Politiker erwägen Frauenquote für Zürichs Verwaltung

Die Fraktionspräsidentin der Stadtzürcher SP, Min Li Marti, lanciert das Thema Frauenquote für Kaderpositionen in der Stadtverwaltung. Selbst bürgerliche Politiker sind nun bereit, darüber zu diskutieren.

Bild: Ruedi Widmer

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Der Inhalt dieses politischen Vorstosses ist brisant: SP-Fraktionschefin Min Li Marti will eine Frauenquote für Kaderpositionen in der städtischen Verwaltung. Doch sie weiss, dass es Frauenquoten schwer haben. Das war in den 90er-Jahren schon so. Nach ihrer Nichtwahl zur Bundesrätin lancierte Christiane Brunner die Volksinitiative «Für eine gerechte Vertretung der Frauen in den Bundesbehörden». Bei der Abstimmung scheiterte die Vorlage kläglich.

Nun ist die Frauenquote wieder ein Thema. Auch dieses Mal kommt der Anstoss aus Bern. Dort fordert SP-Stadträtin Lea Kusano in einer Motion eine Frauenquote von 35 Prozent für das Kader in der Verwaltung. Sie sei erstaunt gewesen, wie einfach sie zu den Unterschriften aus verschiedenen Parteien kam, schrieb der «Sonntag». Der Wind hat offenbar gedreht. Die bisherige Politik sei nicht wirklich erfolgreich gewesen, gibt die Berner Stadtregierung selbstkritisch zu. Die Anzahl Frauen in Kaderstellen habe zwischen 2002 und 2009 stagniert. Auch die Zeitschrift «annabelle» nimmt sich des Themas an und startet eine landesweite Kampagne für eine Frauenquote in Führungspositionen.

Reine Quotenfrauen fliegen raus

In Zürich ist der Frauenanteil im obersten Kader der städtischen Verwaltung innerhalb von zehn Jahren von 10 auf 18,5 Prozent geklettert, sagt Dore Heim, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung. Das bedeutet, dass 24 Frauen und 106 Männer Ende 2011 als Direktoren arbeiteten. Die 24 Frauen leiten so unterschiedliche Ressorts wie die Abteilung Verkehr im Polizeidepartement, die Abteilung Statistik im Präsidialdepartement oder die Abteilung Finanzen im Finanzdepartement.

Keine dieser Frauen habe ihre Stelle nur aufgrund ihres Geschlechts bekommen, sagt Heim: «Wenn Frauen nicht qualifiziert sind, fallen sie sofort wieder raus.» Die Hürden, um an die Spitze zu gelangen, seien für Frauen hoch. Dies werde sich erst ändern, wenn auf Kaderstufe «Normalität» herrsche. Das sei der Fall, wenn ein Drittel der höchsten Kaderpositionen von Frauen besetzt sei.

Andrea Sprecher, Co-Präsidentin der SP Stadt Zürich, findet den Anteil von 18,5 Prozent Kaderfrauen in der Verwaltung nicht hoch, höchstens im Vergleich zur Privatwirtschaft. Sie fordert, dieser Anteil müsse steigen. Motivieren liess sie sich vom Berner Vorstoss: «Freiwilligkeit hat nicht den erhofften Erfolg gebracht.» Eine Frauenquote mit verbindlicher Zielvorgabe ist für Sprecher deshalb dringend notwendig. Wie hoch die Quote sein soll, lässt sie offen. Die SP-Frauenspitze will das Thema nun in der Fraktion ansprechen und auch im Parlament sondieren, ob sie für eine Quote eine Mehrheit findet.

30 Jahre reichen nicht

Die SP hat die Unterstützung der Grünen auf sicher. Gemeinderätin Karin Rykart findet Frauenquoten ein «wichtiges Thema». Zwar gebe es im städtischen Personalrecht diverse Artikel zur Chancengleichheit von Mann und Frau, zur Förderung flexibler Arbeitszeitmodelle, zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch die Stadtverwaltung sei nach 30 Jahren Gleichstellungsartikel noch nicht dort angekommen, wo sie sein müsste – und sein könnte: «Eine Quote ist eine griffige Massnahme, um diesen Artikeln mehr Schub zu geben.»

Bürgerliche Politiker hingegen lehnen die Frauenquote ab. Gian von Planta, Fraktionschef der Grünliberalen, betrachtet sie als Hindernis bei der Stellenbesetzung. Für FDP-Gemeinderätin Claudia Simon bedeutet sie einen Zwang. Ihrer Ansicht nach sind Tagesschulen und flexiblere Arbeitszeitmodelle entscheidend, damit Frauen in Kaderpositionen aufsteigen können. CVP-Stadtparteipräsident Markus Hungerbühler und Gian von Planta können sich hingegen vorstellen, eine freiwillige Zielvorgabe zu diskutieren. Diese würde vorgeben, wie stark der Frauenanteil bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wachsen soll.

Mauch hat 50 Prozent Frauen

Der Stadtrat setzt vor allem bei Teilzeitpensen an. Schon heute ist Teilzeitarbeit in Kaderpositionen bei der Stadt möglich. Für Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) ist das eine der wichtigsten Errungenschaften, um Frauen und Männer in Kaderstellen zu fördern. «Sie erlaubt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.» Es gebe bereits Männer und Frauen an der Spitze, die lediglich 80 oder 90 Prozent arbeiten.

Die Besetzung des obersten Kaders in der Verwaltung ist Sache der Stadträte. So können sie die Personalpolitik beeinflussen. Kathrin Martelli (FDP), frühere Vorsteherin des Hochbaudepartements, habe in drei von vier Dienstabteilungen Direktorinnen eingesetzt und auch im mittleren Kader Frauen «extrem gefördert», sagt Dore Heim. Corine Mauch erhöhte den Frauenanteil in ihrem Departement ebenfalls. Als sie vor drei Jahren anfing, waren sieben von zehn Kaderstellen mit Männern besetzt. Inzwischen sind es gleich viele Männer wie Frauen.

Schwieriger IT-Bereich

Eine Frauenquote ist für die Stadtpräsidentin momentan keine Option. «Es gibt Bereiche, in denen es äusserst schwierig ist, Kaderstellen mit Quoten zu regeln», sagt Mauch. Zum Beispiel im IT-Bereich. Dort arbeiten hauptsächlich Männer. Das Lohnniveau in der Privatwirtschaft ist aber ungleich höher als die Lohnklasse für gleichwertige städtische Angestellte. «In solchen Situationen sind Quoten nur hinderlich.» Andererseits weiss Mauch, dass sie auch Vorteile bringen. Ganz entscheidend sei, dass das untervertretene Geschlecht bei gleichwertiger Qualifikation so lange Vorrang hat, bis ein paritätisches Verhältnis zwischen Frauen und Männern erreicht ist.

Dore Heim vertritt als Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung eine andere Meinung als ihre Chefin. «Ich bin überzeugt, dass es eine Quote braucht. Das gilt für Geschäftsleitungen und Verwaltungsräte von Grossunternehmen. Aber auch in den Verwaltungen könnte eine Quote die Entwicklung entscheidend beschleunigen.»

Erstellt: 16.08.2012, 09:09 Uhr

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Matthias Mölleney (52) ist Präsident der Gesellschaft für Personal-Management Zürich. Bis 2011 war er Promotor der Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Firmen. Dazu war er von der Regierung gewählt worden.
Bild: PD / ZGP

Personalfachmann Mölleney über den Nutzen von Frauenquoten

In der Stadt Zürich wird eine Frauenquote für Spitzenpositionen in der Verwaltung diskutiert. Wie beurteilen Sie das?
Wir benötigen unbedingt mehr Frauen in der Führungsetage. Sie haben ein Recht darauf, Spitzenpositionen einzunehmen. Zudem brauchen wir neue Ansätze. Ich bezweifle aber, dass eine Quote die richtige Massnahme ist.

Wie wollen Sie das Problem lösen?
Wir brauchen ein neues Führungsverständnis, das über zahlenorientiertes Denken hinausgeht und die menschliche Perspektive miteinbezieht. Führen wir eine Frauenquote ein, arbeiten einfach mehr Frauen mit, die bereit sind, sich im bestehenden System zu arrangieren. Wir benötigen aber einen Systemwechsel. Dieser würde automatisch ausgewogenere Führungsteams mit sich bringen.

Wie soll dieser neue Führungsstil aussehen?
Unser heutiges Führungssystem stammt aus der Industrialisierung. Entscheidend sind Zielvorgaben und Kontrollen, doch das reicht nicht mehr. Wir leben in einer Wissensgesellschaft, mehr als die Hälfte der Jobs sind Wissensarbeitsplätze. Wer in einem Kreativjob acht statt vier Stunden arbeitet, erreicht nicht doppelt so viel. Wir messen aber auch dort Anwesenheit wie zu den Zeiten der ersten Fabriken. Dabei könnte ein Arbeitsumfeld, das Vertrauen höher gewichtet, zu mehr Kreativität führen.

Ein über 150 Jahre gewachsener Führungsstil lässt sich nicht einfach kippen. Wo würden Sie ansetzen?
Es gibt Firmen wie beispielsweise Goretex, die demokratisch geführt werden und damit Erfolg haben. Man müsste solche Beispiele analysieren und herausarbeiten, welche Ansätze auch bei uns funktionieren. Ein Arbeitgeber mit Vorreiterrolle wie die Stadt Zürich könnte mit neuen Ansätzen experimentieren. Warum nicht in einem Bereich, der sich dafür eignet, mit flachen Hierarchien oder Arbeiten ohne fixe Arbeitswochenstunden experimentieren?

Seit Norwegen die Frauenquote eingeführt hat, sind je nach Bereich mehr als die Hälfte der Manager im öffentlichen Sektor Frauen.
Es gibt in Norwegen Frauen, die eine grosse Anzahl von Mandaten haben, doch die Wirtschaftslandschaft ist bis jetzt dieselbe geblieben. Generell lässt sich sagen: In den Ländern, die eine Frauenquote eingeführt haben, hat sich das herrschende Führungsverständnis noch nicht erkennbar verändert.

Sind bessere Rahmenbedingungen nötig, damit Frauen Familie und Beruf einfacher verbinden können?
Die Rahmenbedingungen sind nicht das Problem. Was fehlt, sind Manager in Führungspositionen, die sie auch vorleben. Will ein top qualifizierter Uni-Abgänger Karriere machen und eine Familie gründen, denkt er erst: «Das ist ja problemlos machbar.» Dann realisiert er, dass an der Spitze niemand Teilzeit arbeitet und er mit einem Teilzeitpensum seine Karriere abhaken müsste.

Mit Matthias Mölleney sprach Monica Müller

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