Private Entwicklungshilfe soll mehr Gewicht erhalten

Der Zürcher Arzt Paul Vogt bringt die Herzchirurgie in armen Ländern voran. Nun beantragt seine Stiftung Bundesgeld. Politiker unterstützen dieses Ansinnen.

Die Eurasia Heart Foundation will den Transfer von medizinischem Wissen in ärmere Länder fördern: Herzoperation im Kinderspital Zürich. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Die Eurasia Heart Foundation will den Transfer von medizinischem Wissen in ärmere Länder fördern: Herzoperation im Kinderspital Zürich. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Teuer, nutzlos oder sogar schädlich: So lautet die Kritik von rechts an der Entwicklungshilfe des Bundes. Die SVP verlangt, dass die entsprechenden Aus­gaben von mittlerweile jährlich gegen vier Milliarden Franken deutlich gekürzt werden. Zudem will die Volkspartei, dass mehr auf humanitäre Hilfe vor Ort ­gesetzt wird, statt Hunderte von Millionen Franken an UNO-Programme und Hilfswerke zu überweisen, die die Grösse von Konzernen erreicht haben. Die FDP wiederum erwartet, dass der Bund stärker auf wirtschaftliche Zusammenarbeit setzt.

Die Kritik an der Vergabe­praxis im Entwicklungsbereich ist im Parlament angekommen: So hat die Aussenpolitische Kommission des Ständerats kürzlich einen Vorstoss gutgeheissen, ­wonach der Privatsektor bei der Entwicklungshilfe stärker berücksichtigt werden soll.

Wissenslücken stopfen

Kostengünstig, humanitär und hochwirksam – diese Attribute dürfen der Tätigkeit der Eurasia Heart Foundation zugeschrieben werden. Die Stiftung ist 2006 aus den Aktivitäten des Zürcher Herzchirurgen Paul Vogt hervorgegangen. Dieser hat im Jahr 2000 begonnen, in Spitälern in Entwicklungs- und Schwellenländern Herzoperationen durchzuführen, vor allem bei Kindern. Seine erste Station war eine Klinik in China. Weil rasch Anfragen weiterer Spitäler um Unterstützung eintrafen, engagierte Vogt bald Kollegen, stellte Teams ­zusammen und reiste mit ihnen in immer neue Länder, um dort medizinische Entwicklungshilfe zu leisten.

Die Arbeit von Paul Vogt und seinen Fachleuten erschöpft sich nicht darin, Kinder zu operieren, denen ohne Schweizer Hilfe kaum geholfen werden könnte. Die Teams sorgen auch für einen Transfer von medizinischem Know-how: Das lokale Fachpersonal assistiert jeweils bei den Operationen und wird so befähigt, herzkranke Patienten selber behandeln zu können. Mit gezielten Unterrichtseinheiten werden Wissenslücken gestopft. Wo nötig, werden begleitende Massnahmen getroffen, etwa zur Verminderung der Infektions­rate an den Spitälern.

Inzwischen hat die ­Eurasia Heart Foundation Kooperationen mit Spitälern in 13 Ländern aufgebaut, vor allem in Osteuropa und Asien. Bis Ende 2017 konnten über 13'000 Patienten behandelt und davon rund 3200 operiert werden. Weil alle Beteiligten – von der Ärztin über die Pflegefachkraft bis zum Techniker – ihre Arbeitskraft gratis zur ­Verfügung stellen, muss die Stiftung nur für Spesen aufkommen. Das Budget für die geplanten rund 300 Herzoperationen zwischen Juli 2018 und Juli 2019 beläuft sich darum auf gerade mal 750 000 Franken. Pro Operationen bedeutet das Kosten von rund 2500 Franken – ein Betrag, der wohl rekordmässig tief ist.

Da aber viel mehr Anfragen vorliegen, herzkranke Kinder zu operieren, könnte die Stiftung ihre Aktivitäten fast beliebig ­erweitern. Mittelfristig will diese darum 500 Operationen pro Jahr durchführen, langfristig wenn möglich sogar tausend. Das Problem sind allerdings die knappen finanziellen Ressourcen. Die Beiträge von Spendern wachsen nicht gleich schnell wie das medizinische Netzwerk.

Ein Ausweg wäre ein professionelles Fundraising. Dieses würde aber selber viel Geld kosten. Bei der Stiftung zieht man es deshalb vor, bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) anzuklopfen. Treibende Kraft, um an Bundesmittel heranzukommen, ist Margrit Kessler, frühere Präsidentin der Stiftung Patientenschutz.

Lob selbst von der SVP

Kessler sitzt seit letztem Herbst im Stiftungsrat der Eurasia Heart Foundation. Die ehemalige Nationalrätin hat bereits mehrere Parlamentarier von ihren ­Zielen überzeugt. Zu ihnen zählt Christa Markwalder. «Das Prinzip ‹Hilfe zur Selbsthilfe› scheint mir bei Vogts Stiftung vorbildlich verwirklicht», sagt die FDP­Nationalrätin. Auch SVP-Nationalrat Roland Büchel gewinnt Vogts Stiftung viel Positives ab. «Die Aktivitäten beruhen auf privater Initiative und kommen fast ohne Verwaltungsapparat aus», sagt er. Für das Ansinnen, Bundesgeld für die Eurasia Heart Foundation zu beantragen, bringe er zumindest «vorsichtige Sympathie» auf. Er sei zwar überzeugt, dass die Ausgaben der Schweiz für Entwicklungshilfe verringert werden müssten. Vor allem aber müsse die Deza ihre Mittel anders einsetzen und Organisationen mit schlanken Strukturen berücksichtigen.

Ob Paul Vogt und seine Helfer künftig Bundesgeld bekommen, wird sich bald entscheiden: Ende August treffen sich Vertreter seiner Stiftung und der Deza zu einem Gespräch.

Erstellt: 22.08.2018, 06:49 Uhr

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