«Pädophile werden eher rückfällig»

Der forensische Psychiater Steffen Lau ordnet das Urteil der beiden Gerichtsgutachter über Thomas N. ein.

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Herr Lau, heute Vormittag haben zwei Gutachter Thomas N. vor Gericht beurteilt. Wie verhindert man als Gutachter, vom Täter manipuliert zu werden?
In einem ersten Schritt bereitet sich ein Gutachter differenziert auf die Gespräche mit den Beschuldigten vor. Er studiert die Akten und stellt Hypothesen auf, die anschliessend in mehreren Treffen überprüft werden. Dabei ist es besonders sinnvoll, sich mit einem mutmasslichen Täter über einen längeren Zeitraum und gestaffelt zu unterhalten. So wird es auch für den Beschuldigten schwerer, eine allfällige Manipulation aufrechtzuerhalten. Zudem lernen Gutachter früh, dass Manipulationen vorkommen können, und begegnen ihrem Gegenüber deshalb mit einer gesunden Portion Skepsis.

Ist ein Gutachter Freund oder Feind von Menschen, die er beurteilen soll?
Weder noch. Wir begegnen den Beschuldigten mit Neutralität. Das hat auch den Vorteil, dass uns unsere Gegenüber neutral begegnen und oft nicht vornweg abweisend sind.

Was lässt einen Menschen morden?
Mord ist kein einheitliches Phänomen. Es gibt verschiedene Motive, die dahinterstecken und die moralisch unterschiedlich bewertet werden. Die Tatsache, dass Menschen die Möglichkeit haben, sich zu entwickeln, beinhaltet leider auch die Gefahr, dass sie zu Mördern werden können.

Wie meinen Sie das?
Die Freiheit des Menschen, sich zu entwickeln, kann in zwei Pole ausschlagen: Gut oder Böse.

Die Gutachter sprechen in Bezug auf N. von homosexueller Pädophilie. Wie wird eine Person pädophil?
Das sexuelle Interesse am unreifen Körper ist nichts, das sich jemand aussucht. Pädophilie beinhaltete eine genetische Komponente, die man von Geburt an in sich trägt. Im Laufe der eigenen Entwicklung manifestiert sie sich dann.

Ist Pädophilie denn heilbar?
Wir gehen heutzutage davon aus, dass es nicht zu einer echten Heilung kommen kann. Jedoch können Betroffene den Umgang mit der Neigung lernen.

Wie kommt der Übergang von der pädophilen Neigung zur pädophilen Tat zustande?
Nicht jeder, der pädophil ist, wird zum Täter. Gemäss eines wissenschaftlichen Modells durchlaufen mögliche Täter mehrere innere Stufen hin zum illegalen Handeln. So steht beispielsweise am Anfang die Erkenntnis, dass man Kindern gegenüber sexuelle Erregung verspürt. Es folgt die Akzeptanz, dass man diesbezüglich Fantasien hat, und man lässt diese vermehrt zu. Auf diese Stufen folgt das Fantasieren über mögliche Taten, an deren Ende schlussendlich der Entscheid steht, die Tat zu vollziehen.

Wie ist es möglich, dass N. im Vorfeld niemandem aufgefallen ist?
Ohne den Fall im Detail zu kennen, denke ich, dass es für N. jahrelang ausreichte, sich seinen Fantasien hinzugeben, ohne sie auszuleben. Seine Hemmungsmechanismen hielten stand, bis irgendwann der Trieb grösser wurde oder seine Gefühlskälte zunahm. Ungewöhnlich ist jedoch, dass dies so spät und so drastisch geschehen ist.

N. zeige narzisstische Züge oder gar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, heisst es. Woran kann dies erkannt werden?
Narzissmus ist die Neigung, sich selbst als etwas Besonderes zu erleben. Narzissten haben hohe Ansprüche an die Umwelt sowie an sich selbst und neigen dazu, sich über andere zu erheben. Für gewisse Lebensbereiche kann Narzissmus gar produktiv sein, da es Ehrgeiz fördert. In der Straffälligkeit ist es jedoch meist ein Problem, da Narzissten sich oft über den Willen und Bedürfnisse von anderen hinwegsetzen.

Ist wahre Reue für einen Täter wie N. möglich?
Zu Reue gehört, dass man Ideen dazu hat, was man anderen antut, und darüber ein Gefühl von «schuldig sein» entwickelt. Gerade Narzissten fällt dies ausgesprochen schwer, doch ist es möglich, dass dies langfristig passiert. Narzissten tendieren jedoch eher dazu, Selbstmitleid statt Reue zu empfinden.

Wie hoch ist ein Rückfallrisiko pädosexueller Täter?
Pädophile werden eher rückfällig. Für N. eine Diagnose zu stellen, ist jedoch schwierig, da noch weitere Faktoren, wie Narzissmus und Sadismus, eine Rolle spielen.

Ist es möglich, für N. eine lebenslange Prognose vorzunehmen?
Ich komme aus einem Wissenschaftsgebiet, das mit der Erkenntnis arbeitet, dass Prognosen über einen längeren Zeitraum hinaus schwierig sind. Selbst wenn wir annehmen müssten, dass sich ein Täter höchstwahrscheinlich nicht verändert, gehen wir trotzdem nicht davon aus, dass diese Prognose zu 100 Prozent eintrifft.

Aus Rücksichtnahme auf die Opfer und ihre Angehörigen in diesem Fall hat sich die Redaktion dazu entschlossen, unter diesem Artikel keine Kommentare zuzulassen. Wir bitten um Ihr Verständnis. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 18:14 Uhr

Steffen Lau ist Chefarzt in der Forensischen Psychiatrie der Universitätsklinik Zürich. (Bild: Dominique Meienberg)

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