Pierre Maudet: Ein liberaler Pierre-Yves Maillard?

Der Waadtländer Pierre-Yves Maillard und der Genfer Pierre Maudet haben einen ähnlichen Werdegang. Alt-Bundesrat Pascal Couchepin, Grünen-Nationalrat Antonio Hodgers und Historiker Olivier Meuwly nehmen sie unter die Lupe.

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Der 34-jährige Pierre Maudet hat am Sonntag mit seiner klaren Wahl in den Genfer Staatsrat für eine Überraschung gesorgt. Sympathien waren ihm auch über die Grenzen der FDP hinaus sicher. Sein Erfolg und sein Werdegang erinnern an Pierre-Yves Maillard, der mit 36 Jahren für die SP in den Waadtländer Staatsrat gewählt wurde und letztes Jahr zugunsten von Parteikollege Alain Berset auf einen Sitz im Bundesrat verzichten musste.

Ist Pierre Maudet so etwas wie ein bürgerlicher Maillard? Alt-Bundesrat Pascal Couchepin zeigt sich von der These angetan. «Beide sind überzeugt, beide überzeugen, beide politisieren über ihre Parteigrenzen hinaus», vergleicht Couchepin. Er sieht in Pierre Maudet jedoch «den Warmherzigeren», während Pierre-Yves Maillard seines Erachtens «mehr Stärke ausstrahlt».

Solide Werte vertreten

Beide Regierungsräte scheinen über eine ähnliche Überzeugungskraft zu verfügen. «Markante Politiker haben oft einen sehr grossen Wiedererkennungswert», analysiert der Historiker Olivier Meuwly. Pierre-Yves Maillards Name steht für soziale Justiz. Pierre Maudet verkörpert neben seinem bürgerlichen Diskurs auch Entschlossenheit sowie humanistische und republikanische Werte.

Der Kommandant der jurassischen Kantonspolizei Olivier Guéniat kennt beide Männer gut. Mit Maillard hatte er studiert, mit Maudet sass er in der eidgenössischen Jugendkommission. «Maudet weiss, wie man Menschen zusammenbringt und andere Meinungen berücksichtigt. Beide Männer haben unterschiedliche Vorzüge, aber beide die gleiche Glaubwürdigkeit.»

«Und trotzdem wirft ihm das in seiner Partei keiner vor»

Und doch muss man schöne Worte auch in Taten umsetzen können. Maillard entwickelte sich vom jungen Gewerkschafter zum respektierten Präsidenten der Waadtländer Regierung. Maudet, der ideenreiche Rhetoriker, muss sich im neuen Amt erst noch beweisen. «Dieser Wandel gelingt nicht allen Politikern gleich gut. Um langfristig auf der Politbühne zu existieren, müssen sie sich für ein Thema speziell starkgemacht haben», sagt Meuwly. Pierre-Yves Maillard hatte sich das Gesundheitsressort vorgenommen.

Worauf wird sich Pierre Maudet konzentrieren? «Allein im Jahr 2011 hat sich Pierre Maudet mindestens fünfmal entgegen der Meinung der FDP positioniert: zur Armee, zur Europapolitik, zum Arbeitslosengesetz, zur Ausländerpolitik, zur Atomdebatte. Und trotzdem wirft ihm das in seiner Partei keiner vor», weiss Grünen-Nationalrat Antonio Hodgers, der Maudet aus der gemeinsamen Zeit im Jugendparlament kennt. Für ihn sind die beiden Politiker nicht vergleichbar: «Maillard hat die Waadtländer SP nach seinen Vorstellungen beeinflusst. Einen Pierre Maudet gibt es nur einmal. Er ist seiner Partei gegenüber viel unabhängiger als Maillard.»

Von Genf in den Bundesrat?

Wird Pierre Maudet den von Pierre-Yves Maillard verfehlten Karriereschritt in den Bundesrat schaffen? «Für Maudet wird die Zeit im Genfer Regierungsrat massgebend sein. Er hat alle Karten in der Hand, um Genf das Image eines wirtschaftsstarken und dynamischen Kantons zu verleihen. Kein anderer Genfer Politiker wird national so wahrgenommen wie Maudet», sagt Olivier Meuwly.

«Maudet muss da, wo er jetzt ist, sein Bestes geben», meint Pascal Couchepin. «Politiker mit seiner Überzeugung und seinem Engagement überstehen auch Krisen. Schon während der Rekrutenschule fragte ich mich oft: Würdest du mit diesem Offizier in den Krieg ziehen? Mit Pierre-Yves Maillard und Pierre Maudet hätte ich es definitiv getan!»

Erstellt: 21.06.2012, 17:00 Uhr

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