Revolution in Bethlehem

Die Weihnachtsgeschichte ist die notwendige Erinnerung an den zentralen westlichen Wert – die Menschenwürde.

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Autoritäre, antidemokratische und antiaufklärerische Kräfte sind in der Welt auf dem Vormarsch. Marodeure eines Islamischen Staats, dem selbst Islamisten Legitimität absprechen, brandschatzen, morden und köpfen. In Russland ruft das Mannsbild Wladimir Putin ein neues Reich aus, das so mächtig und so rücksichtslos ist, wie jenes unter Chruschtschow war. Chinas starker Mann Xi Jinping nimmt den Kampf gegen Korruption zum Anlass, seinen Machtzirkel über das Gesetz zu stellen. Chinas wirtschaftliche Potenz will er in politische Vormacht um­münzen, Demokratie, auch in bescheidenen Ansätzen, bleibt ihm suspekt.

Das Modell der offenen Gesellschaft und der Demokratie ist im akuten Selbstverteidigungsmodus. In Kobane, Donezk und Hongkong. Aber nicht nur da. Der Westen selbst kränkelt.

Die USA, das Land der ersten Menschenrechtsdeklarationen, können sich nicht darauf einigen, wie sie den Grundrechtsbruch aufarbeiten wollen, den ihnen die Folterknechte ihrer Geheimdienste zugefügt haben. Der Grossmacht mangelt es zunehmend am moralischen Kapital, um die Rolle des Weltpolizisten zu geben.

Und in Europa? Hier schleppt sich die Wirtschaft dahin, sie gibt den Jungen kaum Hoffnung auf Wohlstand. Viele fühlen sich von der freiheitlichen Wirtschaftsordnung um ihre Zukunft betrogen. Da wächst die Hoffnung auf starke Leader. Sicherheit und wirt­- schaftliches Gedeihen scheinen mit Einbussen an Freiheit billig erkauft zu sein. Das zeigt sich am wachsenden Zuspruch für Putin, Le Pen und andere Führungsfiguren – bis hin zu Angela Merkel, in der sich je länger, desto mehr die ganze Macht konzentriert.

Diese Krise liberaler Werte reicht bis in die Schweiz. Hierzulande werden Zweifel gestreut an den internationalen Institutionen, die das schwierige Geschäft besorgen, die Menschenrechte aus der abstrakten Sphäre der Normen für die aktuelle Lebenswelt zu übersetzen.

Jeder Mensch verdient Achtung

Am Schluss eines Jahres, in dem westliche Werte zurückgedrängt und von innen her angenagt werden, ist Weihnachten die Gelegenheit, uns der Quelle westlicher Kultur und Politik zu erinnern. Die Weihnachtsgeschichte hält in einfachen Worten den zentralen Wert fest, auf dem Freiheit, Bürgerrechte und Demokratie beruhen: die Unantastbarkeit des Menschen.

Das Kind, geboren in einer Hütte oder Grotte, schlafend in der Krippe, eingewickelt in Lumpen, ist Gottes Sohn. Dem Säugling huldigen Hirten und Könige gleichermassen. Die Geschichte der Menschwerdung Gottes will sagen: Jeder Mensch verdient Achtung, voraussetzungslos. Menschenwürde wird nicht verliehen, sie ist angeboren und unveräusserlich.

Dieser Gedanke ist die zentrale Aussage des Weihnachtsfestes. Der Historiker Heinrich August Winkler hat das Geschehen in Bethlehem eine Revolution genannt. Er gibt Weihnachten die zentrale Rolle bei der Entwicklung der westlichen Werte, auf denen Menschen- und Bürgerrechte beruhen. Vorher war dieser Gedanke nie so deutlich ausformuliert worden. Nachher hat er sich laut Winkler unter fürchterlichen Kämpfen und blutigen Rückschlägen entwickelt.

Aber dieser revolutionäre Kern hat sich in zwei Jahrtausenden schliesslich als Kompass für das politische Handeln durchgesetzt. Gleichgültig, ob man an einen Gott glaubt oder nicht, lohnt es sich, sich diese Weihnachtsbotschaft vor Augen zu halten.

Erstellt: 23.12.2014, 23:09 Uhr

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