«Papst werden? Koch müsste es machen wie Ratzinger»

Mit Kurt Koch hat die Schweiz einen neuen Kardinal. Hat er gar das Zeug zum Papst? Vatikan-Kenner Michael Meier weiss, worauf es ankommt und wie die Chancen für den gebürtigen Emmenbrückner stehen.

Für Kurt Koch dürfte es schwierig werden, auf den Heiligen Stuhl zu klettern: Der frisch gewählte Schweizer Kardinal am Sonntag im Vatikan.

Für Kurt Koch dürfte es schwierig werden, auf den Heiligen Stuhl zu klettern: Der frisch gewählte Schweizer Kardinal am Sonntag im Vatikan. Bild: Reuters

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Herr Meier, Kardinal Kurt Koch lebt und arbeitet nun in Rom. Wie nahe steht er dem Papst wirklich?
In seiner Funktion als Vermittler zwischen den Religionen und auch als Vorbereiter der Reisen des Papstes wird Koch ziemlich oft mit Benedict XVI. zu tun haben. Das wird kaum täglich, aber sicherlich wöchentlich sein.

Nehmen wir einmal an, Koch wollte Papst werden. Was müsste er tun, um sich in möglichst gute Position zu bringen?
Papst werden? Koch müsste es machen wie Ratzinger. (Lacht) Ratzinger hat lange gedient. Zudem war er sehr bekannt und äusserst einflussreich. Dies kraft seines Amtes. Ratzinger war 24 Jahre lang Leiter der Glaubenskongregation, deren Aufgabe es ist, die katholische Glaubens- und Sittenlehre zu überwachen.

Wie stehen die Chancen für Kurt Koch, Papst zu werden?
Es dürfte schwierig werden für Koch. Das hat damit zu tun, dass die Schweiz in der katholischen Kirche eine sehr kleine Rolle spielt. Dies im Gegensatz zum Beispiel zu Deutschland. Die deutsche katholische Kirche bezahlt viel Geld nach Rom. Sie ist eine der wichtigsten Finanzquellen. Die Bistümer Köln und München sind reich und davon profitiert der Vatikan. Diese Tatsache mag bei der Wahl Ratzingers eine Rolle gespielt haben. Traditionellerweise stammen auch viele Päpste aus Italien. Kurz: Kurt Koch kann noch so gut und brillant sein, seine Chance, Papst zu werden, sind sehr gering.

Heisst das, Geld bestimmt den Ausgang der Papstwahl?
Geld spiel einfach eine Rolle. Aber das würde man natürlich nicht zugeben. Offiziell spricht man einzig davon, dass der Bestqualifizierte gewählt wird.

Sie haben sich mit dem Leben von Kurt Koch befasst. Was glauben Sie, denkt er überhaupt daran, dass er einmal Papst werden könnte?
Er selber würde das weit von sich weisen. Koch hat sich ja auch überrascht gezeigt, dass er nun zum Kardinal gewählt wurde. Dies, obwohl viele Kirchenkenner und Journalisten damit gerechnet hatten. Bei der Frage des Heiligen Stuhls wird Koch aber Realist genug sein, und selber die Chancen als verschwindend klein einschätzen.

Wird unter den Kardinälen intrigiert?
Natürlich gibt es Flügelkämpfe. Wobei in den letzten knapp drei Jahrzehnten der rechte Flügel unter Papst Johannes Paul II. und Benedict XVI. an Stärke zugelegt hat.

Papst Benedict XVI. ist schon 83-jährig. Wird im Vatikan schon über seine Nachfolge nachgedacht?
Es wird bisher erstaunlich wenig über die Nachfolge von Benedict XVI. spekuliert. Das war ja gerade bei Johannes Paul II. anders. Er hatte allerdings die Parkinson-Krankheit, das Ende seines Lebens zeichnete sich ab. Im Gegensatz dazu scheint Benedict XVI. gesundheitlich in guter Verfassung zu sein.

Was bringt es einem Land, wenn ein Landsmann zum Papst gewählt wird?
Gerade im Fall Johannes Paul II. – er stammte aus Polen – war das schon wichtig. Sein Pontifikat hatte sicher Einfluss auf die Entwicklung in seinem Land. Man sagte ihm nach, dass er zur Entspannung am Eisernen Vorhang beigetragen hatte. Stichworte wie Glasnost und Fall des Kommunismus werden mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Bei Deutschland ist das ambivalent. Einerseits ist man stolz auf Benedict XVI. «Bild» titelte nach der Wahl stolz «Wir sind Papst!». Andererseits wird der Papst jetzt auch als Hypothek empfunden. Zum Beispiel, als Kanzlerin Merkel den Papst kritisierte, weil dieser den Holocaust-Leugner Richard Williamson wieder in die Kirche aufnahm.

Gibt es schon irgendwelche Strömungen oder Hinweise, in welche Richtung die nächste Papstwahl gehen könnte?
Wenn ein Kurienbischof – ein Bischof ohne Diözese, dafür mit einem Amt im Vatikan – auf den Heiligen Stuhl gewählt wurde, schlägt das Pendel oft wieder auf die andere Seite. Nach Benedict XVI. könnte also ein Bischof aus der Weltkirche den Heiligen Stuhl ergattern. Am ehesten einer von den grossen Bischofssitzen, sei das nun aus Wien, Florenz, Palermo, Buenos Aires oder sonst woher. In weiten Kreisen wird erhofft, dass eine Art guter Hirte auf den Papststuhl kommt.

Kurt Koch ist noch jung, er ist ein Intellektueller und bemüht sich nun um den Austausch der Religionen. Einmal abgesehen von den minimen Chancen, er wäre doch ein guter Papst?
Die Kirche braucht nach Benedict XVI. nicht einen intellektuellen Papst. Sondern einen, der beim Volk gut ankommt und beliebt ist. So wie zum Beispiel Papst Johannes der XXIII. Dieser Papst – er stand der katholischen Kirche zwischen 1958 und 1963 vor – war beim Volk äusserst beliebt. Wegen seiner Bescheidenheit und Volksnähe wurde er im Volksmund il Papa buono («der gute Papst») genannt. Man darf sich allerdings nicht zu viele Hoffnungen machen. Der jetzige Papst hat genug Kardinäle nach seinem Gusto eingesetzt. Darunter sind viele Konservative.

Erstellt: 23.11.2010, 16:53 Uhr

Michael Meier ist Journalist und schreibt regelmässig im «Tages-Anzeiger» über Kirchen und Religion.

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Kochs Nachfolger

Der 44-jährige Luzerner Felix Gmür wird neuer Bischof des Bistums Basel. Gmür ist derzeit Generalsekretär der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK) und tritt die Nachfolge des nach Rom berufenen Kurt Koch an. Der in Luzern geborene Gmür war am 8. September vom 18-köpfigen Domkapitel, einem Beratungsgremium des Basler Bischofs, gewählt worden. Papst Benedikt XVI. bestätigte nun die Wahl. Die Weihung des neuen Bischofs findet am 16. Januar 2011 in Solothurn statt. Gmür gilt als «Theologe mit Managementerfahrung». Der Theologe und Philosoph ist seit vier Jahren Generalsekretär der SBK. Er hatte im Mai 1999 in Luzern die Priesterweihe erhalten. Das Bistum Basel ist mit mehr als einer Million Gläubigen das grösste Bistum der Schweiz. Dem Bistum gehören die zehn Kantone AG, BE, BL, BS, JU, LU, TG, SH, SO und ZG an.

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