert, wären die vom Geometer neu aufgenommenen Daten in der diesjährigen Erhebung ersichtlich. Zudem ist gefragt, was auf dem Kulturland genau wächst.

Digitalisierte Landschaft

Jetzt zieht Bruno Ermel ein Blatt hervor, das eine digitalisierte Landschaft zeigt – sein Heimet. Gewisse Ecken sind speziell markiert und nummeriert. «Hier stehen zwei Hochstammbäume, hier oben ist eine extensive Wiese», erklärt der Landwirt. Die markierten Flächen gelten als sogenannte Ökoflächen. Sieben Prozent der Gesamtfläche müssen darunterfallen, sonst gibt es überhaupt keine Direktzahlungen. Im Geoportal des Kantons Bern kann jedermann die ausgewiesenen Ökoflächen einsehen (www.bve.be.ch).

Viele brauchen Hilfe

Die meisten Angaben sind in den Formularen vorgedruckt. Der Bauer muss bloss Änderungen eintragen und mit seiner Unterschrift geradestehen dafür, dass alles seine Richtigkeit hat. «Wenn sich wenig geändert hat gegenüber dem Vorjahr, kann einer mit der Erhebung ziemlich rassig fertig werden», sagt Ermel. Als Ackerbaustellenleiter der Gemeinde Eggiwil weiss er aber, dass sich 50 bis 60 Prozent der Bauern nicht ohne Hilfe im Dschungel der gefragten Daten zurechtfinden. Für diese Beratung ist Ermel im Nebenjob bei der Gemeinde angestellt. Sämtliche Erhebungsbogen der 230 Eggiwiler Landwirte landen am Schluss auf seinem Tisch und werden von ihm kontrolliert.

Diese jeweils sieben bis acht Blätter allein würden das Stöhnen nicht rechtfertigen, das jeweils durch die bäuerlichen Haushalte geht, wenn die neuen Erhebungsbogen ins Haus flattern. Es ist vielmehr die Summe aller Aufzeichnungen, die vorab der älteren Generation zu schaffen macht. Denn heute müssen sie schier jede Handbewegung protokollieren: Wann, wo, wie viel Jauche ausgetragen, wie viel Dünger gesät, wann der Bauer wo Gras gemäht und ob Siloballen gepresst wurden usw. Und jedes Mal, wenn er seine Kühe auf die Weide – oder im Winter in den Laufhof – treibt, muss er dafür auf einem Journal ein Kreuz machen. Wenn der Kontrolleur kommt und die Aufzeichnungen nicht vollständig nachgeführt sind, hat der Bauer ein Problem: Er verliert Punkte, seine Direktzahlungen könnten gekürzt werden.

Nur einen Ausweg

Ermel würde lieber heute als morgen mit der ganzen Bürokratie aufhören. Aber sie ist überlebenswichtig für ihn. «Ohne diese Blätter, also die Direktzahlungen, müsste ich meinen Betrieb einstellen.» Ermel lebt auch deshalb nicht grundsätzlich auf Kriegsfuss mit den Formularen, weil er sich dem Steuerzahler gegenüber verpflichtet fühlt, über sein Tun Rechenschaft abzulegen. Auf die Frage, ob der administrative Aufwand vereinfacht werden könnte, sagt er: «Nur wenn man die Direktzahlungen streicht.» Ermel würde lieber heute als morgen darauf verzichten, «wenn ich meine Produkte zu einem Preis verkaufen könnte, der der übrigen Preisentwicklung entsprechen würde.»

Erstellt: 04.05.2010, 15:52 Uhr

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