Privatisierung bei Flüchtlingslagern ist gescheitert

Die Schweizer Asylfirma ORS hat die Zustände menschenunwürdigen Zustände in Flüchtlingslagern nicht gewollt. Aber sie ist vor allem ihren Aktionären verpflichtet.

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Natürlich klingt es verlockend: Weil private Unternehmen angeblich alles besser und vor allem billiger machen als der Staat, können sie wohl auch Asylbewerberzentren besser und billiger managen. Die Schweiz war Vorreiterin bei der Privatisierung des Asylwesens, und dank langjähriger Erfahrung bekam die Schweizer Firma ORS Zuschläge in Deutschland und beinahe ein Monopol in Österreich.

Jetzt zeigt das von ORS verwaltete österreichische Erstaufnahmezentrum Traiskirchen drastisch die Schattenseite der Privatisierung: Das System funktioniert nur im Normalbetrieb, nicht in Ausnahmesituationen, bei plötzlichem Anstieg der Asylbewerberzahlen. Dann kommt es zu «unmenschlichen Bedingungen» (so Amnesty International), dann müssen schwer traumatisierte Kriegsflüchtlinge, schwangere Frauen und Kinder in einem der reichsten Länder Europas im Freien auf dem nackten Boden schlafen.

ORS hat diese Zustände nicht gewollt, die Mitarbeiter arbeiten an der Grenze der Belastbarkeit. Aber die Aktiengesellschaft ist nicht den Mitarbeitern und nicht den Asylbewerbern, sondern ihren Aktionären verpflichtet. Und die schauen in die Bilanzen, nicht in die Schlafsäle des Lagers Traiskirchen.

Die Österreicher waren stets stolz auf ihre Hilfsbereitschaft. Hochwasser, Erdbeben oder Flüchtlingswellen: Bei humanitären Katastrophen rückten Staat und Bevölkerung zusammen. Das Volk spendete ausgiebig, staatliche, private, kirchliche Organisationen sorgten gemeinsam dafür, dass Spenden an den richtigen Stellen effizient eingesetzt wurden. Seit der Privatisierung des Asylwesens gilt dieser Pakt nicht mehr. Der Staat hat nur mehr einen Partner (ORS), das Verhältnis der beiden wird durch Geheimhaltungsklauseln verschleiert. Humanitäre Organisationen und die Zivilgesellschaft werden nicht mehr zur Mithilfe eingeladen, sondern bei der Arbeit eher behindert. Das schafft Misstrauen, Ärger und lässt engagierte Initiativen eher wirkungslos verpuffen. Allein können Privatfirma und Staat die Krise aber nicht mehr bewältigen. Im Asyl­wesen ist das Konzept Privatisierung deshalb gescheitert. Leidtragende sind vor allem die Flüchtlinge.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2015, 06:54 Uhr

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