Pünktlich vom Tessin nach Zürich? Nicht im Pendolino

Noch immer sind viele Züge zwischen Mailand und Zürich massiv verspätet. Nur dank parallel fahrenden ICN können die SBB den Fahrplan auf der Gotthardstrecke einigermassen einhalten.

Ein Pendolino unterwegs: Massive Verspätungen sind keine Ausnahmen bei diesen Zügen.

SBB

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer am Freitag vor Pfingsten den letzten Zug von Mailand nach Zürich nahm, kam eine halbe Stunde zu spät an der Limmat an. Das ist kein Einzelfall, sondern nahezu normal: Seit dem Fahrplanwechsel vom vergangenen Dezember hat sich der letzte Zug aus Italien in fast 40 Prozent der Fälle verspätet. Generell weisen die Pendolini vom Typ ETR-470, die Zürich und Mailand je siebenmal täglich verbinden, immer noch teilweise massive Verspätungen auf. Diese häufen sich vor allem in Richtung Süd-Nord und am Nachmittag. Über die Hälfte der drei Züge, die Mailand nach 15 Uhr verlassen, kommen mit mehr als fünf Minuten Verspätung in Zürich an (siehe Grafik).

Erhoben hat diese Werte die Website Cessoalpino.com, die seit 2006 akribisch Pannen und Verspätungen der früheren Cisalpino-Züge auflistet und sich dabei auf offizielle Angaben von SBB und Trenitalia stützt. Teilweise führt die Website auch die Begründung für die Probleme auf. Häufig steht «Verspätung aus Italien». Die SBB bestätigen den Sachverhalt, wenn auch in verklausulierter Form: «Der in zwei unterschiedliche Taktsysteme integrierte Italienverkehr ist ein komplexes System», sagt Sprecher Daniele Pallecchi. Und: «Bei allen internationalen Kooperationen stehen wir vor Herausforderungen mit Verspätungsproblemen ab Vorbahn. Aufgrund anderer Qualitätsansprüche und anderer Rahmenbedingungen im internationalen Verkehr ist der Benchmark grundsätzlich schlechter als beim schweizerischen Inlandverkehr.» Immerhin sei «der Verkehr mit Italien in Bezug auf Pünktlichkeit bereits jetzt schon nahe am internationalen Standard», sagt Pallecchi. Im Klartext heisst das: Züge aus Italien sind immer noch schlechter als diejenigen aus andern Ländern, die den schweizerischen Ansprüchen auch nicht immer genügen.

SBB-Parallelzüge gut besetzt

Die Auswirkungen dieser Verspätungen auf den innerschweizerischen Bahnverkehr halten sich insofern in Grenzen, als die SBB parallel zu den Pendolini auch – gut besetzte – Intercity-Neigezüge (ICN) einsetzen. Am Morgen fahren drei ICN praktisch zeitgleich mit den jeweiligen ETR-470 von Zürich nach Lugano. Am Nachmittag begeben sich drei ICN auf den Rückweg. Zwar dienen diese Parallelkurse nicht dazu, Verspätungen der internationalen Züge aufzufangen, sondern, das hohe Passagieraufkommen zu bewältigen, wie die SBB betonen. Aber ohne diese ICN-Kurse würde der Schweizer Taktfahrplan erheblich gestört.

Zieht man in Betracht, dass bei den Zügen von Zürich nach Mailand die Verspätung häufig in Italien anfällt, hellt sich die Bilanz aus Sicht der SBB etwas auf. «Die Pünktlichkeit hat sich in der Tendenz verbessert», so Pallecchi. Allerdings nur dank einer aussergewöhnlichen Massnahme: Bei der Auflösung der gemeinsamen Tochtergesellschaft Cisalpino haben SBB und Trenitalia vereinbart, in Zürich und Mailand je einen Neigezug in Reserve zu halten. Damit können sie besser auf Ausfälle und Verspätungen reagieren. Laut Pallecchi hat sich dieses System bewährt. Komme ein Neigezug mit mehr als 12 Minuten Verspätung in Zürich an, stellen die SBB den Reservezug aufs Perron.

SBB wollen WCs auswechseln

Die Massnahme ist nötig, weil die Pendolini-Züge vom Typ ETR-470 nach der Ankunft im Zielbahnhof sofort wieder zurückfahren. Das spart Kosten, weil die Züge nicht in den Rangierbereich gestellt werden müssen. Es erschwert aber auch den kleinen Unterhalt und die Reinigung der Züge. Die Kundenvereinigung Pro Bahn fordert daher, dass die SBB davon Abstand nehmen. Ihr Präsident, Edwin Dutler, ist überzeugt, dass sich ohne längeren Zwischenhalt nicht jener Qualitätsstandard erzielen lasse, der in der Schweiz gefragt sei. Zumal der ETR-470 ein pannenanfälliger Zug geblieben sei. Notorisch seien etwa die Probleme bei WCs und Türen.

SBB-Sprecher Pallecchi relativiert: Die Massnahmen der SBB zum besseren Unterhalt der Pendolini «fangen nun an, zu greifen». So habe es in den Monaten April/Mai keine technisch bedingten Totalausfälle gegeben. Bis Ende Jahr seien die SBB in der Lage, den Grossteil der ETR-470-Instandhaltungsarbeiten selber durchzuführen. Und im kommenden Jahr planen sie laut Pallecchi «den Neueinbau von WCs in unseren ETR-470» – nach SBB-Standard.

Erstellt: 25.05.2010, 07:04 Uhr

Verspätungen und Ausfälle auf der Strecke Zürich-Mailand zwischen 13. Dezember 2009 und 18. Mai 2010, in Prozent

Artikel zum Thema

SBB wollen offenbar Siemens-Züge

In der Ausschreibung für 59 neue SBB-Doppelstockzüge hat Siemens angeblich die Nase vorn – vor Bombardier und Stadler. Das schreibt die «Südostschweiz». Mehr...

Die SBB schreiben einen satten Gewinn

Die SBB hat 2009 erneut schwarze Zahlen geschrieben. Dass das Resultat so gut ausgefallen ist, hat einen konkreten Grund, der mit dem Bahngeschäft wenig zu tun hat. Mehr...

SBB-Geheimgang unter den Gleisen

Seit Jahrzehnten verläuft unter dem Gleisfeld beim HB eine kaum bekannte Fussgängerunterführung zwischen den Kreisen 4 und 5. Sie ist zwar Bähnlern vorbehalten, doch hie und da gibt es auch ungebetene Gäste. Mehr...

Kommentare

Paid Post

Studieren von zu Hause aus

Erstmals in der Schweiz lässt sich ein Bachelor virtuell absolvieren. Dieses Set-up erlaubt es den virtuell Teilnehmenden ohne Pendeln zu studieren.

Die Welt in Bildern

Buntes Treiben: Mit dem Schmutzigen Donnerstag hat auch die Luzerner Fasnacht begonnen. Am Fritschi-Umzug defilieren die prächtig kostümierten Gruppen und Guggen durch die Altstadt. (20. Februar 2020)
(Bild: Ronald Patrick/Getty Images) Mehr...