Rektor der Uni Bern sieht bereits negative Folgen

Die Sistierung der Forschungsabkommen mit der EU hat an der Universität Bern bereits Auswirkungen, sagt deren Rektor Martin Täuber. Zurück zum alten System zu gehen, funktioniere nur bedingt.

Martin Täuber ist seit 2011 Rektor der Universität Bern.

Martin Täuber ist seit 2011 Rektor der Universität Bern. Bild: Stefan Anderegg

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Schadet die SVP-Initiative dem Forschungs- und Bildungsplatz Schweiz wirklich, oder machen die Hochschulen mit ihrem gestern publik gemachten offenen Brief an den Bundesrat auf Panik?
Martin Täuber: Nicht die SVP-Initiative schadet, vielmehr die Konsequenzen daraus, nämlich die Einstellung der Verhandlungen zum Forschungsprogramm «Horizon 2020» und dem Austauschprogramm. «Erasmus+».

Bisher wurden bloss Verhandlungen sistiert. Hat dies für die Uni Bern bereits Auswirkungen?
Ja. Am Montag erfuhr ich, dass ein renommierter Forscher an der Uni Bern von seinem europäischen Partner ausgeladen worden ist. Er hat sich mit ihnen um finanzielle Unterstützung für ein Projekt beworben, zu dem er bis jetzt Wesentliches beigetragen hat.

Die Fortsetzung des Studentenaustauschprogramms Erasmus ist infrage gestellt. Die Schweiz nimmt aber erst seit 2011 offiziell daran teil. Davor war der Austausch ebenfalls möglich. Wie funktionierte das?
Die Schweiz übernahm damals sämtliche Kosten – sowohl jene für Schweizer Studierende im Ausland wie auch jene für Ausländer in der Schweiz.

Was spricht gegen die Rückkehr zum alten System?
Eine Rückkehr ist grundsätzlich denkbar. Aber wahrscheinlich drückte die EU vor 2011 wohlwollend ein Auge zu. Ob sie dazu immer noch bereit ist, kann ich nicht sagen.

Seit zehn Jahren ist die Schweiz assoziiertes Mitglied beim EU-Forschungsprogramm. Welche Vorteile bringt das der Uni Bern?
Die Schweiz wird gleich behandelt wie ein EU-Land. Dies erlaubt der Uni Bern, Projektleiter zu stellen, was akademisches Prestige mit sich bringt und eine bessere Vernetzung ermöglicht. Zudem konnten auch einzelne Forscher Anträge zur finanziellen Unterstützung stellen. Dabei ging es oft um namhafte Beträge in Millionenhöhe.

Wie wichtig ist die Geldfrage?
Das ist nur ein Faktor, wenn auch ein gewichtiger. Forschung ist ohne Finanzierung nicht möglich. Zudem tendiert sie dazu, dank neuer Technologien immer teurer zu werden. Ebenso wichtig ist aber der Zugang zu den Forschungsgemeinschaften. Sie tauschen zum Beispiel gegenseitig Methoden aus oder entwickeln Versuchsanordnungen und neue Projekte.

Analog zur Mobilität der Studierenden war auch die Forschung schon vor 2004 international. Was ist so schlimm daran, wenn wir die Finanzierung wieder autonom steuern und die Forschenden sich selber vernetzen?
Dazu muss man festhalten: In den letzten Jahren erhielt die Schweiz rund 50 Prozent mehr Geld aus der EU, als sie selber beigetragen hat. Zudem ist es ein grosser Unterschied, ob man europaweit nach möglichen Partner Ausschau halten kann und solche Partnerschaften dazu auch noch unterstützt werden.

Sie haben als Mediziner in den USA gearbeitet. Internationale Erfahrungen sind also nicht von diesem Abkommen abhängig.
Ich ging mit einem Forschungsstipendium des Schweizerischen Nationalfonds nach Amerika. Das wird natürlich weiterhin möglich sein. Selbstverständlich bleibt jetzt nicht alles stehen. Doch wer einzeln nach Partnern suchen muss, hat eine ganz andere Ausgangslage, als sie bis jetzt bestanden hat. Insbesondere muss die Finanzierung anders organisiert werden. Es ist einfach so: In den letzten Jahren entwickelte sich vieles in Richtung Europa. Die EU ist der wichtigste Partner für die Schweiz.

Was wäre nicht mehr möglich, wenn die Schweiz bei «Horizon 2020» nur mehr als Drittstaat partizipieren könnte?
Schweizer Forscher werden nicht mehr den Lead übernehmen können bei einem europäischen Projekt. Auch Einzelanträge für finanzielle Unterstützung werden nicht mehr möglich sein. Bis sich die Situation geklärt hat, wird der Austausch mindestens stark eingeschränkt werden.

Schweizer Forschung ist top. Muss darum nicht auch der EU an einem möglichst ungehinderten Austausch gelegen sein?
Schweizer waren bisher tatsächlich sehr begehrte Partner. Darum hoffe ich schon, dass auch aufseiten der EU Vorteile für einen regen Austausch gesehen werden.

Was denken Sie: Wird das Problem rechtzeitig gelöst?
Das kann ich nicht abschätzen. Da müssen Sie Politiker fragen.

Erstellt: 19.02.2014, 10:37 Uhr

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Media ist Teil des Programms Creative Europe, mit dem der Kontinent für den Zeitraum von 2014 bis 2020 den kulturellen Austausch regeln möchte. Neben Media kämpft die Schweizer Kulturpolitik auch für die Teilnahme am Unterprogramm Kultur, das Literatur- und Kunstpreise, aber auch das Label der europäischen Kulturhauptstädte umfasst. sda/gr

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