Polittalent vs. pragmatischer Romand

Die SP schickt Alain Berset und Pierre-Yves Maillard ins Rennen für den Bundesrat. Wer sind die beiden Politiker, die der Partei am 14. Dezember den zweiten Sitz erhalten sollen?

Politische Gegner in der selben Partei: Alain Berset und Pierre-Yves Maillard nach ihrer Nomination am Freitag.

Politische Gegner in der selben Partei: Alain Berset und Pierre-Yves Maillard nach ihrer Nomination am Freitag. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist erst 39 Jahre alt und kann bereits auf eine politische Bilderbuchkarriere zurückblicken. Nun nimmt der Freiburger SP-Ständerat Alain Berset Anlauf für den Sprung in den Bundesrat.

Weggefährten attestieren ihm politische Reife und grosses Talent. Selbst im bürgerlichen Lager gilt Berset als valabler Bundesratskandidat. Da erstaunt es nicht, dass er zusammen mit dem Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard als Favorit für die Nachfolge von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey gehandelt wird.

Angriffsfläche bietet Berset wenig, es sei denn, seine mangelnde Exekutiverfahrung. Darauf angesprochen winkt er ab: «Es gibt keinen Fähigkeitsausweis für den Bundesrat», sagte er Anfang Oktober bei der Bekanntgabe seiner Bundesrats-Ambitionen.

Klar linke Positionen

Einige halten den Berufspolitiker für ehrgeizig, doch seine Haltung vermittelt eine andere Botschaft. Er wirkt gesetzt und entspannt, seine Rede ist klar und gewandt, seine Kleidung stets auffallend elegant. Den linken Heisssporn spielt der Ständerat jedenfalls nicht, auch wenn er klar linke Positionen vertritt.

Nach seiner Wahl ins eidgenössische Parlament etablierte sich Berset schnell als Schwergewicht innerhalb seiner Fraktion und als gewichtige Stimme der Westschweiz. 2007 soll er zu den aktiven Strippenziehern bei der Abwahl von Ex-Bundesrat Christoph Blocher gehört haben.

Wirtschaftsfachmann

Über die Parteigrenzen hinweg wird seine Dossierkenntnis anerkannt. Gerade in der jüngsten Finanzkrise hat er sich als Wirtschaftsfachmann einen Namen gemacht und damit nebenbei bewiesen, dass die SP auch in komplexen finanztechnischen Fragen beschlagen ist.

Berset präsidiert derzeit die Staatspolitische Kommission. Darüber hinaus hält er nur wenige Ämter, so etwa das Präsidium einer Freiburger Behindertenorganisation oder des Westschweizer Mieterverbandes.

Sporen im Kanton Freiburg abverdient

Als studierter Politologe und Wirtschaftswissenschaftler arbeitete Berset zunächst in der Forschung. Von 2002 bis 2004 war er Berater des Neuenburger Volkswirtschaftsdirektors Bernard Soguel.

Seine politischen Sporen verdiente er sich im Freiburger Verfassungsrat ab, wo er von 2000 bis 2004 die SP-Fraktion anführte. Zuvor war er an seinem Wohnort Belfaux im Gemeinderat.

Als 31-Jähriger schaffte Berset 2003 den Sprung aufs Bundesparkett. Er jagte dem freisinnigen Ständerat Claude Cornu den Sitz ab und knüpfte wieder an die lange Tradition sozialdemokratischer Standesvertreter aus dem Kanton Freiburg an.

Vier Jahre später schaffte er die Wiederwahl. Mit 36 Jahren wurde Berset einer der jüngsten Ständeratspräsidenten der Schweiz. Bei den Ständeratswahlen von Ende Oktober überflügelte er schliesslich sogar den bekannten CVP-Mann Urs Schwaller.

Das Politisieren wurde Berset quasi in die Wiege gelegt. Seine Mutter Solange Berset präsidierte mehrere Jahre lang die Freiburger SP. Schon sein Grossvater, François Angéloz, war politisch aktiv.

Alain Berset ist verheiratet und hat drei Kinder. Zusammen mit seiner Familie wohnt er im elterlichen Haus in Belfaux. In seiner Freizeit spielt er gerne Klavier.

Pierre-Yves Maillard: Ein pragmatischer Linker

Der 43-jährige Waadtländer Regierungsrat Pierre-Yves Maillard gehört zum linken Flügel der SP. National profilierte er sich als Kämpfer gegen die Strommarktliberalisierung und für eine Einheitskrankenkasse. Als Regierungsrat zeigt er sich pragmatisch.

Maillard steht zu seinen linken Positionen. Er sieht sich selber aber nicht als extremer, sondern als pragmatischer Linker. Er steht zur Konkordanz und zum Kompromiss, auch mit der SVP. Ausserdem sei er kein «Euroturbo» und befürworte die Wahl des Bundesrates durch das Volk, bekannte Maillard bei der Bekanntgabe seiner Kandidatur.

In Bern ist der 43-Jährige sieben Jahre nach seinem Wechsel vom Nationalrat in die Waadtländer Exekutive zwar nicht mehr so gut vernetzt, als Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz hat er aber immer noch Gewicht. Beim Volk punktete er als Anführer des Referendums gegen die Strommarktliberalisierung, das er 2002 an der Urne gewann.

Pierre-Yves Maillard wurde am 16. März 1968 als Sohn eines Garagisten und Enkel eines Gemeindepräsidenten von Porsel FR geboren, der der BGB, notabene der heutigen SVP, angehörte. Von seinem Grossvater erbte er das politische Flair. Als Kind wollte er Fussballer werden.

Sensibilität für Ungerechtigkeiten

Weder seine Herkunft noch seine Erwartungen als Jugendlicher hätten ihn darauf vorbereitet, sich die Frage einer Kandidatur für den Bundesrat zu stellen. «Ich träumte nicht davon, Bundesrat zu werden.» Die Lust an der Politik habe er durch die Sensibilität für Ungerechtigkeiten bekommen. Die Karriere kam erst später, «als Mittel, die Verhältnisse falls möglich zu ändern».

Zunächst studierte Maillard aber an der Universität Lausanne Philosophie, Geschichte und Französisch. Nach dem Studium war er als Sekundarlehrer und von 2000-2004 als Regionalsekretär der Gewerkschaft Smuv tätig.

Mit 22 Jahren gehörte Maillard bereits dem Stadtparlament von Lausanne an und erklomm von da an Stufe um Stufe auf der politischen Karriereleiter. Mit 27 Jahren wurde er vom damaligen Waadtländer SP- Regierungsrat Jean Jacques Schwaab zum persönlichen Berater in Sachen Schulwesen ernannt.

Starke Figur in der Romandie

Bald darauf präsidierte Maillard die SP der Stadt Lausanne und dann die kantonale. 1999 wurde er mit 31 Jahren als einer der jüngsten in den Nationalrat gewählt und 2003 - bereits Wahllokomotive - mit dem besten Resultat aller Waadtländer Nationalräte bestätigt. 2004 wechselte er in die Kantonsregierung. Von 2004-2008 war er Vizepräsident der SP Schweiz.

Als Chef des Departementes für Soziales und Gesundheit mauserte sich Maillard in den vergangenen sieben Jahren neben seinem FDP- Regierungskollegen Pascal Broulis zu einer starken Figur in der Regierung und in der Romandie.

Maillard nimmt für sich und Broulis in Anspruch, den Kanton Waadt aus der Finanzkrise geführt zu haben. Diesen Frühling brachte er zudem sein Projekt zur Einführung von Ergänzungsleistungen für «Working Poor»-Familien an der Urne durch.

Maillard stand dabei öffentlich dazu, dass sein Vater als Garagist für kurze Zeit Sozialhilfe in Anspruch nehmen musste, um die Familie durchzubringen. Pierre-Yves Maillard ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

Der Kanton Waadt hofft auf die Wahl Maillards, war er doch seit 1998 nach dem Rücktritt von Jean-Pascal Delamuraz nicht mehr in der Landesregierung vertreten.

(mrs/sda)

Erstellt: 25.11.2011, 22:38 Uhr

Bildstrecke

Das SP-Kandidatenkarussell ist entschieden

Das SP-Kandidatenkarussell ist entschieden Die Würfel sind gefallen: Pierre-Yves Maillard und Alain Berset sind die SP-Kandidaten für den Bundesrat.

Artikel zum Thema

SP nominiert Berset und Maillard

In der Wahl um den ersten Listenplatz auf dem Zweierticket der SP setzte sich zunächst Alain Berset durch. Dann machte auch Pierre-Yves Maillard das Rennen. Mehr...

Der linke Freund der SVP

Hintergrund Pierre-Yves Maillard und Alain Berset sind die Favoriten der SP für die Bundesratswahl. Maillard, der Linkere der beiden, hat bei der SVP besonders gute Karten. Warum? Mehr...

«Der Mann ist gut»

Alain Berset und Pierre-Yves Maillard gelten als Favoriten für den frei werdenden SP-Bundesratssitz. Wer hat die besseren Chancen? Eine Umfrage unter Parlamentariern und Experten. Mehr...

Blog

Kommentare

Paid Post

Tipps für eine einfache und sichere Tourplanung

Das Smartphone ist auf gutem Weg, die Skitourenplanung zu erobern. Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Helfer.

Die Welt in Bildern

Keine ruhige Fahrt: Möwen fliegen über einen Mann, der am frühen Morgen in Neu Dehli mit seinem Boot über den Fluss gleitet. (21. November 2018)
(Bild: Anushree Fadnavis) Mehr...