Rakitic und die deutschen Ärzte

Die Schweiz wirbt anderen Ländern Ärzte ohne Ende ab. Warum jammern wir also im Fussball?

In den Spitälern ist der Ausländeranteil hoch, viele könnten den Betrieb ohne diese Verstärkung gar nicht mehr aufrechterhalten.

In den Spitälern ist der Ausländeranteil hoch, viele könnten den Betrieb ohne diese Verstärkung gar nicht mehr aufrechterhalten. Bild: Jens Büttner/Reuters

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Freude herrscht – leider nicht. Jedenfalls nicht bei allen. Dabei ist morgen ein sporthistorisch grosser Tag für ein kleines Land. Zum ersten Mal steht ein Schweizer Fussballer im WM-Final. Ivan Rakitic spielt zwar für Kroatien, ist aber auch Schweizer. Er ist einer jener Doppelbürger, um die sich diese unnötige Debatte dreht, die der Schweizerische Fussballverband (SFV) vor einer Woche losgetreten hat und die ihm inzwischen offenkundig selber peinlich ist.

Rakitic liess sich zuerst jahrelang vom SFV fördern, beschloss dann aber, für Kroatien zu spielen. Das hindert offenbar heute noch viele daran, sich darüber zu freuen, dass morgen ein Schweizer Weltmeister werden kann. Das ist traurig, aber nicht tragisch. Rakitic wird es wohl verschmerzen.

Wichtiger ist etwas anderes. Die Idee des SFV, junge Doppelbürger zum Verzicht auf den zweiten Pass zu drängen, darf nicht Schule machen. Wer einem Jugendlichen eine Ausbildung oder Förderung bezahlt, hat kein Anrecht darauf, dass dieser sich auf Jahre hinaus verpflichtet, im Sinne seines Financiers tätig zu sein, komme, was da wolle. Es ist zwar verständlich, dass sich die SFV-Funktionäre ärgern, wenn ein Spieler nach Jahren abspringt. Trotzdem ist ihre Forderung anmassend, weil sie die Freiheit des Einzelnen unverhältnismässig beschneiden will.

Unser Land ist Weltmeister darin, anderen Ländern Profis abzuwerben.

Das sollte man eigentlich nirgends so gut wissen wie in der Schweiz. Unser Land ist Weltmeister darin, anderen Ländern Profis abzuwerben. Keine Fussballer zwar, dafür andere Fachkräfte in weitaus grösserer Zahl: Pflegepersonal, Informatiker und vor allem sehr viele Ärztinnen und Ärzte. Mittlerweile hat schon jeder dritte Mediziner in der Schweiz ein ausländisches Diplom. In den Spitälern ist der Ausländeranteil noch höher, viele könnten den Betrieb ohne diese Verstärkung gar nicht mehr aufrechterhalten.

Allein den Deutschen haben wir in den letzten Jahren über 6800 Ärztinnen und Ärzte abspenstig gemacht. Hat es hierzulande irgendjemanden gekümmert, dass diese Ärzte in Deutschland ausgebildet worden sind, auf Kosten der deutschen Steuerzahler? Diesen bleibt nur das Nachsehen – und manchenorts der zunehmende Ärztemangel. Als Schweizer hingegen darf man sich die Hände reiben. Ein importierter Arzt ist ein grossartiges Geschäft. Die Kosten eines Medizinstudiums in der Schweiz sind zwar immer noch intransparent, aber allemal hoch. Die Rede ist von mehr als 1 Million Franken pro Facharzt.

Was soll man da noch sagen? Danke, Deutschland! Und: Hopp Kroatien! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2018, 14:25 Uhr

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