Hintergrund

Personalprobleme kommen Finma teuer zu stehen

77 Angestellte verliessen die Finanzmarktaufsicht 2011, was der Behörde eine hohe Fluktuationsrate beschert. Selbst der Bundesrat ist beunruhigt – hohe Kosten für die Abgänge kommen noch hinzu.

Wo ein Ein und Aus herrscht: Finma-Sitz in Bern.

Wo ein Ein und Aus herrscht: Finma-Sitz in Bern. Bild: Keystone

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Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die Vizepräsidentin der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma), Monica Mächler, kommenden April in den Verwaltungsrat der Zurich Insurance Group wechseln wird. Die Wirtschaftszeitschrift «Bilanz» sprach von einer nicht ganz unproblematischen Personalie. Mächler setzt sich den Hut eines Konzerns auf, den sie noch bis Ende September beaufsichtigte. «Die Finma, ein Sprungbrett für lukrative Jobs», titelte dagegen der «Tages-Anzeiger». Die teils spektakulären Frontenwechsel von Finma-Leuten geben immer wieder zu reden.

Nach aussen gibt man sich bei der Finma zwar stolz, dass die eigenen Leute auf dem Finanzmarkt begehrt sind. Für die Aufsichtsbehörde ist aber das Hin- und Herpendeln zwischen Regulierer und Regulierten nicht nur eine Freude. Dies geht auch aus einem Brief des Bundesrates an die Geschäftsprüfungskommissionen von National- und Ständerat vom Juni 2012 hervor. Darin kann man zum Beispiel nachlesen, dass «der rege personelle Austausch der Finma mit der Privatwirtschaft Vorzüge hat», jedoch zu einem Verlust an Aufsichtserfahrung führe. Für eine Aufsichtsbehörde sei ein nennenswerter Bestand an Seniors mit langjähriger Erfahrung sinnvoll.

Auffallend viele Austritte 2011

Besonders 2011 musste die Aufsicht überdurchschnittlich viele Abgänge verkraften, wie aus dem Finma-Personalreporting hervorgeht, der vor einigen Monaten publiziert wurde. Darin ist von einer Fluktuation von 14,4 Prozent die Rede, laut Bundesrat ist das «auffallend hoch». Tatsächlich weist keine andere der sogenannten verselbstständigten Einheiten des Bundes (SBB, Post, Swissmedic, Ensi usw.) derart viele personelle Wechsel (im Verhältnis zum Personalbestand) aus, wie die Finma. Die Atomaufsicht Ensi ragt dabei sogar als regelrechte Sesselkleber-Behörde heraus.

Für die Finma ist aber nicht bloss der mit der hohen Fluktuation einhergehende Verlust an Know-how ein Problem. Die vielen Austritte verursachen der Aufsichtsbehörde auch hohe Kosten. Aus dem Schreiben des Bundesrates geht hervor, dass die 61 Austritte 2011 (ohne befristete Anstellungen) Kosten von insgesamt 8,9 Millionen Franken verursachten. Im Jahr davor führten Abgänge zu einem Aufwand von 5,3 Millionen Franken. «Die Fluktuationsrate der Finma liegt für 2012 etwas unter dem Wert von 2011», sagt Sprecher Tobias Lux auf Anfrage.

Personalprobleme könnten sich verschärfen

Für die vielen Austritte 2011 hat die Aufsichtsbehörde eine Erklärung. «2011 wurden in drei Finma-Geschäftsbereichen diverse organisatorische Anpassungen vorgenommen», erklärt Lux. «Diese besondere Situation wirkte sich auch in einer vergleichbar hohen Fluktuationsrate aus.» Die Personalstrategie bringe eine gewisse Fluktuation mit sich, das heisse aber natürlich nicht, «dass wir nicht grosse Anstrengungen unternehmen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein und die Entwicklungsmöglichkeiten für die Mitarbeitenden mit gezielten Initiativen zu stärken». Eine Anstellung bei der Aufsicht könne innerhalb einer Laufbahn im Finanzsektor eine wichtige Station sein.

Der Bundesrat befürchtet jedoch, dass sich das Personalproblem in Zukunft noch verschärfen könnte – weil der Arbeitsmarkt altert. «Und die damit einhergehende Verknappung des Berufsnachwuchses dürfte aller Voraussicht nach auch im Finanzsektor das Gewinnen und Halten von Fachpersonal zusehends erschweren», heisst es dazu im Schreiben an die GPK. Es sei aber zu begrüssen, dass die Finma entsprechende Massnahmen eingeleitet habe. Die Personalentwicklung habe einen hohen Stellenwert. Und in den strategischen Zielen für die Jahre 2010–2012 habe der Finma-Verwaltungsrat das Ziel aufgenommen, die Personalentwicklung und -ausbildung zu verstärken.

Finma wird jetzt kritisiert, weil sie zu viel macht

In dem Brief kündigt der Bundesrat an, das Finanzdepartement von Eveline Widmer-Schlumpf werde die hohe Fluktuation bei der nächsten Aussprache mit dem Verwaltungsrat der Finma thematisieren. Beim EFD heisst es dagegen auf Anfrage: «Zwischen der Vorsteherin des EFD und der Finma-Spitze finden in regelmässigen Abständen Gespräche statt. Dabei werden die Strategie der Finma sowie allgemeine Fragen der Finanzplatzpolitik erörtert. Organisatorische Fragen, zu denen auch die Personalpolitik gehört, sind nicht Gegenstand dieser Gespräche.»

Für Finanz- und Wirtschaftspolitiker sind die vielen Abgänge bei der Finma bisher kein Thema und sie sehen auch keinen Handlungsbedarf. FDP-Finanzpolitiker und Nationalrat Ruedi Noser sagt dazu, er habe dafür keine Erklärung. Der Präsident der Wirtschaftskommission des Nationalrates, Christophe Darbellay, sagt hingegen, die Finma-Spezialisten seien auch für die Finanzbranche interessante Leute. Sie könnten diesen auch teils bessere Arbeitskonditionen bieten. Für BDP-Präsident Martin Landolt stellt der Seitenwechsel kein Problem dar: «Es hat durchaus Vorteile, wenn Leute beide Welten kennen. Es geht ja nicht um ein Freund-/Feindverhältnis, sondern um eine Beziehung auf Augenhöhe», so Landolt.

Die Aufsichtsfunktion der Finma scheint jedoch unter den vielen Abgängen im letzten Jahr nicht gelitten zu haben. Derzeit beklagen sich nämlich einzelne Vertreter der Finanzbranche darüber, dass die Aufsichtsbehörde eher zu viel mache als zu wenig, wie das Wirtschaftsmagazin «Bilan» berichtete. Es ist noch nicht so lange her, da war es noch anders: Da kritisierten Politiker die Finma, weil sie ihrer Ansicht nach zu wenig intervenierte.

Erstellt: 06.11.2012, 15:22 Uhr

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Personalstrategie FINMA

Die Finma strebt bei ihrer Personalstrategie nach eigenen Angaben eine gute Durchmischung an: Neben jüngeren Spezialisten am Anfang ihrer Karriere brauche es erfahrene, einige Jahre in der Aufsicht tätige Mitarbeitende mit ausgewiesener Praxiserfahrung sowie langjährige Aufsichtsspezialisten. Diese Strategie bringt es laut Finma natürlicherweise mit sich, dass eine gewisse Fluktuation herrscht. Bei jungen Akademikern geht die Aufsichtsbehörde von einer Verweildauer von 2–4 Jahren aus. Entsprechend ist in diesem Segment die Fluktuation überdurchschnittlich hoch. Hier nimmt die Finma bewusst in Kauf, dass jüngere Mitarbeitende nach ein paar Jahren weitere Karrieremöglichkeiten suchen und der Finma damit auch eine gewisse Ausbildungsfunktion zukommt, so Mediensprecher Lux.

Bei Mitarbeitern in der Mitte der Karriere sei die Fluktuation ebenfalls vergleichsweise hoch. Die Finma suche immer wieder gestandene Persönlichkeiten zum Beispiel aus dem Risk Management Bereich, die in der Mitte ihrer Karriere eine Herausforderung bei der Aufsicht suchen. Sie nehme dabei in Kauf, dass diese dann nicht den Rest ihrer Karriere bei der Aufsicht bleiben würden.

Die Finma

Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht kurz Finma wurde auf den 1. Januar 2009 aus der Zusammenlegung der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK), des Bundesamts für Privatversicherungen (BPV) und der Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei (Kst GwG) gegründet. Die Finma finanziert sich über Gebühren und Abgaben der Beaufsichtigten. Die Finma beschäftigte 2011 durchschnittlich 427 Mitarbeitende, verteilt auf 396 Vollzeitstellen. 2011 wurde der Bestand um 25 Vollzeitstellen erhöht.

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