Pelli: «Über Pläne rede ich nach den Wahlen»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat den FDP-Präsidenten Fulvio Pelli einen Abend lang im Tessin begleitet. Es lief nicht alles nach Plan.

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22.40 Uhr: Fulvio Pelli fährt seinen Freund und ehemaligen Gehilfen Carlin Gygax nach Hause. Vor dessen Haus verabschiedet er ihn liebevoll, sagt: «Ich rufe Dich an.» Dann fährt er uns ins Zentrum von Lugano. Am Bahnhof verabschiedet er sich mit den Worten: «Sie müssen mir nicht viel Erfolg wünschen. Viel Erfolg werde ich nicht haben. Erfolg würde mir schon reichen.»

22 Uhr: Im Canvetto trifft Pelli auf einen Club von Velofahrern, die er kennt. Er ist leidenschaftlicher Velofahrer, das blitzt bei Gesprächen mit ihm immer wieder auf. Im Wahlkampf radelte er 500 Kilometer durch die Schweiz. Als wir das Canvetto verlassen, gibt uns Pelli das letzte Videointerview. Die Woche nach den Wahlen werde streng, sagt er. Danach mache er Ferien. Und über seine Zukunftspläne spreche er erst nach den Wahlen.

Nussschnaps statt TV-Debatte

21.15 Uhr: Pelli schlägt als Alternative zur TV-Debatte einen Kurzbesuch im Canvetto Luganese vor, einem Restaurant im Bezirk Molino Nuovo. Sein Parteikollege Dick Marty habe heute Abend einen Anlass hier, sagt er. Die Leute sind allerdings schon weg, als wir eintreffen. Pelli bestellt einen Nocino (Nussschnaps), eine Tessiner Spezialität.

20.30 Uhr: Im Restaurant «Torre» in Morcote lassen es sich die FDP-Mitglieder kulinarisch gut gehen. Dazwischen treten die Nationalratskandidaten ans Mikrofon, um ihre Botschaft zu überbringen. Fulvio Pelli sinniert über liberale Werte und liberale Politik. Er erzählt, dass ihm ein Kioskinhaber aus dem Kanton Zug einen Brief geschrieben habe. Der Bürger fragt, ob er noch liberal wählen könne, nachdem der liberale Gesundheitsdirektor verfügt habe, dass Kioske an Jugendliche unter 16 Jahren keine Zigaretten mehr verkaufen dürften. Pelli meint, dass hier ein Konflikt zwischen dem berechtigten Anliegen der Gesundheitsprävention und dem berechtigten Anliegen der Wahlfreiheit vorliege. Im Zweifelsfall müsse sich ein Liberaler immer für die Wahlfreiheit einsetzen, sagt Pelli. «Es ist nicht gut, wenn der Staat immer für den Menschen denken muss.» Der Mensch müsse lernen, selber zu entscheiden. Die FDP setze sich für die Wahlfreiheit ein. Darum lautet die Antwort an den Kioskinhaber: «Wählen Sie liberal.»

Ausgeladen

19.55 Uhr: Fulvio Pelli informiert uns, dass er nach der FDP-Versammlung in Morcote nicht zur TV-Debatte des Tele Ticino (gehört CVP-Ständerat Filippo Lombardi) nach Melide fährt. Er habe kurzfristig erfahren, dass dort nur die Ständeratskandidaten teilnehmen. Also auch Fabio Abate, der kurz darauf das Ristorante Torre in Morcote verlässt. Pelli entschuldigt sich, er habe das nicht gewusst, das sei ein spontaner Entscheid des Tele Ticino.

19.40 Uhr: Morcote ist eine FDP-Hochburg. Der Gemeindepräsident Fausto Bizzini (FDP) begrüsst alle Gäste persönlich. Mit dabei ist die ganze Zeit auch Pellis früherer Fahrer Carlin Gygax. «Er hat mich immer gefahren. Jetzt fahre ich ihn», sagt Pelli.

Versammlung in Morcote

19.15 Uhr: «Kennen Sie Morcote? Morcote ist das schönste Dorf im Tessin», sagt Pelli, als er mit dem Auto ins idyllische Feriendorf fährt. Die Veranstaltung findet im Ristorante Torre statt, Gastgeberin ist die FDP Morcote. Auch die Nationalräte Fabio Abate und Ignazio Cassis sind anwesend, die Gäste begrüssen einander sehr herzlich und halten ausgiebig Apéro. Cassis sagt, er sei über die Umfrage, die Pellis Abwahl voraussagt, schockiert gewesen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich vor Pelli bin.» Pelli führt uns nach draussen, um den Turm von Morcote zu zeigen. Ein altes Gemäuer im Reihenhaus, das weniger hoch ist als die Häuser links und rechts davon. Der denkmalgeschützte Teil war früher ein Gefängnis.

18.50 Uhr: Während der Autofahrt nach Morcote spricht Pelli über seine bald sieben Jahre als Parteipräsident. «In dieser Zeit hatte ich zu wenig Familienleben», sagt er. «Das gefällt mir nicht, wenn das Leben von der Politik dominiert wird, es gibt noch anderes.» Dennoch würde er das Amt wieder annehmen. Er habe seinen Kopf und einen starken Glauben an Ideale.

Im Hause Pelli

18.25 Uhr: Das Tischgespräch dreht sich um die Umfrage des «Giornale del Popolo», die Pellis Abwahl voraussagt, und um Fussball. Es habe zu viele Mannschaften im Tessin, sagt Pelli, zu wenig Geld, um eine wirklich gute Mannschaft zu unterhalten, und man sei «Objekt von ausländischen Investitionen» geworden. Bezüglich Abwahl mache er sich keine Sorgen. Dass der dritte Tessiner FDP-Sitz gefährdet ist, sei für ihn nichts Neues.

18.10 Uhr Fulvio Pelli hat noch ein wenig Zeit, bevor er zur Parteiveranstaltung in Morcote fährt. Er serviert einen Apéro in seiner Villa in Sorengo oberhalb von Lugano. Einen Tessiner Weisswein hat es nicht im Kühlschrank, Pelli verschwindet rasch im Keller. Auf die Frage, ob er nicht zu spät in Morcote ankomme, sagt er: «Hier im Tessin können Sie immer eine Viertelstunde dazu rechnen, und dann noch eine halbe Stunde zum Angewöhnen.»

Anwaltskanzlei im Haus des Grossvaters

17.20 Uhr: Fulvio Pelli zeigt uns sein Büro: Ein hoher Raum mit Malereien und Stukkaturen an der Decke. Das palastähnliche Haus an der Via Pretorio habe seine Familie in den Zwanzigerjahren gekauft.

17 Uhr: Wer Fulvio Pelli treffen will, braucht Geduld. Der Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei im Zentrum von Lugano ist beschäftigt. «Er kann Sie frühestens um 17.30 Uhr empfangen», lautet der Bescheid im Sekretariat. Aufschlussreich ist einstweilen das Gespräch mit dem Taxifahrer. Er wähle Lega, sagt er. Warum? Es habe zu viele Grenzgänger im Tessin, was er und seine Familie am eigenen Leib spürten: Dem Sohn wurde eine Stelle verwehrt wegen der vielen Ausländer, und er selber habe seine Stelle verloren, weil der Arbeitgeber günstigere Arbeitskräfte aus dem Ausland anstellte. «Giuliano Bignasca ist zwar eine spezielle Person», sagt der Taxifahrer. «Aber er hat gute Ideen.» Mit Bignascas Idee, an der Grenze eine Mauer aufzustellen, sei er absolut einverstanden. Die Lega sie die einzige Partei, die sich dem Ausländerproblem annehme.

Die letzten Tage vor den Wahlen

Vier Tage vor den Wahlen hetzt FDP-Präsident Fulvio Pelli bis spätabends von einem Anlass zum nächsten. Tagesanzeiger.ch/Newsnet begleitet ihn heute Abend beim Wahlkampf in seinem Heimatkanton Tessin. Zuerst besuchen wir Pelli in seiner Anwaltskanzlei in Lugano, von dort geht er noch rasch nach Hause, bevor er nach Melide an eine Parteiveranstaltung fährt. Später nimmt er an einem TV-Duell teil, das in Morcote aufgezeichnet wird.

Wie erlebt Pelli die letzten Tage vor den Wahlen? Es dürfte eng werden für ihn als Nationalrat, prognostiziert eine Umfrage des «Giornale del Popolo». Demnach ist der 60-Jährige, der seit 16 Jahren im Parlament sitzt und als FDP-Präsident seine Partei mit den Liberalen fusioniert hat, in der Wählergunst in seinem Kanton auf die dritte Stelle zurückgefallen. Und der dritte Tessiner FDP-Sitz ist gefährdet. Gleichzeitig droht der FDP schweizweit ein Verlust von Wähleranteilen. Die Prognosen variieren, je nach Umfrage beträgt der Verlust zwischen 2 und 3 Wählerprozenten.

Keine Frage, Fulvio Pelli führt einen Vielfrontenkampf. Wie es ihm dabei geht, wie er den Wahlkampf erlebt hat, was seine Pläne sind und wie er die Situation seiner Partei beurteilt, lesen Sie heute Abend in unserer Wahlkampf-Reportage.

Erstellt: 19.10.2011, 23:14 Uhr

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