Resultate der Vox-Analyse sind wohl falsch

Experten zufolge taugen Umfragen nicht, um Aussagen zur Stimmbeteiligung der Jungen zu machen. Überhaupt mahnen die Statistiker zu mehr Vorsicht bei der Interpretation solcher Erhebungen.

Die Jungen sind wohl weniger stimmfaul als behauptet: Jugendsession. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Die Jungen sind wohl weniger stimmfaul als behauptet: Jugendsession. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Selbst Bundespräsident Didier Burkhalter hat in die Tasten gegriffen. Für die gestrige «Schweiz am Sonntag» verfasste er einen Text zur tiefen Stimmbeteiligung der Jungen. Burkhalter ist nicht der Einzige, der die Jugendlichen für die Politik begeistern möchte. Landesweit sind Politiker und Medien in grosser Sorge, seit die Vox-Analyse ergeben hat, dass bei der Masseneinwanderungs­initiative nur 17 Prozent der unter 30-Jährigen abgestimmt haben sollen. Auch der «Tages-Anzeiger» widmete dem Thema eine Doppelseite.

Bloss: Die 17 Prozent stimmen wohl nicht. Die Kantone Genf und Neuenburg kamen jedenfalls zu ganz anderen Resultaten, als sie die Stimmausweise anonymisiert auswerteten. Ebenso die Stadt St. Gallen. Überall gingen rund 40 Prozent der Jungen zur Urne. Für den Zürcher Politologieprofessor Marco Steenbergen sowie seinen Assistenten Kushtrim Veseli ist daher klar, dass bei der Vox-Analyse etwas schiefgelaufen sein muss. «Wir gehen davon aus, dass die Vox-Daten nicht repräsentativ sind», liessen sie sich gestern in der «NZZ am Sonntag» zitieren.

Longchamp relativiert

Claude Longchamp hat die Analyse mit seinem Meinungsforschungsinstitut GFS Bern und der Universität Genf durchgeführt. Er relativiert die Zahlen aus Genf und St. Gallen. In solchen Stadtregionen würden überdurchschnittlich viele Junge mit hoher Bildung wohnen. Dies beeinflusse die Stimmbeteiligung. Die Vox-Analyse sei dagegen landesweit durchgeführt worden. Dabei habe man auch 200 Junge unter 30 Jahren befragt.

Auf was soll man nun abstellen? Politexperte Michael Hermann und Peter Moser vom Statistischen Amt des Kantons Zürich finden übereinstimmend: eher auf die offiziellen Zahlen aus Genf, Neuenburg und St. Gallen. Es könne zwar durchaus Unterschiede zwischen Stadt und Land geben, so Hermann, aber niemals in diesem Ausmass.

«Fast nichts Gescheites sagen»

Moser traute den 17 Prozent von Beginn weg nicht. «Bei Umfragen ist die angegebene Stimmbeteiligung stets verzerrt», weiss er aus Erfahrung. Zum einen lassen sich vor allem jene befragen, die sich für Politik interessieren und daher eher abstimmen gehen. Zum anderen wird in solchen Umfragen geschwindelt. Man möchte als guter Schweizer dastehen. Und der geht bekanntlich zur Urne.

Dieser Effekt spielte auch bei der Vox-Analyse zur Masseneinwanderungs­initiative. 76 Prozent gaben an, abgestimmt zu haben. Effektiv gingen aber nur 56 Prozent zur Urne. Damit es am Ende trotzdem stimmte, haben die Befrager die Nichtstimmenden stärker gewichtet. Nun hat dies aber bei den Jungen möglicherweise zu einer Verzerrung geführt, wie Politologieprofessor Pascal Sciarini von der Uni Genf einräumt. Es sei «denkbar, dass Junge eher zugeben, nicht abgestimmt zu haben», schrieb er am Samstag in der «Berner Zeitung» und auf Tagesanzeiger.ch.

Moser und Hermann hätten es begrüsst, wenn die Autoren der Vox-­Analyse bereits bei der Publikation auf solche Unschärfen aufmerksam gemacht hätten. «Wenn man ehrlich ist, kann man aufgrund von Umfragen zur Stimmbeteiligung fast nichts Gescheites sagen», findet Moser. Besonders schwierig ist es bei den Jungen. Sie sind nämlich übers Festnetztelefon nur schwer erreichbar. Und ihre Handynummern finden sich in der Regel nicht im Telefonbuch. Kommt hinzu, dass der Anruf eines Umfrageinstituts unterwegs wohl weniger goutiert würde als zu Hause, wo man eher Zeit hat.

Spricht das Umfrageinstitut aber nur mit jenen, die einfach erreichbar sind, kann dies zu einer Verzerrung führen. Das Bundesamt für Statistik versucht daher, jene Personen, die es zufällig ausgewählt hat, mehrfach und über längere Zeit zu erreichen. Dies verursacht freilich höhere Kosten und braucht auch mehr Zeit. «Schnelle Antworten darf man von einer solchen Umfrage nicht erwarten», sagt Moser. Dafür sei die Qualität der Daten besser. Andernfalls erhöhe die Verzerrung bei der Auswahl der Befragten die Unschärfe – zusätzlich zum Vertrauensintervall aufgrund der eingeschränkten Stichprobe.

Weisen die Statistiker auf solche Unsicherheiten hin, verdrängen dies die Medien gerne. Gewünscht sind knackige Aussagen, nicht Ungewissheiten. Dies verleitet manchmal auch den einen oder anderen Wissenschafter zu unvorsichtigen Aussagen. Michael Hermann sieht daher im jüngsten Fall einen «Weckruf, dass man Umfrageresultate vorsichtig interpretieren muss».

Es gibt nichts Besseres

Sollte man gleich ganz auf die Vox-Analyse verzichten? Nein, findet Peter Moser. Es gebe nichts Besseres. Die Gründe, weshalb jemand Ja oder Nein stimme, seien ja auf dem Stimmzettel nicht aufgeführt – ebenso wenig die Parteipräferenz. Die Nachfrage nach solchen Antworten sei aber gross. Also müsse man sie erfragen und bei der Präsentation auf die Unschärfen aufmerksam machen.

Eigentlich hätte Professor Sciarini ja hellhörig werden müssen bei einer Stimmbeteiligung der Jungen von nur 17 Prozent. Er hat nämlich das Genfer Abstimmungsverhalten in einem umfangreichen Forschungsprojekt untersucht – aufgrund von anonymisiert ausgewerteten Stimmausweisen. Dabei zeigte sich, dass die unter 30-Jährigen nicht weniger oft zur Urne gehen als vor 20 Jahren. Zwar variiert ihre Stimmbeteiligung je nach Thema, verharrt aber über längere Zeit betrachtet bei mehr als 30 Prozent.

Sie liegt damit freilich immer noch 15 bis 20 Prozentpunkte tiefer als bei den über 30-Jährigen. Meist gehen die Jungen eben erst nach der Gründung einer Familie öfter zur Urne. Insofern haben sich Politiker und Medien wenigstens nicht ganz vergebens Sorgen gemacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2014, 01:49 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Handy-Befragung brächte neue Probleme»

Interview Die Stimmbeteiligung der Jungen ist womöglich höher als von der Vox-Analyse erhoben. Politologe Claude Longchamp nimmt Stellung zur Kritik an seinen Ergebnissen – und beleuchtet Alternativen. Mehr...

Junge stimmen womöglich öfter ab als vermutet

Seit der Abstimmung zur Einwanderungsinitiative spricht die Schweiz von der unpolitischen Jugend. Nun legen die Macher der Vox-Analyse dar, dass die Beteiligung der Jungen höher sein könnte, als in den Umfragen zum Ausdruck kommt. Mehr...

Die Gründe für den Politikverdruss der Jungen

Analyse Nur 17 Prozent der unter 30-Jährigen haben über die Masseneinwanderungsinitiative abgestimmt. Nach dem Ja sind viele Junge über ihre Abstinenz erschrocken. Dabei gibt es gute Gründe dafür. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Ein bisschen wie in Rio: Anlässlich des Blumenkarnivals ziehen die gefiederten Tänzerinnen einer spanischen Gruppe durch die Strassen von Debrecen, Ungarn. (20. August 2017)
(Bild: Zsolt Czegledi/EPA) Mehr...