«Rattenfänger von Seldwyla»

Der Milliardär Hansjörg Wyss stellt sich gegen den Kurs der SVP. Die Partei riskiere eine ­Abschottung ­der Schweiz. Das bekämen als­ ­Erste die Wissenschaftler zu spüren.

Sorgt sich um die Schweiz: Unternehmer Hansjörg Wyss. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Sorgt sich um die Schweiz: Unternehmer Hansjörg Wyss. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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Normalerweise behält der Berner Unternehmer Hansjörg Wyss seine politischen Ansichten für sich. Der 79-jährige ehemalige Präsident und Hauptaktionär des Medizinaltechnikkonzerns Synthes pendelt zwischen der Schweiz und den USA und ist für die Medien selten fassbar.

Gestern machte der Milliardär, der zu den reichsten Schweizern gezählt wird, eine Ausnahme. An der Tagung von Schweizer Wissenschaftlern zu den Folgen der Zuwanderungsinitiative der SVP in Bern sprach Wyss Klartext. «Wir verbauen unseren Kindern die Zukunft», sagte er und führte in einer eindringlichen Rede aus, weshalb er sich um die Schweiz sorge. Er beobachte seit mehr als 20 Jahren, wie eine politische Gruppe – er nannte sie die «Rattenfänger von Seldwyla» und meinte die SVP – mit ­millionenteuren und systematischen Kampagnen in der Bevölkerung Ängste vor Europa und den Ausländern schüre. Angefangen habe diese erfolgreiche Abschottungspolitik mit dem Nein zum Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum. Vorläufiger Höhepunkt sei nun das Ja zur SVP-Zuwanderungsinitiative am 9. Februar.

«Zurück zur Offenheit»

Für Wyss, der für internationale Konzerne in verschiedenen Ländern gearbeitet hat, ist die EU trotz ihrer Mängel kein Schreckensszenario, sondern ein Gebilde, das wirtschaftlichen Erfolg und Frieden gebracht habe – auch der Schweiz. «De facto gehören wir zu Europa und haben davon profitiert.» In der politischen Diskussion in der Schweiz gehe dieser Aspekt der EU unter. «Und wir vergessen auch immer, was uns die Ausländer alles gebracht haben», sagte er.

Wyss bezeichnete die Situation nach der Annahme der SVP-Initiative als «Scherbenhaufen». Er beneide den Bundesrat und die Spitzenbeamten nicht, die nun eine Lösung mit der EU aushandeln müssten. Den Initianten sei es gelungen, die urschweizerischen Werte zu untergraben. Zum Beweis zitierte Wyss aus der Bundesverfassung: Dort stehe, der Bund müsse «in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt» gestärkt werden. Wyss forderte eine Rückkehr zu diesen Prinzipien, «eine Rückkehr zur Offenheit». Er erwartet von den Wirtschaftsverbänden und den Gewerkschaften eine angemessene Reaktion. «Wir haben nicht den Mut, uns mit den Urhebern solcher Zuwanderungsinitiativen auf eine starke und intelligente Diskussion einzulassen.» In Gesprächen am Rande der Tagung zeigte sich Wyss bereit, eine Initiative zur Erhaltung der bilateralen Verträge finanziell zu unterstützen. Schon der griechische Philosoph Platon habe es gewusst, sagte Wyss: «Jene, die die Geschichten erzählen, regieren die Gesellschaft.» Die SVP habe dies be­griffen. Nun müsse es auch die Wirtschaft begreifen und auf die Bevölkerung zugehen.

Wie kommt Unternehmer Wyss dazu, sich nun, Monate nach der Abstimmung, in die politische Diskussion einzuschalten? Am Anfang war ein Telefongespräch mit einer alten Freundin, Brigitte von Rechenberg. Die Professorin für Veterinärmedizin, die an der Universität Zürich lehrt, berichtete Wyss von den Auswirkungen der Zuwanderungsinitiative auf die Schweizer Nachwuchsforscher. Dass plötzlich nicht mehr klar sei, ob die jungen Talente weiterhin so einfach im Ausland studieren und forschen könnten. Dass europäische Forschungsgruppen Wissenschaftler aus der Schweiz wegen der politischen Unsicherheiten von ihren Projekten ausgeschlossen hätten. Und dass die vom Bund mit der EU ausgehandelte Zwischenlösung für das milliardenschwere Forschungsprogramm Horizon 2020 nur bis 2016 halte. Dass danach wieder Ausschluss, Reputationsschaden und Unsicherheit drohten. «Wir müssen etwas tun», sagten sich Wyss und von Rechenberg. Das Ergebnis des Gesprächs war eine Tagung, an der Vertreter der Wissenschaft zu Wort kommen sollten – mit dem Ziel, endlich auch einmal die Bevölkerung zu erreichen. Als mächtiger Gegenspieler zu SVP-Politiker Christoph Blocher will sich Wyss nicht verstanden wissen: «Das ist Bullshit. Schreiben Sie das genau so.» Er kenne Blocher nicht persönlich. Und er habe keine gute Idee, was er der «Propagandamaschinerie der SVP» entgegensetzen sollte.

Junge Forscher sollen reden

Die Tagungsteilnehmer, die Brigitte von Rechenberg zusammen mit Euresearch, der Agentur des Bundes zur Unterstützung der Schweizer Forscher, nach Bern eingeladen hatte, waren sich einig: Die Wissenschaft müsse sich stärker in die politische Diskussion über das Verhältnis der Schweiz zu Europa einschalten. «Wir wollen zeigen, was die Abschottung für die Kinder der Schweiz bedeutet», sagt von Rechenberg.

Im Zentrum der Tagung standen junge Forscherinnen und Forscher, die erklärten, wie wichtig der Austausch mit Gleichgesinnten in Europa und der ganzen Welt sei. Da war zum Beispiel der 26-jährige Nanotechnologe David Müller. «Die Schweiz ist super. Aber sie ist sehr klein. Fast schon nano», sagte er. Um als Forscher vorwärtszukommen, brauche er ein internationales Netzwerk. Da war auch der Physiker Andreas Wiesmann, Mitinhaber eines Berner KMU. «Wir können nur schneller und besser sein als konkurrierende Grosskonzerne, wenn wir uns mit den besten Forschern Europas austauschen können», meinte er. Das sei mittelfristig nur möglich, wenn die Schweiz ein vollwertiges Mitglied von Horizon 2020 bleibe. Die hochrangigen Wissenschaftler – unter ihnen der Rektor der Universität Zürich Michael Hengartner und der Präsident der ETH Lausanne Patrick Aebischer – übten auch Selbstkritik. Man habe die Bevölkerung zu wenig informiert. Die Wissenschaft müsse den Leuten auch aufzeigen, dass die Globalisierung auch Vorteile bringe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 22:48 Uhr

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