Pioniere unter spezieller Beobachtung

Wer in ein Gebiet vorstösst, das so bisher nicht besetzt war, stellt sich ins Scheinwerferlicht. Was das bedeutet, erfährt derzeit Ricardo Lumengo.

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Cem Özdemir hat in Deutschland eine steile Politkarriere hingelegt. Der Sohn türkischer Gastarbeiter schaffte 1994 mit 29 Jahren den ganz grossen Sprung als Abgeordneter in den Bundestag. Ein Türkischstämmiger hats geschafft, es war eine Art Pionierleistung. Zehn Jahre zuvor sorgte in der Schweiz eine Frau für Furore, Elisabeth Kopp. Die FDP-Politikerin wurde als erste Frau in den Bundesrat gewählt. Auch sie eine Art Pionierin. Mit Ricardo Lumengo hat die Schweiz seit 2007 den ersten Schwarzen im Parlament. Es liessen sich weitere Pionier-Beispiele anführen.

Die Karrieren von Kopp und Özdemir wurden abrupt gestoppt. Sowohl die damalige Bundesrätin als auch der deutsche Jungpolitiker mussten unter öffentlichem Druck zurücktreten. Man warf ihnen Fehlverhalten vor. Sie waren angeblich in öffentlichen Ämtern nicht mehr tragbar. Die Aufarbeitung des Falles Kopp brachte immer wieder den Vorwurf zutage, sie sei als erste Bundesrätin unter besonderer Beobachtung gestanden. Und das habe den Sturz der Politikerin zumindest nicht gebremst.

Exponieren nur mit weisser Weste

Dass Pioniere unter besonderer Beobachtung stehen, bestätigen auch Politbeobachter und Politiker. «Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft und ihrer engagierten Politik in besonderem Schweinwerferlicht stehen, wird speziell auf die Finger geschaut», sagt etwa Regula Stämpfli. Die Politologin liefert gleich auch eine Begründung: «Wer sich ohne klassische Netzwerke, welche über Generationen hinweg die wichtigsten Machtposition teilen, exponiert, muss über eine besonders weisse Weste verfügen.»

SP-Nationalrat Andreas Gross zielt in ein ähnliche Richtung, geht aber noch speziell auf den Fall Lumengo ein: «Menschen, die von vielen der eingesessenen weissen, männlichen und früher in ihrer grossen Mehrheit sehr rechtschaffen bürgerlichen Männern als ‹Fremde› empfunden werden, stehen bestimmt unter besonderer Beobachtung. Und darum müssen sie ganz besonders ‹perfekt› sein.»

Coachen und besser beraten

Stellt sich nun die Frage, ob sich der Sturz eines speziell Beobachteten mit besonderer Betreuung verhindern liesse. Oder anders herum: Wurden Lumengo, Kopp und Özdemir schlecht oder gar nicht beraten? «Leute, die sich so exponieren, müssen ein Umfeld haben, welches genau auf solche Situationen achtet», pflichtet Thomas Kessler, früherer Integrationsbeauftragter der Stadt Basel bei. Und Gross: «Wir können alle aus Lumengos Erfahrung lernen, dass wir in Zukunft Menschen, die hier noch nicht lange zu Hause sind und sich bei uns engagieren, besser begleiten. Oder, wie man heute so sagt, coachen müssen, damit ihnen keine Fehler passieren.»

Vorwürfe an die Adresse von Lumengos Partei, die SP des Kantons Bern, will aber niemand machen. «Es rechnet wohl keine Partei damit, dass Kandidierende Wahlzettel für sich selber ausfüllen», so Stämpfli. Und trotz schwieriger Voraussetzungen für Lumengo kann die Politologin die Rücktrittsforderungen der Partei nachvollziehen. «Diese ist verständlich, da der Fall Lumengo der Kantonalpartei schadet.»

Wenn sich das Umfeld abwendet

Die Rücktrittsforderung bestätige aber wohl auch, «wie einsam es um den SP Nationalrat Lumengo innerhalb seiner Partei geworden ist». Eine Tatsache, mit der auch Elisabeth Kopp leben musste. Cem Özdemir im Gegensatz dazu schaffte ein Comeback. Zum Co-Vorsitzenden der deutschen Grünen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.11.2010, 15:44 Uhr

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Andreas Gross empört über seine Partei

Der Zürcher Nationalrat stellt sich gegen die Position seiner Partei, der SP Schweiz, die heute ebenfalls Lumengos Rücktritt gefordert hatte. «Ich finde den Positionsbezug der SP-Leitung auf Bundesebene gegen Lumengo völlig falsch, unanständig, unsolidarisch und die Bedeutung und den Sinn des Rechtstaates verkennend. Es ist ein Kotau (Entgegenkommen, Anm. der Redaktion) gegenüber einer derzeit in der Schweizer Politik gefährlichen Tendenz, es an Respekt gegenüber der Integrität eines Menschen mangeln zu lassen und die Bedeutung des Rechtstaates zu verkennen.»

Gross will den Entscheid der nächsten Instanz abwarten. «Erst danach sollten wir meiner Überzeugung nach auch politisch urteilen und Herrn Lumengo entsprechende Konsequenzen nahelegen. Nur so werden wir ihm gerecht. Dies steht jedem Menschen zu.»

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