Hintergrund

Ringiers Schlossgespenst

Wenn bei Ringier ein Personalentscheid ansteht, raunt man sich den Namen Frank A. Meyer zu. Wie viel Einfluss hat er noch? Wer ihn kennt, sagt: Am Ende gewinnt immer er.

Erhielt 1999 bei der Wiederwahl von Bundesrat Pascal Couchepin 19 Stimmen: Frank A. Meyer.

Erhielt 1999 bei der Wiederwahl von Bundesrat Pascal Couchepin 19 Stimmen: Frank A. Meyer. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Modespecial der Wochenzeitung «Biel/Bienne» vom Winter 1979 ist unter dem Titel «Der Diplomat im Sonntagsstaat» ein junger, blonder Mann mit Pilzfrisur und Aktenkoffer abgebildet. Dynamisch schreitet er auf den Fotografen zu, im Flanellanzug, mit Seidenkrawatte und Aktenkoffer. Als Extravaganz hat er sich einen hellbeigen Lammfellmantel über die Schultern geworfen. «Bundeshausredaktor Frank A. Meyer hält sich – auch auf dem lokalen Polit-Parkett – an die Tradition von Complet Veston mit Krawatte», steht in der Bildlegende. «Und wie es sich für einen erfahrenen Polit-Wolf gehört, hat sich Frank A. Meyer bei Kleider Frey einen Schafspelz übergeworfen.»

Einen Schafspelz braucht FAM, wie er genannt wird, heute nicht mehr, um seine wahre Natur zu verbergen. Jeder kennt den 69-Jährigen. Immer wenn im Hause Ringier eine Personalentscheidung zu reden gibt, raunt man sich den Namen zu. Eben soll er «Blick»-Chefredaktorin Andrea Bleicher gestürzt, dann aber eine Niederlage erlitten haben, als sein Adlat, «Blick»-Politreporter Henry Habegger, gegen seinen Willen freigestellt worden ist.

Seine Gegner deuten dies als Zeichen, die Ära FAM gehe zu Ende. Doch genau weiss niemand, was hinter den Kulissen passiert, Protokolle oder Tonbandaufzeichnungen seiner Einflussnahme hat es nie gegeben. FAMs Macht ist nicht manifest, aber wirksam, auch wenn er inzwischen in Berlin residiert und sich bescheiden gibt. Seine Gegner sollten Sun Tzus Kunst der Kriegsführung lesen: «Sei extrem subtil, bis zum Punkt der Formlosigkeit. Sei extrem geheimnisvoll, bis zum Punkt der Lautlosigkeit. So wirst du Herrscher über das Schicksal deiner Gegner.» Das ist FAMs Credo. Wer ihn abschreibe, freue sich zu früh, sagt ein alter Weggefährte: «Noch nie hat sich bei Ringier jemand gegen FAM gestellt und ist damit durchgekommen. Am Ende gewinnt er immer.»

FAM selber schweigt. Für Porträts oder Interviews stehe er nicht zur Verfügung, lässt die Pressestelle von Ringier ausrichten. Trotzdem nimmt er das Telefon ab. Wolle er jemanden für sich gewinnen, so erzählt man sich, eröffne FAM das Gespräch mit einem Kompliment. Der «Tages-Anzeiger», sagt er am Telefon, sei eine gute Zeitung, Zürichs beste. Aber nein, über sich reden wolle er nicht. Mit der Reife ist auch seine Eitelkeit eitler geworden. Was FAM zu sagen hat, schreibt er in seinen Kolumnen. Dort predigt er den Mut, gegen den Strom zu schwimmen, macht er sich für Menschenrechte und Demokratie stark. Was seine Funktion bei «Cicero» ist, dem Heft, das ihn offiziell nach Berlin geführt hat? «Ich habe keine Funktion », sagt er. «Ich bin einfach da.»

Jaguar und Maserati

Er ist da und hat vor, zu bleiben. Auch wenn er Nachgeborenen mittlerweile als Ringiers Schlossgespenst erscheint, über das man sich bloss noch Geschichten erzählt. Geschichten vom Drang nach Grösse, von Stolz und Geltungsdrang. Legendär ist Meyers Fähigkeit zur Intrige und die Unversöhnlichkeit seines Zorns. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Und erst noch jene Hälfte, die das Phänomen FAM nicht erklären kann. Die nicht plausibel macht, wie der Büezersohn aus Biel solchen Einfluss gewinnen und ihn bewahren konnte durch alle Gewitterstürme, die seine Karriere begleitet haben. Dazu muss man nicht fragen, warum man ihn hasst, sondern warum so viele Männer und Frauen immer wieder seinem Charme erliegen.

Aufgewachsen ist er im Bieler Arbeitermilieu, der Vater war Uhrmacher bei Rolex, die Mutter fertigte Uhrenbänder. Eine dominante Figur sei sie gewesen, herrisch, laut, bösartig gar. Ihren einzigen Sohn aber habe sie vergöttert. Das hat dieser verinnerlicht. Hochintelligent, belesen, analytisch und von der eigenen Berufung zu Höherem überzeugt, fällt FAM im linken Biel schnell auf. Er schreibt für Gewerkschaftszeitungen, knüpft seine Kontakte, ein «Mozart der Politik» schon damals. Statt fürs Gymnasium entscheidet sich FAM für eine Schriftsetzerlehre, was er später gerne unterstreicht. Sie ist das Pfand seiner Herkunft und bleibt doch Staffage. Ein Handwerker wird FAM nie, er hat Höheres mit sich im Sinn, sitzt im Bieler Café Odeon und debattiert zwischen Gauloises und Rotwein über Sartre, den Existenzialismus, die Französische Revolution.

Für das Büro Cortesi, das er 1969 zusammen mit Mario Cortesi gegründet hat, wirbt er in den Siebzigerjahren Studenten an. «Es waren immer gut aussehende junge Burschen», erzählt ein Weggefährte. FAM prüft ihre Gesinnung – links muss sie sein – und überredet sie, das Studium für den Journalismus aufzugeben. Dann stellt er sie an und spannt ihnen die Freundin aus. Zu dieser Zeit ist er bereits Bundeshauskorrespondent und mischt mit seiner respektlosen Art und besonders mit seiner Rubrik «Kopf des Tages» in der Basler «Nationalzeitung» den behäbigen Politik- und Medienbetrieb auf. Es sind scharfe, aber treffende Kommentare zu Voten von Politikern während der Session.

FAM erfindet den personalisierten Journalismus, den er später wortreich beklagen wird, und begründet damit seine Karriere. Die Linke liebt ihn trotz oder vielleicht auch wegen seines extravaganten Auftritts. Der Arbeitersohn politisiert wohl stramm links, liebt aber den Luxus und lebt wie ein Kapitalist – auch damit ist er ein linker Pionier. Piekfein putzt er sich heraus, fährt alte Jaguar und Maserati, parkt direkt vor dem Bundeshaus und flankt mit elegantem Schwung über die Tür, bevor er die gelochten Lederhandschuhe abstreift.

Bald kennt ihn jeder. Und wenn FAM bei sich zu Hause in Schernelz, in den Rebbergen hoch über dem Bielersee, Grössen aus Politik, Finanz und Wirtschaft «zum Gedankenaustausch» empfängt, dann kommen sie und ziehen bereitwillig ihre Schuhe aus, um dem zarten, weissen Teppich im Living Room nicht zu schaden. In diesem Salon kommt FAMs politisches Talent zum Tragen: Er wittert, wer im Kommen ist und wer bereits im Abstieg, er ahnt die Stärken und die Schwächen von Menschen. Wo er Schwäche sieht, da kompensiert er so geschickt, dass die Betroffenen abhängig werden.

Legendär ist seine Beziehung zu Bundesrat Willi Ritschard, der mitunter morgens um halb acht im Büro Cortesi angerufen haben soll, um sich von FAM aufbauen zu lassen. Doch nicht jeder spricht auf FAMs Charme an. Otto Stich, Pascal Couchepin und Christoph Blocher liessen sich nicht instrumentalisieren und ernteten damit seine Feindschaft. Wer ihm nützt, den umgarnt FAM, wer ihn ablehnt, den bekämpft er. Wen er nicht mehr brauchen kann, lässt er fallen. Gnadenlos.

Eines Tages, Anfang der Achtzigerjahre, tauchen auch die Brüder Ringier bei einem solchen Diner auf. Christoph ist damals Finanzchef beim Familienkonzern und Kronfavorit für die Unternehmensleitung. Michael ist Wirtschaftsredaktor beim «Blick», ansonsten ein kunstsinniger, sensibler junger Mann auf der Suche nach Anerkennung, voller Ehrgeiz, aber ohne Plan. Christoph bleibt dem Gastgeber gegenüber reserviert, aber Michael ist hingerissen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die die Geschicke FAMs, Michael Ringiers und des Konzerns bestimmen wird – bis heute. «Zwischen uns beide passt kein Seidenpapier», sagt Meyer über seine Beziehung zum Verleger. Viel wird darüber spekuliert, was die zwei Männer in so inniger Freundschaft verbindet.

«Es ist eine Art Erotik, aber eine Erotik des Geistes», sagt ein Weggefährte. «Frank spricht zu Männern wie sonst nur eine Mutter zu ihrem Sohn. Am besten kommt er an bei Menschen mit Drang zur Macht, aber schwachem Ego.» Im Familienunternehmen steht Michael im Schatten des älteren Bruders Christoph, mit dem er es nicht besonders gut kann und dem er im Machtkampf um den Konzern strategisch unterlegen ist. Bis FAM auftaucht. Er weckt in Michael die Vision, der grösste Verleger Europas zu werden. Und er hilft ihm – mit Erfolg. 1991 ist es so weit: Michael Ringier übernimmt die Firma. Und bedankt sich, indem er FAM als Chefpublizist in die Unternehmensleitung holt.

Zerstörerische Leidenschaften

Nun ist FAM da, wo er immer sein wollte, nun spielt er das grosse Spiel, mischt sich ein, macht Politik und Politiker. Ein Weggefährte meint: «Die Stärke eines ‹SonntagsBlick›-Chefredaktors konnte man immer am Umfang von FAMs Kolumne ermessen. Eine Seite bedeutet, der Chefredaktor ist stark. Ist er schwach, wuchert die Kolumne ungehemmt ins Blatt.» FAM ist Drahtzieher hinter den Kulissen, doch seine Feindschaften sind zerstörerisch, wie die Borer-Affäre 2002 zeigte.

Er war es, der den Botschafter Lustig nicht mochte, ihm Affären zutraute, den Ruf der Schweizer Botschaft in Berlin gefährdet sah und darauf drängte, eine Korrespondentin eigens auf Thomas Borer anzusetzen. Er drängte den damaligen «SonntagsBlick»-Chefredaktor Mathias Nolte zur Skandalstory. Als Nolte schliesslich den Entscheid fällt, ist FAM schon weg. «Er weiss immer genau, wenn er gehen muss», sagt ein Branchenkenner. Die Affäre fliegt allen um die Ohren. Borer droht mit einer Millionenklage, es kommt zum Vergleich, Michael Ringier zahlt einen Millionenbetrag und entschuldigt sich. FAM bekommt Schreibverbot und wird nach Berlin geschickt. Ein halbes Jahr später aber ist Borer weg. Und FAM schreibt wieder.

Heute ist der Ringier-Konzern im Ausland ein kühl kalkulierendes Unternehmen, das Zeitungen und Zeitschriften gründet, zusammenkauft, verkauft oder liquidiert. Im Heimmarkt gibt der Konzern ein anderes Bild ab: «Blick» und «SonntagsBlick» sind politisch ambitioniert, ertragsschwach und zögerlich. Zu erklären ist diese Diskrepanz nicht zuletzt mit FAM. Er ist der Motor der politischen Ambition. Im Kern träumte Frank A. Meyer immer davon, selbst Politik zu machen. Er beansprucht Deutungshoheit und gesellschaftlichen Gestaltungswillen für sich. Letztlich geht es ihm vor allem darum, sich selbst zu portieren. Und das tut er anhaltend erfolgreich. Wer wissen will, wo FAM steht, braucht sich nur seine Kolumne «Auf einen Espresso» in der «Schweizer Illustrierten» anzuschauen, in der Ringier-CEO Marc Walder ihm wöchentlich mit einer devoten Einstiegsfrage den Bückling macht. FAM ist noch da.

Er hat alles unter Kontrolle. Und er wird dafür sorgen, dass das so bleibt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2013, 13:43 Uhr

Artikel zum Thema

Der Bleicher-Effekt

Analyse Andrea Bleicher, die erste Frau an der Spitze des «Blicks», wird bereits nach einem halben Jahr wieder abgesetzt und verlässt Ringier. Sie verhielt sich nicht, wie man es von einer Frau erwartet, sondern wie ein Mann. Mehr...

«Ich gehe nicht nach Hause und heule»

Interview Andrea Bleicher über ihren Abgang beim «Blick», warum sie das Angebot Ringiers nicht angenommen hat und was sie als Nächstes vorhat. Mehr...

Der irritierende Wechsel

Analyse Topjob beim TV und wenig Erfahrung im Printjournalismus: Warum nur wechselt Christine Maier zum «SonntagsBlick»? Ringier weiss, was der Konzern mit ihr bekommt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...