Hintergrund

Quer- und Wiedereinsteiger bedrängen Karrierediplomaten

Die Geschäftsprüfer des Parlaments überprüfen die Rekrutierung fürs diplomatische Corps – unter Verweis auf Schwierigkeiten beim Finden geeigneter Kandidaten. Gehen der Schweiz die guten Diplomaten aus?

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Die Diplomatenlaufbahn steht in der Schweiz pro Jahr nur jeweils zehn bis fünfundzwanzig Glücklichen offen. Im anspruchsvollen Concours diplomatique bewährten sich die Bewerberinnen und Bewerber zuvor mit Sprachkenntnissen, Kommunikationsgeschick und fundiertem Wissen über Staat und Politik. Nach einem diplomatischen Stage haben sie Aussicht auf eine Karriere, bei der am Ende ein Botschafterposten winkt. Diplomat wird man entsprechend fürs Leben – und nicht auf Zeit.

Dieses Modell wird von der Politik nun aber infrage gestellt. «Gehen der Schweiz die (guten) Diplomatinnen und Diplomaten aus?», wollen die Geschäftsprüfungskommissionen des Parlaments wissen und haben dazu eine Überprüfung der Diplomatenrekrutierung als eines von zwei Themen in ihre Jahresplanung aufgenommen.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass das EDA Probleme bei der Besetzung von Posten in Krisengebieten hat und deswegen vom üblichen Vierjahresturnus abweicht. Gehen dem Bund nun aber gleich ganz allgemein die Diplomaten aus, wie es das Schweizer Radio und Fernsehen wissen will? GPK-Präsident Rudolf Joder (SVP, BE) sagte in der Radiosendung «Heute Morgen», man habe festgestellt, dass es immer schwieriger werde, Diplomatinnen und Diplomaten zu rekrutieren. Woran sich dies ablesen lässt, will Joder auf Anfrage nicht weiter ausführen. Die GPK hätten mit dem Entscheid schlicht festgestellt, dass das Thema von Interesse sei.

«Qualitativ sehr gute Bewerbungen»

Ein Blick in die Rekrutierungszahlen zeigt, dass das EDA in den vergangenen Jahren durchaus Diplomatinnen und Diplomaten im üblichen Rahmen rekrutieren konnte. 2012 konnten 22 Bewerberinnen und Bewerber die Diplomatenlaufbahn einschlagen – im Vergleich der letzten zwanzig Jahre überdurchschnittlich viele. Letztes Jahr habe man sich wieder über sehr viele, nämlich rund 300, qualitativ sehr gute Bewerbungen freuen können, schreibt das EDA auf Anfrage. Entsprechend bekunde man «keine Mühe, die gewünschte Anzahl Diplomatinnen und Diplomaten zu rekrutieren.»


Entwicklung der Kandidaturen und Rekrutierungen: Grafik des EDA.

Auch Botschafter Dominik Furgler gab der «Handelszeitung» als Präsident der Zulassungskommission vor knapp einem Jahr zu Protokoll (Artikel online nicht verfügbar): «Die Bewerber bringen heute in der Regel mehr mit als vor einer Generation.»

Auswahlverfahren «ausgehöhlt»

Anders tönt es bei Max Schweizer: Der frühere Diplomat und heutige Hochschuldozent für Aussenpolitik und Diplomatie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften schreibt auf Anfrage, er höre aus Diplomatenkreisen «zum Teil» von ähnlichen Einschätzungen wie jene, die Joder äusserte. Schweizer wertet zudem die Erhöhung der Alterslimite für den Concours von 29 auf 34 Jahre als «Zeichen, dass das System nicht mehr optimal funktioniert». Das nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführte Auswahlverfahren sei «ausgehöhlt» worden, schreibt Schweizer weiter und verweist auf die Interventionen der damaligen Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, welche die Kommission bei der Auswahl von Kandidaten mehrmals überstimmte.

Einschränkend auf die Attraktivität der Diplomatenlaufbahn wirke sich auch eine Nivellierung der Löhne im EDA sowie die Bestimmung aus, wonach sich heute jeder Diplomat nach vier Jahren für einen neuen Posten bewerben muss.

Quereinsteiger sind umstritten

Für Unmut sorgt unter aktiven Diplomaten zudem, dass manche Botschafterposten an Quereinsteiger vergeben wurden. So wurde die frühere Staatsanwältin Carla del Ponte nach ihrem Rücktritt als Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes zur Botschafterin in Argentinien ernannt, die wiederum von Johannes Matyassy abgelöst wurde, der über den Umweg als Chef der Marketingorganisation des Bundes fürs Ausland, Präsenz Schweiz, zum Botschaftertitel kam, allerdings früher bereits für das Bundesamt für Aussenwirtschaft auf der Schweizer Botschaft in Argentinien gearbeitet hatte.

Das Phänomen der Quereinsteiger ist allerdings ein beschränktes: Von den aktuell 352 Personen im diplomatischen Corps haben 9 Personen den diplomatischen Concours nicht nicht absolviert, wobei 5 von ihnen vom Bundesrat auf höchster Kaderstufe ernannt wurden und die restlichen 4 intern ins diplomatische Corps übertraten. Insofern stellt sich mehr die Frage, ob nicht eher Wiedereinsteiger als Quereinsteiger die traditionellen Karrierediplomaten im Konkurrenzkampf um die prestigeträchtigen Botschafterposten bedrängen.

Bei den Wiedereinsteigern handelt es sich um ausgebildete Diplomaten, die den diplomatischen Dienst vorübergehend verliessen, so zum Beispiel Staatssekretär Yves Rossier, der den diplomatischen Stage absolvierte, zwischenzeitlich aber unter anderem Direktor des Bundesamts für Sozialversicherungen war. Weniger lange abwesend vom diplomatischen Dienst war Deza-Chef Martin Dahinden, der vom Bundesrat eher überraschenderweise zum Botschafter in Washington ernannt wurde.

Für die Berücksichtigung externer Kandidaten existieren in manchen Fällen allerdings auch unbestrittene fachliche Gründe für einen Botschafterposten. Das globale Dorf mit seiner «Weltinnenpolitik» brauche zunehmend Fachdiplomaten in den einzelnen Departementen, schreibt der ehemalige Diplomat Max Schweizer. In begründeten Fällen kann er sich deshalb Quereinsteiger vorstellen. Er stellt allerdings aber auch die Frage, ob es berechtigt sei, wenn jemand als Quereinsteiger längerfristig ins EDA aufgenommen werde – «auf einem Niveau, für das andere jahrelang gearbeitet haben».

GPK-Auftrag noch unklar

Worauf die Geschäftsprüfungskommission abzielt, ist bis anhin nicht zu erfahren. Die Parlamentarische Verwaltungskontrolle, welche der GPK untersteht und den Vorschlag laut GPK-Präsident Joder einbrachte, wird nun erst verschiedene Varianten zur Prüfung der Frage erarbeiten – bis der Bericht vorliegt und zusammen mit den Empfehlungen der GPK veröffentlicht wird, dürfte es dauern.

Teil der Prüfung dürfte aber sein, ob das EDA in Zukunft vermehrt auf Quereinsteiger setzen soll – eine Forderung, welche die GPK bereits 2002 stellte, 2009 scheiterte schliesslich ein Projekt dazu auf Widerstand aus dem EDA hin. Was eine weitere Öffnung der Diplomatenkarriere bringen soll, wird die GPK erst aufzeigen müssen – ebenso, ob das EDA wie behauptet tatsächlich Mühe hat, geeignete Kandidaten zu finden.

Erstellt: 05.02.2014, 16:56 Uhr

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