Politiker wollen mehr Homeoffice für Bundesbeamte

Erkrankte Angestellte können Heimarbeit gerichtlich erzwingen. Das gehe zu weit, finden Kritiker.

Dichte Verhältnisse am Arbeitsplatz: Grossraumbüro von Ringier Axel Springer Schweiz. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Dichte Verhältnisse am Arbeitsplatz: Grossraumbüro von Ringier Axel Springer Schweiz. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Die 51-jährige Sachbearbeiterin hatte nicht nur Mühe mit ihrem Arbeitsplatz – sie litt. Und zwar so stark, dass sie krankgeschrieben werden musste. Daran konnten auch die «Think Tank»-Zonen im neuen Grossraumbüro des Bundesamts für Informatik (BIT) nichts ändern. Ein ärztliches Attest hielt am 6. Oktober 2014 fest, dass die Frau die Arbeitsbedingungen in den neuen Räumlichkeiten nicht ertrage. Sie gehöre zu jenen 20 Prozent der Bevölkerung, die eine «hohe Sensibilität» aufwiesen. Die Ärztin unterstützte den Vorschlag der Sachbearbeiterin, wöchentlich zwei Tage im Büro und zwei Tage zu Hause zu arbeiten.

Aber der Chef lehnte den Vorschlag ab, und der Fall eskalierte. Die Frau erhielt die Kündigung, später klagte sie. Am Ende musste das Bundesverwaltungsgericht entscheiden – und fällte ein brisantes Urteil. Die «SonntagsZeitung» hat nun den Entscheid vom 22. November 2017 öffentlich gemacht. Das dreiköpfige Gremium (CVP/FDP/SVP) gab überraschend der Frau recht und sprach ihr eine Entschädigung von einem halben Jahreslohn zu – die Kündigung sei unbegründet gewesen. Das BIT hätte ihr mindestens einen längeren Homeoffice-Versuch anbieten müssen. Das Urteil ist rechtskräftig. Laut Arbeitsrechtler Thomas Geiser handelt es sich um ein Leiturteil, er vermutet, dass sich nun einige Bundesangestellte ein Recht auf Home­office erkämpfen könnten.

Mindestens ein Tag Homeoffice

Bei den Gewerkschaften kommt der Entscheid gut an: «Ich finde es nichts als richtig, dass die Angestellte ihren Anspruch durchsetzte», sagt VPOD-Sekretär Christof Jakob, zuständig fürs Bundespersonal. Er höre immer wieder von Angestellten, die sich beklagten, dass sie mit ihrem Antrag auf Homeoffice beim Chef nicht durchkämen. Jakob fordert für Bundesangestellte ein Anspruch auf Homeoffice von mindestens einem Tag pro Woche – sofern es vom Jobprofil her Sinn mache: «Es ist klar, dass ein Zöllner nicht von zu Hause aus arbeiten kann.»

Beim Bund gilt heute: Der Chef entscheidet. Seit dem 1. Januar 2018 gibt es zwar eine neue Richtlinie zu mobilen Arbeitsformen. Das Dokument positioniert die Verwaltung als modernen Arbeitgeber, nebst Homeoffice ist auch das Arbeiten unterwegs geregelt, etwa für Pendler, die ihre Zugfahrten bisweilen an die Arbeitszeit anrechnen dürfen. Allerdings heisst es im Papier auch klar und deutlich: «Es besteht kein Anspruch auf mobile Arbeitsformen.»

Für GLP-Präsident und -Nationalrat Jürg Grossen (BE) ist das zu konservativ: «Der Bund macht viel zu langsam vorwärts», sagt der Unternehmer. Grossen hat im Parlament bereits 2012 einen Vorstoss eingereicht, um Homeoffice in der Verwaltung Schub zu geben. Er sagt, in einer modernen Firma müsste es möglich sein, auch einer Person wie der BIT-Sachbearbeiterin ein geeignetes Arbeitsmodell anzubieten. Es brauche einen Mix aus Grossraumbüros und kleinen Räumen. Für Grossen ist Homeoffice ein Trend, der sich nicht aufhalten lässt – «ich bin überzeugt, dass man sich nicht jeden Tag im Büro sehen muss».

«Zu Hause weniger produktiv»

Ein zweiter liberaler Unternehmer im Nationalrat spricht deutlich kritischer über die Arbeit zu Hause. Der FDP-Politiker Marcel Dobler (SG) sagt: «Natürlich kommt es sehr auf das einzelne Stellenprofil an, aber nach meiner Erfahrung sind die Leute zu Hause weniger produktiv.» Der Co-Gründer des Onlinehändlers Digitec sieht auch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts kritisch: «Ich finde es schwierig, wenn es möglich ist, mithilfe eines Arztzeugnisses Home­office zu erzwingen.»

Brisant ist der Entscheid auch deshalb, weil sich nun die Frage stellt, ob er ebenso für den privaten Arbeitsmarkt gilt. Laut Arbeitsrechtler Geiser hat der Grundsatz allgemeine Bedeutung, weil die Richter mit dem auch im Privatsektor gültigen Arbeitsgesetz argumentierten. Allerdings ist dort der Kündigungsschutz anders ausgestaltet, weshalb eine Eins-zu-eins-Übertragung fraglich sei.

Geiser sagt, dass ein «blosses Unbehagen» im Grossraumbüro nicht ausreiche. Erforderlich sei eine Gefährdung der Gesundheit, belegt durch ein Arztzeugnis. Ähnlich argumentiert auch der Arbeitgeberverband: Für gesunde Arbeitnehmende lasse sich aus dem Entscheid mit grösster Wahrscheinlichkeit kein Anspruch auf Homeoffice ableiten, so Direktor Roland Müller.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2018, 20:13 Uhr

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