Preisexplosion für Genfer Villen nährt Verdacht auf Geldwäscherei

Angehörige östlicher Potentaten zahlen Fantasiepreise für Häuser in Genfer Nobelvororten. Die Gemeindebehörden sind beunruhigt und möchten wissen, woher das Geld stammt.

Gut versteckt: Die Villa des Syrers Ead Samawi in Cologny, gekauft für angeblich 38 Millionen Franken.

Gut versteckt: Die Villa des Syrers Ead Samawi in Cologny, gekauft für angeblich 38 Millionen Franken. Bild: Edipress

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Die Hauptstrasse, die von Genf nach Cologny und weiter nach Vandœuvres führt, säumen mannshohe Mauern oder Hecken. Dahinter verbergen sich Herrenhäuser, die wohlhabende Genfer Familien im 18. und 19. Jahrhundert errichteten, oder Villen aus neuerer Zeit. Die Gemeinden am linken Genferseeufer sind seit langem bevorzugte Wohnlagen für Betuchte. In Vandœuvres dürfen Normalsterbliche immerhin in einem dieser herrschaftlichen Landhäuser ein- und ausgehen. Es ist der Sitz der Gemeindeverwaltung.

«Wir waren immer eine teure Wohngegend», sagt Bürgermeisterin Catherine Kuffer im vornehmen Salon. Die Liberale Kuffer ist seit acht Jahren Bürgermeisterin des Dorfes, das knapp 2700 Einwohner zählt. Als sie ihr Amt antrat, war es nicht aussergewöhnlich, dass «ein schönes Anwesen mit viel Umschwung» für 10 Millionen Franken die Hand wechselte. Doch die Preise, die inzwischen für Wohnhäuser bezahlt werden, haben laut Kuffer «jeden Bezug zur Realität verloren». Die Bürgermeisterin ärgert sich über solche «Auswüchse».

75 Millionen für eine Villa

Im Juli 2010 kauften Lola Karimowa-Tillyaewa, die jüngere Tochter des usbekischen Präsidenten Islam Karimow, und ihr Ehemann Timur Tillyaew für 43,4 Millionen Franken eine Villa. Auf den Quadratmeter umgerechnet betrug der Kaufpreis fast 7500 Franken. «Das ist nicht ein Schloss in einem Park, sondern lediglich ein hübsches Einfamilienhaus mit Garten», sagt die Bürgermeisterin. Dieselbe Liegenschaft hatte vier Jahre zuvor für 13,6 Millionen die Hand gewechselt. «Ich weiss nicht, wie sich diese Entwicklung bremsen lässt. Es wird immer schlimmer», sagt Kuffer.

Anfänglich trieben Araber mit ihren Petrodollars die Preise für Villen in den sanften Hügeln über dem Genfersee hoch. Seit einigen Jahren sind es jedoch Angehörige oder Freunde korrupter Autokraten aus dem Gebiet der früheren Sowjetunion, die à tout prix ein Haus in den Beverly Hills von Genf erwerben wollen. So kaufte Lola Karimowas ältere Schwester Gulnara im Januar 2009 in Cologny für 18,2 Millionen Franken ein Wohnhaus auf einer 2473 Quadratmeter grossen Parzelle. Im selben Dorf habe der Syrer Ead Samawi, ein Geschäftsfreund des weissrussischen Diktators Alexander Lukaschenko, 38 Millionen Franken für eine 10'000 Quadratmeter grosse Liegenschaft mit Seesicht hingeblättert, berichtete kürzlich die «Tribune de Genève».Den Rekord hält allerdings Dinara Kulibajewa, die Tochter des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Ende 2009 erwarb sie in Anières eine Villa mit Seeanstoss für 74,7 Millionen Franken. Das entspricht 9400 Franken pro Quadratmeter – dreimal mehr als an dieser Toplage sonst bezahlt wird.

Multimillionäre bevorzugt?

Wegen solcher Preisexzesse stellen sich Behörden und alteingesessene Bewohner der Nobelvororte dieselbe Frage wie Bürgermeisterin Kuffer: «Woher stammt das Geld dieser superreichen Leute aus dem Osten?» Der ehemalige Genfer Generalstaatsanwalt Bernard Bertossa äusserte den Verdacht auf Geldwäscherei (siehe Artikel rechts). Bertossa hatte sich in einem Bestechungsfall eine vorübergehende Sperre von Konten Nasarbajews in der Schweiz erwirkt.

In Cologny interessiert Gemeinderat Roger Meylan nicht nur «die Farbe des Geldes» der Villenkäufer. «Mich wundert, wie leicht diese Ausländer zu Aufenthalts-, Kauf- und Baubewilligungen kommen», sagt der 63-Jährige Winzer, der diese Woche eine lange politische Karriere als Einwohnerrat, Bürgermeister und einfaches Exekutivmitglied abschliesst. In Stadtkanton Genf erteilen anstelle der Gemeinden kantonale Behörden Baubewilligungen und veranlagen die Steuern.Gemäss der Lex Koller müssen Ausländer, die nicht EU-Bürger sind und in der Schweiz Wohneigentum erwerben wollen, eine Daueraufenthaltsbewilligung besitzen und im gekauften Objekt tatsächlich wohnen. Im Fall von Dinara Kulibajewa seien diese Voraussetzung erfüllt gewesen, beschied der Bundesrat dem Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga in einer Fragestunde. Woher die Mittel für den Grundstückerwerb stammten, hätten die Behörden nicht zu prüfen, hiess es.Bleibt die Frage, weshalb Angehörige und Freunde östlicher Potentaten so leicht zu einer Aufenthaltsbewilligung kommen? Das Generalsekretariat der Genfer Justiz- und Polizeidirektion gibt eine nichtssagende Auskunft zur Praxis der kantonalen Fremdenpolizei: Man prüfe bei jedem Gesuch «sorgfältig», ob die im Bundesrecht genannten Voraussetzung erfüllt seien. Der Genfer Anwalt und Spezialist im Ausländerrecht, Olivier Mach, glaubt den Grund zu kennen, weshalb Multimillionäre aus dem Osten so leicht Aufenthaltsbewilligungen erhalten. Seit der letzten Revision des Ausländergesetzes, die 2008 in Kraft trat, darf die Fremdenpolizei «aus höheren kantonalen Interessen in Steuersachen» Aufenthaltsbewilligung auch Ausländern erteilen, die die gesetzlichen Anforderungen nicht erfüllen.

Fast alle pauschal besteuert

In Genf werden die Superreichen, die exzessive Preise für Villen zahlen, laut Mach praktisch alle pauschal besteuert. Das bringt dem Kanton und diesen Gemeinden zusätzliche Steuern ein. Sogar dem Anwalt kommt dies vor, «als könne man die Daueraufenthaltsbewilligung kaufen». Aber das Parlament und der Bundesrat hätten das Ausländerrecht eben zugunsten der Kantone so geändert, fügt Mach hinzu.

Der scheidende Gemeinderat von Cologny, Roger Meylan, räumt ein, die Gemeindekasse und das lokale Gewerbe profitierten durchaus vom Zuzug der Multimillionäre. Doch negative Folgen dieser Entwicklung bereiten ihm wie der Bürgermeisterin von Vandœuvres mehr Sorgen: Normalbürger und sogar Ärzte und Anwälte könnten bei solchen Grundstückpreisen nicht mehr mithalten, und die Schülerzahlen der lokalen Primarschulen sinken, weil die Zuzüger ihre Kinder in Privatschulen stecken. In der Erbfolge einheimischer Familien mit mehreren Kindern ziehen die Nachkommen fort. Hat die elterliche Liegenschaft plötzlich so viel Marktwert, kann kein Erbe sie übernehmen und die Geschwister auszahlen.Wenigstens diese Sorge bleibt der Familie des Winzers erspart. «Ich besitze keinen Quadratmeter Boden», sagt -. In Cologny hatte er vom Vater die Pacht der Güter übernommen, die seit Jahrzehnten zwei reichen Familien gehören. Die Rebberge liegen grösstenteils in einer vor Überbauung geschützten Grünzone. Im Weingut an der Strasse nach Vandœuvres wird die Pacht in etwa zwei Jahren von Vater Roger an die Tochter Sarah Meylan übergehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2011, 23:28 Uhr

(Bild: TA-Grafik mrue)

Villa mit Seeanstoss in Anières: Gekauft für 74,7 Millionen. (Bild: PD)

Villa in Vandoeuvres: Gekauft für 43,4 Millionen. (Bild: Google Earth)

Geldwäscherei

Bern ermittelt gegen Ehemann der Villenkäuferin

Die Bundesanwaltschaft führt gegen Tilmur Kulibajew, den Gatten der Besitzerin der 75-Millionen-Villa in Anières, eine Strafuntersuchung wegen Verdachts auf Geldwäscherei. Zum laufenden Verfahren sagt Sprecherin Walburga Bur nur, «es haben Einvernahmen stattgefunden, und es sind Zwangsmassnahmen verfügt worden». Welche Zwangsmassnahmen es sind, ist nicht zu erfahren. Sie kann vorsorglich Konten sperren, andere Vermögenswerte beschlagnahmen oder Untersuchungshaft anordnen. Der Anwalt Kulibajews in dem Verfahren war nicht zu eruieren.

Tilmur Kulibajew ist der Schwiegersohn des Präsidenten Kasachstans, Nursultan Nasarbajew. Eine Gruppe regimekritischer Landsleute beschuldigt Kulibajew, er habe von 2000 und 2005 als Präsident beziehungsweise Vizepräsident zweier Staatsbetriebe im Erdöl- und Erdgassektor Bestechungsgelder kassiert und rund 600 Millionen Dollar auf Schweizer Bankkonten deponiert.Da seine Ehefrau Dinara Kulibajewa für den Fantasiepreis von 74,7 Millionen Franken eine Villa kaufte, kam der Verdacht auf, es sei dabei schmutziges Geld gewaschen worden. Der Genfer SP-Nationalrat Carlo Sommaruga fragte den Bundesrat, weshalb er den Hausverkauf zu einem «völlig überrissenen Preis» an die Tochter des kasachischen Diktators genehmigte. Sommaruga drängt darauf, dass der Bund künftig auch Immobilienhändler und Notare dem Geldwäschereigesetz unterstellt, «um den Immobilienmarkt vor Geldern krimineller Herkunft zu schützen». Die Verhältnisse bei der Tätigkeit der Immobilienmakler hätten sich in den letzten Jahren nicht derart geändert, dass das Geldwäschereigesetz auf sie ausgedehnt werden müsste, antwortete der Bundesrat auf die Interpellation. Der Verzicht erkläre sich dadurch, «dass die Transaktionen im Allgemeinen über Finanzintermediäre getätigt werden, welche dem Geldwäschereigesetz unterstellt sind». Sommaruga widerspricht: «Das Geld für den Kauf einer Villa kann von einer russischen Bank auf ein Konto in einem Offshore-Finanzplatz fliessen, ohne dass eine Bank in der Schweiz involviert ist.» Der Nationalrat hat seinen Vorstoss noch nicht behandelt.

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