Rätsel Maurer

Je mehr Ueli Maurer austeilt, desto undurchschaubarer wird er. Wie viel Kalkül steckt hinter den Provokationen des Verteidigungsministers?

Will der Verteidigungsminister den neuen Jet wirklich? Ueli Maurer mit einem Modell des Gripen. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

Will der Verteidigungsminister den neuen Jet wirklich? Ueli Maurer mit einem Modell des Gripen. Foto: Alessandro Della Valle (Keystone)

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Maurer und die Frauenwitze, Maurer und die Medien, Maurer und die Neutralität. Und jetzt auch noch Maurer und die Schweden. Seine grösste Sorge vor der entscheidenden Gripen-Abstimmung in der Sicherheitskommission sei der Schweizer Verteidigungsminister, schrieb der schwedische Botschafter Per Thöresson in einer am Dienstag an die Öffentlichkeit gelangten Depesche. Das «grösste Risiko» sei es, wenn Maurer etwas Beleidigendes in der Sitzung sagen würde.

Wie der schwedische Diplomat wohl darauf gekommen ist?

Erheiternd an der aktuellsten Maurer-Debatte ist der Link zu jenem Satire-Video, der immer dann verschickt wird, wenn Maurer wieder irgendwo irgend­etwas Lautes, Freches, Unflätiges gesagt hat. Diesen Clip wird Maurer (63) nicht mehr los. Zwei Minuten lang wird der damalige Nationalrat von einem Komiker vorgeführt. Er wähnt sich in einer Kindersendung und lässt sich alles gefallen. Konfetti auf den Kopf, Umarmungen von einem riesigen Stoffhasen, die «Freudeminute», während der er mit dem Hasen, einer Maus und einem Ritalin-Moderator Ringelreihe tanzt.

So ist er halt, der «Ueli». Sich für nichts zu schade, schmerzfrei, uneitel und immer geradeheraus.

Reminiszenz ans alte Ich

Eigentlich, müsste man meinen, sollte man einen Typ wie Ueli Maurer besser einschätzen können. Einen wie ihn, den Buchhalter aus Hinwil, den ehemaligen Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands und SVP-Parteipräsidenten, der doch schon immer gesagt hat, was er denkt. Der aus dem Bauch heraus handelt, ein «Instinktpolitiker» mit einem feinen Gespür für das Zwischenmenschliche ist. Aber das Gegenteil ist der Fall: Je lauter Maurer poltert, desto rätselhafter wird er. Hat der Verteidigungsminister wirklich bei jeder Provokation einen geheimen Plan im Kopf? Was ist Reminiszenz an das alte Ich als Parteipräsident der SVP und das entsprechende Publikum? Was ist einfach nur Gerede?

Am einfachsten ist die Unterscheidung wohl bei einem Thema, das eine Konstante in Maurers Wirken als Politiker ist: die Medienkritik im Allgemeinen und die Kritik am Schweizer Fernsehen im Speziellen. Wenn der Verteidigungsminister in einem Liveinterview den Moderator der «Rundschau» nach einem in seinen Augen tendenziösen Beitrag wie einen Schulbuben abkanzelt, dann ist ihm der Zuspruch seiner Basis gewiss: Da schiesst ein rechter Politiker gegen das linke Staatsfernsehen.

Auch Maurers Geschichts- und Gesellschaftsverständnis orientiert sich stark an den alten Linien. Der Auftritt als Bundespräsident im Staatsarchiv in Schwyz vor einem Jahr und die Beschwörung der Rütli-Schweiz. Die Verharmlosung des Tiananmen-Massakers während einer Chinareise im vergangenen Sommer, als er sagte, man solle nun einen Schlussstrich «unter diese Geschichte» ziehen. Und die aktuellen Witze über die Rolle der Frau als Gebrauchsgegenstand im Abstimmungskampf zum Gripen: Das ist die Sprache eines gewissen Milieus in der Schweiz, eines starken Milieus, eines Milieus, das Abstimmungen gewinnt. Was kümmert es Maurer, wenn ihn die Medien für diese Auftritte kritisieren?

Komplizierter wird es in der Realpolitik. Das Gripen-Geschäft ist ein Beispiel: Da hat Maurer mit bewussten Tabubrüchen («Wir brauchen fünf Milliarden für die Armee!») die Debatte in seine Richtung gelenkt. Da scheint er mit viel Kalkül ein bestimmtes Ziel zu verfolgen und macht sich scheinbar zum Handlanger von starken Lobbyisten wie dem schwedischen Botschafter. Gleichzeitig weiss man bis heute nicht genau, ob Maurer den Gripen wirklich will oder ob er mit einem Absturz an der Urne liebäugelt – er hat schon Signale in beide Richtungen ausgesandt.

Ähnlich schwierig ist es, die Affäre um ein «Weltwoche»-Interview einzuordnen, als Maurer seinen Bundesratskollegen Didier Burkhalter und dessen Rolle im Krimkonflikt kritisierte. War es ein gezielter Angriff auf Burkhalter? Oder einfach dahergeschwätzt? Ein Geplauder unter Kollegen?

Man weiss es nicht.

In dem besagten zweiminütigen Video aus der Satiresendung des Schweizer Fernsehens werden «Ueli» auch Fragen der Zuschauer gestellt. Stimmt es, möchte Sandrine aus Rheineck wissen, dass Politiker immer die Wahrheit sagen? «Bei mir stimmt es», sagt «Ueli», «ich würde mich nie getrauen zu lügen.» Dazu lächelt er, undurchschaubar.

Maurer ist ein Meister der doppelten Psychologie. Er weiss, dass ihn die Öffentlichkeit unterschätzt. Wir wissen, dass wir ihn unterschätzen. Und sind darum eher bereit, seinen impulsiven Handlungen mehr Raffinesse zuzuschreiben, als sie in Tat und Wahrheit haben.

Vielleicht ist es nämlich auch ganz einfach: Vielleicht ist Ueli Maurer einfach der ungehobelte Parteipräsident geblieben, der er schon in seiner Zeit vor dem Bundesrat war. Der 2003 der «Weltwoche» verriet, solange er «Neger» sage, bleibe die Fernsehkamera auf ihn gerichtet. Der Parteikollegen wie den ehemaligen Bundesrat Samuel Schmid mit einem Blinddarm verglich und auch sonst den Hang zu verletzenden Aussagen hatte.

Ein Kämpfer, gestählt durch die Ablehnung und die Häme, die er zeit seines politischen Lebens ertragen musste. Ueli der Knecht, Ueli der Blocher-Adlat, Ueli die grinsende Imitation an der Seite von Viktor Giacobbo. Ein Polteri, der einfach mal sagt, was er denkt. Aus Lust an der Auseinandersetzung, aus Lust an der Provokation und der Debatte. Manchmal nützt es ihm. Und wenn es ganz danebengeht, entschuldigt er sich halt.

Die grösste Leistung

Wir aber, die interessierte Öffentlichkeit, wir sehen hinter jedem missglückten Scherz, hinter jedem flapsigen Spruch und verbalen Ausrutscher den ganz grossen Plan. Ein ums andere Mal wird Maurer ausfällig. Und wir verzeihen ihm das nicht nur, wir attestieren ihm auch noch Cleverness. Dass wir hinter Maurers Provokationen mehr taktisches Kalkül vermuten, als tatsächlich vorhanden ist, das ist vielleicht seine grösste Leistung.

Erstellt: 30.04.2014, 08:31 Uhr

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Gripen-Abstimmung

Gripen-Abstimmung Am 18. Mai 2014 wurde das «Bundesgesetz über den Fonds zur Beschaffung des Kampfflugzeugs Gripen» abgelehnt.

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