Analyse

Rhetorik-Serie (2): Die Provokation in Person

Juso-Präsident Cédric Wermuth treibt derzeit seine Kritiker zur Weissglut und lässt im direkten Duell Rhetorik-Haudegen wie Roger Köppel oder Roger Schawinski alt aussehen. Was hat der Mann wirklich drauf?

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«Aber Herr Wermuth!», rief Radio1-Unternehmer Roger Schawinski an die 20 Mal im Streitgespräch mit dem Juso-Präsidenten Cédric Wermuth. Ausgangspunkt der Diskussion war die im neuen SP-Programm verankerte «Überwindung des Kapitalismus». Schawinski bezeichnete Wermuths Aussagen abwechslungsweise als «Stuss», «Märchen», «Blödsinn» oder «Blabla». Zur Weissglut trieb Cédric Wermuth auch den «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel, in einer Talk-Sendung auf TeleZüri.

Wermuths Aussage in der Radio-Sendung, man solle seine Rolle nicht überbewerten, beherzigten weder Köppel noch Schawinski. Beides gestandene Journalisten und Medienunternehmer, reagierten sie auf den 24-jährigen Jungpolitiker, der letztes Jahr noch Häuser besetzte, als hätten sie den einflussreichsten Schweizer vor sich. Weshalb?

Roger Köppel: «Wermuth führt die SP in die Unseriosität»

«Herr Wermuth versteigt sich zu unhaltbaren Aussagen, um Wind zu machen für seine Nationalratswahl», erklärt Roger Köppel seine heftige Reaktion gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Wermuths Ziel, den Kapitalismus zu überwinden, würde die Schweiz ruinieren.» Zudem sei die SP eine wichtige Partei, die es als Gegengewicht zur SVP brauche. Köppel: «Es ärgert mich, wenn in dieser Volkspartei neuerdings Schaumschlägersozialisten den Ton angeben und die SP in die Unseriosität hineinführen.»

Wermuth sieht es anders: «Köppel und Schawinski sind allgemein sehr aggressive Diskussionspartner», sagt er auf Anfrage. «Aber vielleicht habe ich sie in Rage gebracht, weil ich mich getraue, ihren Status infrage zu stellen.» Publizist Karl Lüönd erklärt es so: «Schawinski und Köppel befürchten wahrscheinlich einen neuen Konkurrenten in ihrem Kerngeschäft, der Herstellung von künstlicher Aufregung.»

Grundsatzfragen im Land der Kompromisse

«Cédric Wermuth spricht Grundsatzfragen an. Das ist in einem Land der Kompromisse ungewöhnlich», sagt Lüönd. «Er hebt sich ab, das ist aus medialer Sicht geschickt. Es interessiert nur das Flugzeug, das über die Piste hinausfährt. Die tausenden Flugzeuge, die reibungslos starten, interessieren nicht.» Natürlich habe die Juso eine klare Kommunikationsstrategie, sagt Wermuth. «Wir spitzen Botschaften sehr bewusst zu, wir emotionalisieren und personalisieren und setzen uns auch über Political Correctness hinweg.»

Karl Lüönd fragt sich, welche Ausbildung oder welcher politische oder geschäftliche Erfolg Wermuth für diese hohe Aufmerksamkeit qualifiziere. Lüönds Erklärung: Wermuth gehöre möglicherweise zu diesen Medientypen «famous for being famous». «Die gibt es vor allem im Ausland.» Hat Wermuth somit Chancen für erhöhte Medienaufmerksamkeit im Ausland, wie das bei anderen unschweizerisch argumentierenden Wortführern der Fall ist?

«Nicht unschweizerisch, sondern neu»

Ein Beispiel ist der Walliser SVP-Nationalrat Oskar Freysinger, der nach dem Ja zur Minarettinitiative im arabischen TV-Sender Al Jazeera auftrat und immer wieder in französischen Medien zu Wort kommt. Oder Jean Ziegler, der in französischsprachigen Medien hohe Beachtung hat. Roger Köppel tritt häufig in deutschen Talkshows auf. Für den Erfolg im Ausland, sagt Lüönd, müsste Wermuth Fremdsprachen beherrschen.

Wermuth selbst hält das Attribut unschweizerisch für gefährlich, wie er sagt. «Meine Argumentationsweise ist nicht unschweizerisch, sondern neu, vor allem bei der Linken», sagt er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Doch die Kommunikationsmittel, die ich gebrauche, sind bekannte Erfolgsfaktoren.»

Erstellt: 27.08.2012, 14:42 Uhr

Publizist Karl Lüönd. (Bild: Keystone )

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